Schmadtke: Wer verkaufen will, kennt keine Pandemie

dpa Wolfsburg. Seit 2018 arbeitet Jörg Schmadtke für den VfL Wolfsburg. Sportlich geht es seitdem nur bergauf, aber die Corona-Krise beeinträchtigt die Arbeit des Sport-Geschäftsführers stark. Welche Folgen er für den Fußball erwartet, beschreibt er in einem dpa-Interview.

Seit 2018 Geschäftsführer Sport beim VfL Wolfsburg: Jörg Schmadtke. Foto: Swen Pförtner/dpa

Seit 2018 Geschäftsführer Sport beim VfL Wolfsburg: Jörg Schmadtke. Foto: Swen Pförtner/dpa

Als erster Bundesliga-Club bestreitet der VfL Wolfsburg an diesem Donnerstag wieder ein internationales Spiel und muss dafür in ein Risikogebiet nach Albanien fliegen.

In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Sportchef Jörg Schmadtke (56) über seine Bedenken bei dieser Reise, die Rückkehr der Fans in die Stadien und andere Folgen der Corona-Krise.

Frage: Herr Schmadtke, an diesem Donnerstag müssen Sie mitten in der Corona-Pandemie ein Europa-League-Qualifikationsspiel in Albanien bestreiten. Wie gehen Sie diese Reise an? Professionell? Mit Unverständnis? Mit Unbehagen?

Antwort: Ich bin kein Experte, was die Pandemie anbelangt. Es gibt aber immer wieder Situationen, bei denen mir das Verständnis fehlt, weil ich bestimmte Dinge nicht nachvollziehen kann. Normalerweise sollte man doch niemanden bewusst in ein Risikogebiet schicken. Das ist bei einem Europa-League-Spiel in Albanien aber der Fall. Das ist ein Risikogebiet. Und wir müssen dahin, um unseren Verpflichtungen nachzukommen. Mir geht es aber auch noch um etwas anderes: Im DFB-Pokal konnten einige kleinere Clubs ihre Heimspiele nicht austragen, weil sie die Hygienekonzepte nicht umgesetzt bekommen hätten. Und dann sehe ich Pokalspiele, bei denen keine Abstände eingehalten und keine Masken getragen werden. Da frage ich mich: Wo ist das Hygienekonzept? Gilt das nicht mehr? Das verstehe ich nicht.

Frage: Ist das ein Problem der Konzepte oder der Umsetzung?

Antwort: Wir haben Konzepte, die den Vereinen viel abverlangen, die aber verständlich sind. Und wenn ich die Corona-Zahlen im Fußball sehe, dann scheint dieses System auch zu funktionieren. Zuletzt schien mir das aber alles etwas aufgeweicht. In manchen Gegenden waren Zuschauer zulässig, in anderen wiederum nicht. Das ist dann schon ein bisschen kompliziert.

Frage: Das heißt, Sie sind für eine bundesweit einheitliche Regelung bei der Rückkehr der Zuschauer in die Stadien, auf die man sich in der Politik jetzt verständigt hat?

Antwort: Es geht meines Erachtens nach nur mit einem einheitlichen Konzept. Wir haben es selbst erlebt, als wir unser Testspiel in der Vorbereitung in Magdeburg vor 1000 Fans absolviert haben. Das verändert das Spiel und die Wahrnehmung auf dem Platz. Wenn ein Verein dauerhaft vor 300 Zuschauern spielt und ein anderer vor 8000, dann haben wir eine Wettbewerbs-Ungleichheit. Von daher begrüßen wir die Entscheidung der Politik natürlich, und ich wünsche mir, dass die Testphase erfolgreich verläuft.

Frage: Halten Sie es auch für möglich, dass sich viele Menschen durch die Zeit der Geisterspiele vom Fußball entfernt haben? Dass sie auch dann nicht mehr kommen, wenn sie wieder ins Stadion dürfen?

Antwort: Ja, diesen Prozess müssen wir im Blick behalten. Zwischen Fußball im Fernsehen und Fußball als begeisterndem Stadionerlebnis gibt es schon einen Unterschied. Wir müssen aufpassen, dass der Erlebnisentzug nicht dazu führt, dass sich Menschen komplett abwenden. Das ist aber nicht der einzige Faktor: Wir wirken mit unseren Handlungen auch darauf ein, wie wir wahrgenommen werden und wie die Akzeptanz ist. Dass der Fußball massenkompatibel bleibt.

Frage: Fans wie das Bündnis „Unser Fußball“ fordern vehement eine Reformierung des Profigeschäfts und Lehren aus der Corona-Zeit. Wie stehen Sie zu einer anderen Verteilung der TV-Gelder?

Antwort: Möglich ist das natürlich. Ein paar Dinge, die in diesem Zusammenhang geäußert werden, finde ich aber schwierig. Wir sind als VfL Wolfsburg seit 23 Jahren Bestandteil dieser Bundesliga. Und ich habe schon den Eindruck, dass der eine oder andere glaubt, dass wir hier im wirtschaftlichen Eldorado leben und machen können, was wir wollen, nur, weil wir einen Großkonzern hinter uns haben. Wir haben aber auch einen Standort hier, der eher schwierig ist: Wir sind eine Kleinstadt. Andere Clubs, die in einer Millionenstadt ansässig sind, glauben offenbar, dass sie dadurch Vorrechte haben. Das finde ich schon komisch, und das findet in der Diskussion über den VfL Wolfsburg überhaupt keine Berücksichtigung.

Frage: Glauben Sie, dass es den Wettbewerb in der Bundesliga verändern würde, wenn man kleineren Clubs oder sogenannten Traditionsclubs mit einer großen Fanbasis mehr Geld gibt?

Antwort: Die Bedeutung der nationalen Fernsehgelder für den Wettbewerb ist relativ gering. Das scheint in der Diskussion aber auch keiner so richtig zu beachten. Wenn man glaubt, dass das Meisterschaftsrennen spannender wird, wenn man Bayern München 15 oder 20 Millionen Euro aus dem Topf der nationalen TV-Gelder wegnimmt, liegt man falsch. Wenn man wirklich eine Veränderung will, müsste man sich national im Verbund einigen und sich dann international dafür stark machen, dass die Gelder aus der Champions League anders verteilt werden.

Frage: Wie hat sich durch die Corona-Krise Ihr Alltag als Manager verändert? Sind Transfers oder Gehaltsverhandlungen mit Spielern schwieriger geworden? Oder nur seltener?

Antwort: Auf jeden Fall ist die Kontaktaufnahme komplizierter geworden. Normalerweise reist man zu jemandem hin oder lässt jemanden kommen, um einen persönlichen Kontakt aufzubauen. So etwas passiert jetzt vermehrt online. Das macht es für mich ein bisschen schwieriger. Denn ich sitze den Menschen gerne gegenüber, um dann auch Dinge besser einordnen zu können. Ansonsten habe ich den Eindruck: Wenn Vereine einen Spieler kaufen wollen, führen sie sehr gerne die Pandemie an, um Preise zu diskutieren. Wenn sie verkaufen wollen, dann habe ich den Eindruck, dass es keine Pandemie gibt.

Frage: Hat der VfL Wolfsburg gerade in dieser Zeit einen Wettbewerbsvorteil, weil er Volkswagen als Mutterkonzern im Rücken hat? Müssen Sie deshalb weniger abspecken als andere Clubs?

Antwort: Nein. Wir haben genauso Probleme mit der Pandemie wie andere auch. Es gibt aber einen Unterschied: Wir müssen keine Bank suchen, die uns hilft, sondern haben einen Mutterkonzern, der im Notfall einspringen könnte. Dort sind aber auch Kaufleute unterwegs, die Bilanzen lesen können. Nur ein Beispiel: Wenn wir einen Wettbewerbsvorteil hätten, hätten wir in diesem Jahr im zweistelligen Millionenbereich in unsere Infrastruktur investiert. Diese Pläne sind aber gecancelt worden. Sowas sieht keiner und will auch keiner sehen.

ZUR PERSON: Jörg Schmadtke (56) ist seit 2018 als Geschäftsführer Sport für den VfL Wolfsburg tätig. Nach 13 Jahren als Bundesliga-Torwart bei Fortuna Düsseldorf, dem SC Freiburg und Bayer Leverkusen begann er zunächst eine kurze Trainerkarriere bei Borussia Mönchengladbach (Assistent) und der Fortuna (Torwarttrainer). Bei Alemannia Aachen, Hannover 96 und dem SC Freiburg stieg er aber seit 2001 zu einem der profiliertesten Manager der Bundesliga auf.

© dpa-infocom, dpa:200915-99-578067/3

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Erstellt:
16. September 2020, 05:00 Uhr

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