Mit der Pferdekutsche zum Auswärtsspiel

Backnangs ältester Fußballverein blickt auf viele Erfolge zurück – Gründungsversammlung in der Gaststätte Kronprinzen

Bejubelt ihr 100-jähriges Bestehen: Die TSG Backnang 1919. Mit dem Gastspiel des Zweitligisten VfB Stuttgart startet am Freitag, 5. Juli, ein Fußballwochenende, an dem die Kugel drei Tage lang fast ununterbrochen in den Etzwiesen rollt. Foto: J. Helmholz

© (c) Juergen Helmholz

Bejubelt ihr 100-jähriges Bestehen: Die TSG Backnang 1919. Mit dem Gastspiel des Zweitligisten VfB Stuttgart startet am Freitag, 5. Juli, ein Fußballwochenende, an dem die Kugel drei Tage lang fast ununterbrochen in den Etzwiesen rollt. Foto: J. Helmholz

Von Uwe Flegel

Die TSG Backnang Fußball feiert in diesem Jahr ein Jubiläum. Im Gasthof zum Kronprinzen wurde vor 100 Jahren eine Entscheidung getroffen, die die Geschichte des Sports im Murrtal prägte. Einige junge Männer hoben den Fußballverein Backnang aus der Taufe. Funktionäre der ersten Stunde waren Paul Eckert (Vorsitzender) sowie Männer wie Robert Specht, Otto Jernß und Otto Fritz. Kassiere waren Karl Zerweck, Fritz Hauber, Ernst Schleicher, Otto Fritz und Hermann Kircher. Schon damals prägte die Jugendarbeit den Verein. Von Beginn an gab’s eine Nachwuchsabteilung. Geleitet wurde die von Otto Felger zusammen mit Hermann Kircher, Julius Scheerer und Karl Klopfer. Um den Spielbetrieb kümmerten sich die technischen Leiter Otto Langbein und Otto Felger.

In den Schoß fiel den Gründervätern nichts. Mangels Sportplatz fand das erste Fußballspiel zum Beispiel in Schwäbisch Hall statt. Danach war erst der Platz am Seminar, dann die Bleichwiese die Heimat. Wobei viel Schweiß floss, bis an der Bleichwiese gekickt wurde, musste doch eine Eisbahn zum Fußballplatz ausgebaut werden. Es dauerte bis 1920, ehe die Elf aus dem Murrtal um Punkte kämpfte. Gegner in der C-Klasse waren unter anderem Germania Bietigheim oder SV Fellbach. Alles hat sich in 100 Jahren also nicht verändert. Schon nach einem Jahr spielte Backnang in der B-Klasse.

Gängiges Mittel, womit Backnangs Fußballer zu Auswärtsspielen kamen: Pferdefuhrwerke, wie das der Familie Kircher. Mit dieser Kutsche wurden allerdings weniger die Sportler, sondern vor allem die sogenannte Ausrüstung transportiert. Foto: Kircher

Gängiges Mittel, womit Backnangs Fußballer zu Auswärtsspielen kamen: Pferdefuhrwerke, wie das der Familie Kircher. Mit dieser Kutsche wurden allerdings weniger die Sportler, sondern vor allem die sogenannte Ausrüstung transportiert. Foto: Kircher

Wer damals Fußball spielen wollte, musste ab und zu nicht nur in der Familie oder im Beruf Widerstände überwinden. Auch logistisch war vieles nicht so einfach. Zu Auswärtsspielen ging’s per Pferdewagen oder auch Fahrrad. Auch für eine richtige Heimspielstätte musste gekämpft werden. Erst nach zähem Ringen gelang es Karl Sommerer sowie Albert Hermann, dass in den Etzwiesen ein Gelände gekauft und darauf eine Sportanlage errichtet werden konnte, die im September 1925 mit einem Spiel gegen den VfB Ludwigsburg eingeweiht wurde.

Von Duschen und solchen Dingen waren die Backnanger damals aber noch weit entfernt. Zum Waschen ging es zunächst in die Murr. Ab 1928 stand ein Wirtschaftsgebäude zur Verfügung. Zudem wurde ein Tiefbrunnen gebohrt, der über eine Handpumpe das Wasser für einen Waschtrog lieferte. Über lange Zeit war dies der „Waschraum“ der Aktiven.

Sportlich ging es ebenfalls aufwärts. 1938 war die Bezirksklasse erreicht. Lange hielt der Jubel nicht an – der Zweite Weltkrieg begann. Erst 1946 nahmen Backnangs Fußballer den Spielbetrieb wieder auf. Doch auch im Murrtal wurde verlangt, dass sich der gesamte Sport in einem Verein zusammenschloss. Oftmals durften die alten Vereinsnamen nicht mehr benutzt werden. Deshalb kam es zur Gründung der Sportvereinigung. Deren Erste stieg 1950 in die neu gegründete II. Amateurliga auf, der sie bis 1965 angehörte. Ab 1952 unter dem heutigen Namen TSG Backnang. Zudem hatten sich die Vereinsfarben gewandelt. Aus dem anfänglichen Rot-Schwarz war das noch heute gültige Rot-Weiß geworden.

Auch die der Backnanger Jugend- und Männermannschaften präsentierten sich 1924 in ihren schmucken Trikots stolz dem Fotografen. Foto: Kircher

Auch die der Backnanger Jugend- und Männermannschaften präsentierten sich 1924 in ihren schmucken Trikots stolz dem Fotografen. Foto: Kircher

Die TSG war längst ein aufstrebender Verein. Einer, der bereits 1952 mit dem Vergleich gegen den FC Thun-Dürrenast aus der Schweiz ein sogenanntes internationales Spiel in Backnang austrug. Ein Verein, der 1957 zum Beispiel Meister der Staffel 2 der II. Amateurliga wurde. Der Sprung in die I. Amateurliga gelang nach mehreren vergeblichen Anläufen allerdings erst 1965. Es war wohl die sportliche Blütezeit, die 1967 mit dem Aufstieg in die damals zweithöchste deutsche Spielklasse, die Regionalliga Süd, ihren Höhepunkt fand. Bis zu 8000 Zuschauer bevölkerten das Etzwiesenstadion. Heutzutage unvorstellbar.

Auf das Hoch folgte zunächst ein Rückfall in die Normalität, dann einige eher dürre Jahre. Ab 1976 spielte die TSG nur noch II. Amateurliga, die wenig später in die Landesliga umbenannt wurde. Dort mischte Backnang oft vorne mit, stieg auch in die Verbandsliga auf und spielte dort phasenweise eine gute Rolle. Mehr ging nicht. Dafür gelang der zweiten Mannschaft 1982 der Aufstieg in die Bezirksliga. Und auch der Frauenfußball gab wenig später seine erste Stippvisite in den Etzwiesen ab. Die erste Mannschaft setzte 1991 mit dem WFV-Pokalsieg noch einmal ein sportliches Glanzlicht. Ansonsten – wie schon erwähnt – wurde zwischen Verbands- und Landesliga gependelt. Das änderte sich erst am Sonntag, 18. Juni 2017, mit dem 4:1-Sieg im Relegationsduell beim Freiburger FC und dem Aufstieg in die Oberliga. Zwei Jahre später ist die TSG wieder zurück in der Verbandsliga. Der Freude über 100 tolle Fußballjahre in den Etzwiesen tut das aber keinen großen Abbruch.

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Erstellt:
4. Juli 2019, 11:30 Uhr

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