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„Man lernt in Sachen VfB nie aus“

Clubhistoriker Florian Gauß spricht über das zu Ende gehende Jubiläumsjahr und den Traum von einem VfB-Museum

Florian Gauß ist in den vergangenen zwei Jahren tief in die Geschichte des Vereins für Bewegungsspiele von 1893 eingetaucht. Der Historiker des VfB Stuttgart war der entscheidende Mann im Hintergrund für die Aktionen zum 125-Jahr-Jubiläum.

Stuttgart

Frage: Herr Gauß, das Jubiläumsjahr des VfB Stuttgart neigt sich dem Ende entgegen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Antwort: Auch wenn die letzten Monate aus sportlicher Sicht schwierig waren, denke ich, dass die gesamte weiß-rote Familie viel Freude an diesem besonderen VfB-Jahr hatte. Angefangen mit dem Tag des Brustrings, zu dem über 100 000 Fans geströmt sind, über die noch laufende Sonderausstellung im Mercedes-Benz-Museum bis hin zu den 125-Jahr-Publikationen und vielen weiteren Aktionen: Das Jubiläumsjahr ist ein voller Erfolg.

Frage: Lässt sich der auch an Zahlen festmachen?

Antwort: Die Ausstellung haben bis Weihnachten mehr als 100 000 Menschen besucht. Unser Buch verkauft sich gut, das gegen Schalke 04 von der Mannschaft getragene Ur-Trikot ebenso. Das zeigt, dass die Menschen stolz auf ihren VfB und seine Geschichte sind.

Frage: Wie wichtig ist für einen Traditionsclub wie den VfB Stuttgart seine Geschichte – gerade in Abgrenzung zu weit jüngeren Konkurrenten wie beispielsweise der TSG Hoffenheim?

Antwort: Den meisten Anhängern geht es weniger um Abgrenzung als um Identifikation. Jeder Fan verbindet seine eigene Geschichte mit dem Verein, was von Generation zu Generation weitergegeben wird und für den Kitt, den inneren Zusammenhalt sorgt. Geschichte ist ein bleibender Wert. Da ist es letztlich gar nicht so wichtig, wie oft man deutscher Meister geworden ist. Wenn ein Verein 125 Jahre alt wird, kann er nicht alles falsch gemacht haben.

Frage: Was ist das Besondere an der Geschichte des VfB Stuttgart?

Antwort: Dass es nie einfach mit ihm war (lacht). Von den ständigen Auf und Ab muss ich an dieser Stelle nicht erzählen. Ein eindeutiges Spezifikum im deutschen Spitzenfußball ist sicher die Ortskontinuität des Vereins. Wenn Sie auf der Geschäftsstelle mit einem Zirkel einen drei Kilometer großen Kreis ziehen, decken Sie räumlich gesehen die komplette VfB-Geschichte ab. Denn weiter hat sich der Club nie von seinen Wurzeln entfernt.

Frage: Welche ist aus Ihrer Sicht die prägendste ­Epoche?

Antwort: Eindeutig die 50er Jahre. Mit vier Titeln in acht Jahren markieren sie die erfolgreichste Dekade. Bei den Feierlichkeiten waren schon damals 250 000 Menschen auf den Beinen. Es sind die gleichen Bilder wie bei der Meisterschaft 2007 – nur in Schwarz-Weiß. Wann gibt und gab es das jemals sonst in Stuttgart? Das schafft nur der Fußball, das schafft nur der VfB.

Frage: Was konnten Sie, der sich wie kein Zweiter mit der Geschichte des Vereins für Bewegungsspiele befasst hat, im 125. Jahr des Bestehens noch Neues lernen?

Antwort: Man lernt auch in Sachen VfB nie aus. Es gibt in der Geschichtsschreibung des Vereins immer noch Lücken, speziell, was die Frühzeit angeht. Es wird natürlich immer schwieriger, noch Quellen aus dieser Zeit aufzutun. Gerade hinsichtlich der musealen Vermittlung von Inhalten habe ich während der Zusammenarbeit von den Experten des Mercedes-Benz-Museums unwahrscheinlich viel lernen dürfen.

Frage: Wie verhält es sich mit der jüngeren Vergangenheit? Befasst sich die VfB-Forschung auch mit der Frage, warum Trainer X gerade mal wieder entlassen wurde? Oder Manager Y das Handtuch schmiss?

Antwort: Solche Dinge stehen nicht primär im Fokus der Geschichtsschreibung (schmunzelt).

Frage: Wie sieht Ihre Arbeit als Archivar grundsätzlich aus?

Antwort: In einem Traditionsverein wie dem VfB spielen die Bewahrung und Vermittlung der Geschichte nicht nur in Jubiläumsjahren eine große Rolle im Tagesgeschäft. Daneben liegt ein Schwerpunkt auf der Daueraufgabe, Objekte zu sichten, zu bewerten und auf einer Fläche von etwa 120 Quadratmetern im Bauch der Cannstatter Kurve zu archivieren. Das können neben Vereinsdokumenten auch Sammlerstücke von Fans oder ehemaligen Spielern und Funktionären sein. Und natürlich stöbere ich viel in Archiven und alten Texten, um mir ein umfassendes Bild von früheren Zeiten zu verschaffen. Während der letzten beiden Jahre lag der Fokus jedoch ganz eindeutig in der Vorbereitung der Sonderausstellung.

Frage: Welche Sammlerstücke waren die wertvollsten?

Antwort: Das lässt sich schwer beziffern. Jedes Objekt, ob es sich um eine alte Eintrittskarte, einen Wimpel oder einen getragenen Kickschuh handelt, hat für sich einen Wert. Spontan fällt mir der Endspielball um die deutsche Meisterschaft 1952 ein. Den hat uns vor nicht allzu langer Zeit die Schwester von Doppeltorschütze Otto Baitinger zur Verfügung gestellt. Oder die Scherben des Geschirrs, das im einstigen Gründungshotel Concordia in Bad Cannstatt aufgetischt und im vergangenen April bei Baggerarbeiten auf unserem Trainingsgelände entdeckt wurde. Das sind im wahrsten Sinne des Wortes Schätze, die man heben kann.

Frage: Das schreit ja förmlich nach einem VfB-Museum.

Antwort: Das ist ein großer Traum von uns allen.

Frage: Wann wird er wahr?

Antwort: Überlegungen zu einem Museum gab es ja bereits in der Vergangenheit. Hierzu sind aber neben der inhaltlichen Aufarbeitung der Vereinsgeschichte noch weitere Fragen, wie etwa die nach einem geeigneten Standort, zu klären. Und natürlich benötigt man dafür auch nicht unerhebliche finanzielle Mittel.

Frage: Wäre nicht im Stadion oder im Mercedes-Museum noch Platz?

Antwort: Die Räumlichkeiten in der Mercedes-Benz-Arena sind begrenzt. Für die Sonderausstellung ist das Mercedes-Benz-Museum sowohl hinsichtlich der thematischen Schnittstellen als auch aufgrund der langen gemeinsamen Partnerschaft der beiden schwäbischen Institutionen die ideale Plattform. Wir sind dem Mercedes-Benz-Museum enorm dankbar für die partnerschaftliche Zusammenarbeit sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung dieses Projekts. Die Ausstellung ist ein hervorragender Testlauf für weitere Planungen zur Errichtung eines VfB-Museums. Naturgemäß ist das Mercedes-Benz-Museum aber natürlich ein Automobilmuseum.

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Erstellt:
27. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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