Fußball-Nationalmannschaft
Nagelsmann braucht "Erfolgserlebnisse" für gutes WM-Gefühl
Bei der DFB-Premiere im blauen WM-Trikot will sich der Bundestrainer in der Schweiz kein blaues Auge abholen. Wer drängt sich auf für die Turnier-Elf? Und debütiert ein Youngster?
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Warm eingepackt verfolgt Bundestrainer Julian Nagelsmann das Geschehen auf dem Trainingsplatz.
Von Von Klaus Bergmann und Arne Richter, dpa
Basel/Herzogenaurach - Joshua Kimmich verbindet die Schweiz mit "Skifahren, Berge, Schnee". Und mit "Fußball", wie der DFB-Kapitän extra noch hinzufügte. Der Trip ins Nachbarland birgt für die deutsche Mannschaft exakt 76 Tage vor dem Start der Weltmeisterschaft in Amerika neben Chancen auch Risiken, wie Anführer Kimmich aus noch ziemlich frischer Erinnerung weiß.
"Wir kennen sie noch von der EURO. Das war ein sehr unangenehmes Spiel für uns", sagte der 31-Jährige rückblickend auf das letzte Gruppenspiel bei der Heim-EM 2024. Erst in der Nachspielzeit bewahrte Niclas Füllkrug das DFB-Team in Frankfurt mit einem Kopfball zum 1:1 vor einer Niederlage.
Beim Wiedersehen im St. Jakob-Park stellt Kimmich seine Teamkollegen am Freitag (20.45/RTL) nicht nur wegen der winterlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt auf einen ungemütlichen Fußballabend ein: "Ich erwarte schon einen sehr unangenehmen und harten Gegner, der uns fordern wird."
Kimmich: Unangenehmer und harter Gegner
Ungemütlich war es bereits beim Abschlusstraining noch in Herzogenaurach vor dem Charterflug des DFB-Trosses aus Franken nach Basel. Bundestrainer Julian Nagelsmann schaute im Graupelschauer seinen 25 Akteuren zu, mit einer wärmenden Wollmütze schützte er sich gegen den eisigen Wind.
In Basel werden Kimmich und Co. erstmals im neuen, blauen WM-Trikot auflaufen. Ein blaues Auge wollen sie sich nicht abholen. Auch wenn es beim viertletzten Probelauf vor dem Ernstfall in Amerika nicht um Punkte geht, gilt die Kraftprobe mit dem WM-Teilnehmer als echter Härtetest.
"Die Schweiz wird uns alles abverlangen", sagte Nagelsmann über den Gegner, der mit etlichen Bundesliga-Profis wie Dortmunds Torwart Gregor Kobel oder dem ehemaligen Leverkusener Meisterspieler Granit Xhaka top bestückt ist. Freundschaftsspiel-Charakter hat das Kräftemessen nicht. Trotzdem ist Kimmich froh, dass es nicht um alles geht, wie etwa für Italien in den WM-Playoffs. "Dann hätten wir ganz andere Probleme", sagte der Kapitän.
Der Ausfall der Münchner Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic oder auch des Dortmunders Felix Nmecha ist in der aktuellen Vorbereitungsphase noch verschmerzbar. Auch wenn es das Einspielen der WM-Wunschelf und einer Achse durch die Ausfälle im Mittelfeld und in der Offensive erschwert.
Vor der Heim-EM 2024 gelangen zwei Siege
Für Nagelsmann geht es hauptsächlich darum, ein gutes WM-Gefühl im Team und auch bei den deutschen Fans zu entfachen. Vor der Heim-EM 2024 war dem Bundestrainer das nach einem radikalen Umbau des Kaders mit der spektakulären Rückholaktion von Toni Kroos mit zwei großen Testspielsiegen in Frankreich (2:0) und gegen die Niederlande (2:1) herausragend gut gelungen.
Kann Nagelsmann das in Basel und drei Tage später in Stuttgart gegen Ghana wiederholen? "Idealerweise beenden wir die Woche mit zwei Erfolgserlebnissen", sagte der 38-Jährige. Und baute vorsichtshalber vor: "Sollte es nicht der Fall sein, bricht die Welt auch nicht zusammen, wenn wir den Inhalt trotzdem gut rüberbringen und uns richtig entwickeln. Sollte mal ein Unentschieden rausspringen, geht es danach trotzdem weiter."
Was Siege auslösen können, zeigte das furiose 6:0 gegen die Slowakei im November. Der Jahresabschluss rückte die gesamte WM-Qualifikation in ein positiveres Licht. "So wie wir das letzte Spiel gespielt haben, stellen wir uns das vor in der Art und Weise", sagte der erfahrene Kimmich: "Da haben wir wirklich füreinander gespielt, das muss die Basis in jedem Spiel sein."
Keine taktischen Experimente mehr
Nagelsmann verfolgt über die Ergebnisse hinaus noch weitere Ziele, auch wenn der von ihm fest eingeplante große Bayern-Block ohne Musiala und Pavlovic geschrumpft ist. "Die Zeit, die wir haben, wollen wir maximal nutzen, um Dinge zu festigen. Wir wollen gewappnet sein für verschiedene Dinge, die auf dem Fußballfeld in einem großen Turnier passieren können. Wir wollen uns weiter finden als Gruppe", sagte der Bundestrainer.
"Experimentieren werden wir nichts mehr", sagte er zur Spielweise im etablierten 4-2-3-1-System. "Wir haben klar gefestigte Abläufe in der Defensive, klar gefestigte Abläufe in der Offensive." Personell stellen sich trotzdem spannende Fragen, auf die Antworten erwartet werden. Die Tests bezeichnete Nagelsmann als "eine Plattform, wo man sich zeigen kann".
Wie präsentiert sich Oliver Baumann (35), nachdem er zum Turniertorwart ausgerufen wurde? Wie geht der langjährige Abwehrchef Antonio Rüdiger mit der ungewohnten Rolle des Herausforderers von Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck um? "Wenn Julian mich braucht, werde ich da sein - egal ob Startelf oder Bank, um das Ergebnis zu sichern", sagte Rüdiger im "Kicker".
Vertrauen in Woltemade - und Premiere von Karl?
Eröffnet der Pavlovic-Ausfall dem Stuttgarter Angelo Stiller doch noch die Chance, sich in den WM-Kader zu spielen? Und kann Kai Havertz nach 16 Monaten Absenz wegen Verletzungen sofort wieder eine Hauptrolle in der Offensive einnehmen? Womöglich sogar zusammen mit Nick Woltemade?
"Big Nick" hat es gerade bei Newcastle United schwer. Im DFB-Trikot war er in der WM-Qualifikation aber mit vier Toren bester DFB-Schütze. "Er hat schon, wenn man seine Quote bei uns anschaut, sehr gute Erinnerungen an die Nationalmannschaft", sagte Nagelsmann und ergänzte: "Ich habe totales Vertrauen in Nick und gebe ihm auch die nötige Geduld. Das wird alles gut."
Im Hintergrund lauern freilich andere. Etwa der formstarke Stuttgarter Deniz Undav, der aus 18 Saisontoren in der Bundesliga viel Selbstvertrauen zieht. Oder Lennart Karl. Der Bayern-Youngster darf mit seinem Debüt rechnen. "Von Lenny erwarte ich, dass er seine Jugend auf den Platz bringt. Er soll frei von der Seele weg spielen. Er soll einfach das machen, was er bei Bayern über weite Strecken auch zeigt", sagte Nagelsmann.
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Antonio Rüdiger hat seinen Stammplatz zum Start ins WM-Jahr verloren.
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Der Dortmunder Gregor Kobel steht im Tor der Schweizer. (Archivbild)
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Nick Woltemade, hier beim Torjubel gegen die Slowakei im November, war mit vier Treffern der beste DFB-Schütze in der WM-Qualifikation. (Archivbild)
