Ohne Sport geht’s nicht einmal im Beruf

2016 platzte sein Olympiatraum, mit dem Einstieg ins Arbeitsleben begann für den Triathleten Christopher Hettich im Herbst 2017 der Rückzug auf Raten. Er wird aber weiterhin Wettkämpfe bestreiten, steigt als Trainer ein und hat auch im Job mit Athleten zu tun.

Im Triathlon feierte Christopher Hettich seine größten Erfolge, auch beim Rennen in Backnang sicherte er sich schon den Sieg. Foto: A. Becher

© Sportfotografie Alexander Becher

Im Triathlon feierte Christopher Hettich seine größten Erfolge, auch beim Rennen in Backnang sicherte er sich schon den Sieg. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Mit dem Nachnamen Hettich ist es praktisch undenkbar, keinen Sport zu treiben – auch wenn die Backnanger Familie mit der aktuellen deutschen Biathletin Janina Hettich oder mit Olympiasieger Georg Hettich nichts zu tun hat. Sein verstorbener Vater Werner, die beiden Onkel Horst und Rolf, die Schwestern, Tanten, Cousinen und Cousins: Seit frühester Kindheit wird Christopher Hettich von Verwandten geprägt, die sich winters die Ski anschnallen oder sogar mit Biathlongewehren hantieren, die an Volksläufen teilnehmen und nicht einmal vor einem Marathon zurückschrecken oder die auf dem Fußballplatz dem runden Leder nachjagen. „Niemand wurde gezwungen“, erinnert sich der 33-Jährige: „Jeder tat, was ihm Spaß machte.“

Er selbst war etwa beim Kinderturnen und schnupperte beim Judo rein, doch es kristallisierte sich rasch heraus, dass der Ausdauersport sein Ding ist. Und zwar in allerlei Ausprägungen, weshalb Christopher Hettich im Langlauf, Straßen- und Waldlauf, Duathlon, Triathlon und Wintertriathlon reüssierte. Am besten kamen seine Qualitäten in der Kombination aus Schwimmen, Radfahren und Laufen zur Geltung. „Im Triathlon konnte ich mich kontinuierlich verbessern. Das hat mich sehr weit gebracht und ich habe viel von der Welt gesehen.“ Vor allem in der Phase, als er mit aller Macht ein Ticket für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro lösen wollte, sammelte der Schwabe viele Flugmeilen, um zum Beispiel in Australien und Neuseeland die nötigen Resultate einzufahren. Ohne Erfolg, denn wie alle Kollegen im Nationalkader erfüllte er die offiziellen Kriterien der Deutschen Triathlon-Union nicht und die DTU ließ die Möglichkeit verstreichen, trotzdem zwei Athleten für das Männerrennen an der Copacabana zu nominieren. Hettich wäre damals einer von fünf Kandidaten gewesen. „Ich bin damit im Reinen“, kommentiert er die umstrittene, inzwischen auch bereits wieder viereinhalb Jahre zurückliegende Entscheidung, „aber im ersten Moment ärgert man sich schon arg, wenn man so lange darauf hingearbeitet hat.“

Der Olympiatraum war damit geplatzt. Und zwar ein für alle Mal, denn nach den Spielen in der brasilianischen Metropole leitete die DTU auf der olympischen Distanz (1500 Meter Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren, 10 Kilometer Laufen) den Generationswechsel ein. Wie Hettich erzählt, „wurden alle Sportler über 25 Jahre quasi ausgemustert“. Also auch er, dessen Konsequenz der Wechsel auf die Mitteldistanz (1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und ein Halbmarathon) war. Der Murrtaler zeigte sein Können mit dem 14. Platz bei der EM 2016 in Wiesbaden und mit dem dritten Rang bei den nationalen Titelkämpfen im Jahr darauf, bei denen er sich lediglich Jan Frodeno und Roman Deisenhofer beugen musste und in der M 25 sogar gewann.

Hettichs Arbeitgeber unterstützt Profis wie Kienle und Gabius, aber auch Nachwuchssportler.

Nun stellte sich nach dem abgeschlossenen Studium die wegweisende Frage: Noch einmal alles auf die Sportkarte setzen oder den Absprung in die Arbeitswelt vollziehen? „Ich wollte in beiden Bereichen keine halben Sachen machen“, blickt Hettich zurück. Das Angebot im Oktober 2017, der Assistent der Geschäftsführung einer Gesellschaft eines großen Fitnesskonzerns zu werden, erleichterte ihm die Entscheidung. Er zog sogar nach Berlin, obwohl die Hauptstadt auf ihn nie große Anziehungskraft ausübte, „aber ich wollte diese Chance nutzen“. Zweieinhalb Jahre lebte Hettich an der Spree, seit April des vergangenen Jahres wohnt er wieder in Backnang und ist für ein Unternehmen in der Fotovoltaikbranche in Güglingen tätig. 50 Prozent seiner Arbeitszeit sind für die Rolle als Projektmanager für Solarparks in ganz Deutschland vorgesehen. Ansonsten kümmert er sich ums „Sportsteam“ der Firma, das Profis wie die Triathleten Sebastian Kienle, Laura Philipp und Maurice Clavel, Langstreckenläufer Arne Gabius oder Bergsteiger Jost Kobusch, aber auch Nachwuchstalente unterstützt. „Ich bin für die Organisation im Hintergrund verantwortlich und arbeite eng mit Sportmanager Ronnie Schildknecht zusammen“, erklärt Hettich.

Tagtäglich im Beruf mit Sport zu tun zu haben, reicht ihm nicht, auch sonst spielt seine Leidenschaft weiter eine Hauptrolle: „Mittlerweile aber vor allem, um Spaß zu haben – und das definiert sich nicht über Zeiten und Platzierungen.“ Langlauf, Jogging, Rennrad- und Mountainbiketouren – eine breite Palette. Besonders angetan hat es ihm das Bikepacking, also Radreisen mit leichtem Gepäck und der Möglichkeit, in einem Biwak zu übernachten. In mehreren Etappen am Wochenende strampelte er bereits vom dänischen Kolding ins polnische Danzig, stets an der Ostsee entlang. Er durchquerte den Schwarzwald und von der Trans Germany bis zum Kap Arkona auf Rügen fehlt ihm nur noch das Teilstück vom Startpunkt in Basel bis Aalen.

Gefallen an solchen Herausforderungen gefunden zu haben, bedeutet aber nicht, dass Wettkämpfe kein Thema mehr sind. Der Triathlon in Welzheim, der City-Triathlon in Backnang oder der Silvesterlauf in seiner Heimatstadt bereiteten Hettich schon immer besonderen Spaß, „weil einen die Bekannten und Verwandten anfeuern“. Er hat diese Rennen allesamt bereits gewonnen und wird es wohl erneut versuchen, wenn die Coronakrise vorbei ist und er nicht zu stark in die Organisation eingebunden sein sollte. Auf längere Sicht könnten ihn auch ein Marathon oder ein Langdistanz-Ironman (3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und ein Marathon) reizen. „Ich will mich da jetzt noch nicht festlegen.“

Dass noch was kommt, dafür steht der Name Hettich, dazu will sich der einstige Olympiaaspirant um die Talente seines Vereins kümmern. Er hat die B- und A-Lizenz und möchte die erfahrenen Trainer des TC Backnang unterstützen, sobald die Einheiten wieder starten. Die Rettungsschwimmerprüfung, die zur Leitung des Schwimmtrainings erforderlich ist, steht auch auf seiner To-do-Liste, denn: „Ich habe so viel erlebt und will künftig etwas an die Nachwuchsathleten weitergeben.“

Mit 16 Jahren bei einem Wettkampf in Wolfenbrück: Auch auf Skiern macht Christopher Hettich bis heute eine gute Figur. Foto: A. Wahl

Mit 16 Jahren bei einem Wettkampf in Wolfenbrück: Auch auf Skiern macht Christopher Hettich bis heute eine gute Figur. Foto: A. Wahl

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Erstellt:
28. Januar 2021, 06:00 Uhr

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