Löw verkündet Teststopp - Bayerns Süle nachnominiert

dpa Leipzig. Joachim Löw denkt um. Nach dem erfolgreichen Azubi-Test gegen Tschechien sollen weitere Sympathiepunkte in der Nations League gesammelt werden. Der Gruppensieg wird ins Visier genommen - mit Nachrücker Süle. Max gewinnt, ein BVB-Star bekommt eine EM-Warnung.

Bundestrainer Joachim Löw möchte nun das Einspielen für die EM in den Vordergrund rücken. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Bundestrainer Joachim Löw möchte nun das Einspielen für die EM in den Vordergrund rücken. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Joachim Löw lachte und scherzte am Ende seiner detaillierten Ausführungen zum Testspielsieg seiner sehr bemühten Azubis gegen Tschechien.

Das 1:0 (1:0) hellte die Stimmung beim konsequent Kurs haltenden Bundestrainer und der aktuell extrem kritisch beäugten Fußball-Nationalmannschaft im tristen Corona-Herbst erkennbar auf. „Wir haben in der Kabine durchgeatmet“, berichtete Löw beschwingt in der Leipziger Arena, als es auf Mitternacht zuging und längst mehrere Rasenmäher über das ramponierte Spielfeld knatterten.

Kurz vor Zwölf ist es plötzlich nicht mehr. Vielmehr lockt in den Nations-League-Partien gegen die Ukraine am Samstag (20.45 Uhr/ZDF) wiederum in der zuschauerlosen Red Bull Arena und drei Tage später in Sevilla gegen Spanien die Aussicht, mit dem Gruppensieg und Einzug ins Final-Four-Turnier die von DFB-Direktor Oliver Bierhoff beklagte „dunkle Wolke“ vor dem Start in ein ungewisses EM-Jahr 2021 ein Stück weit zu vertreiben. „Ich glaube, das ist nicht die Hauptaufgabe dieser Mannschaft gewesen, weil wir doch eine sehr durchgewürfelte Mannschaft waren“, bemerkte Aushilfskapitän Ilkay Gündogan.

Die Elf für einen Abend um Torschütze Luca Waldschmidt schlug sich wacker und hätte durchaus mehr Publikum verdient gehabt als jene fünfeinhalb Millionen Zuschauer, die bei der RTL-Übertragung am Mittwochabend noch vorm Fernseher saßen. Das war eine Minusquote seit mindestens 20 Jahren bei einer Länderspielübertragung. „Sie haben sich richtig reingeworfen“, lobte Löw seine Testkicker. Einen Stimmungswandel und neue EM-Vorfreude aber müssen die etablierten Stars um Kapitän Manuel Neuer, Serge Gnabry, Leroy Sané oder Timo Werner auslösen, die am Donnerstag wieder das Kommando übernahmen.

Löw verkündete darum einen sofortigen Teststopp. „Einspielen ist jetzt ein wichtiges Thema“, sagte der 60-Jährige. Das unterstrich er mit der Maßnahme, Abwehrchef Niklas Süle nach dem vorzeitigen Ende der Corona-Quarantäne gemeinsam mit dem Bayern-Block nach Sachsen anreisen zu lassen. Gegen die Ukraine soll - mit Ausnahme des nach zwei Gelben Karten gesperrten Toni Kroos - möglichst ein EM-Gerüst auf dem Feld stehen. „Wir haben jetzt noch zwei Spiele und dann im März noch mal drei. Und dann ist die Nominierung und die Vorbereitung für die EM“, schilderte Löw: „Natürlich geht es ums Einspielen.“

Und um den Gruppensieg in der Nationenliga. „Die Chancen sind noch vorhanden. Wenn wir gegen die Ukraine gewinnen, sind wir in einer guten Position“, sagte Löw. Dann käme es gegen die einen Punkt besseren Spanier zu einem Endspiel um Platz eins. „Wir wollen gegen die Ukraine gewinnen - ganz klar!“, sagte der Gladbacher Florian Neuhaus, Deutschlands Bester gegen Tschechien.

Löw nahm am Donnerstag zunächst mehrere Veränderungen am XXL-Kader vor. Der Gladbacher Jonas Hofmann zog sich gegen Tschechien einen Muskelbündelriss im rechten Oberschenkel zu und reiste ebenso ab wie Robin Gosens, der wegen einer Wadenverletzung nicht mehr dabei ist. Außerdem strich Löw den Wolfsburger Ridle Baku und den Dortmunder Nico Schulz. Zum großen Testspiel-Gewinner wurde über Nacht Philipp Max, der ohne Gosens und Schulz im Kader der einzige linke Verteidiger im noch 23-köpfigen Aufgebot ist.

„Jedes Spiel, das man gewinnt, gibt ein gutes Gefühl“, sagte Löw nach mehreren verschenkten Siegen im September und Oktober. Die DFB-Bilanz liest sich nach dem Erfolg am Mittwochabend schon wieder anders. „Wir haben schon die Ergebnisse gebracht“, betonte Löw. In den vergangenen zwei Jahren wurde von 18 Länderspielen nur eines verloren - beim 2:4 in Hamburg gegen Holland im September 2019.

Löw mag den Fußball aber auch im 15. Bundestrainerjahr nicht auf Ergebnisse reduzieren. „Das Wie ist mitentscheidend.“ Das passte beim letzten Experiment 2020 mit den Frischlingen um die Debütanten Max (27) und Baku (22). „Beide waren intensiv unterwegs“, lobte Löw. Max legte Waldschmidt sogar das Siegtor auf. „Es ist ein ganz besonderer Tag für mich“, sagte der Außenverteidiger. Weitere könnten folgen.

„Angetan“ war Löw auch von den Leistungen des zielstrebigen Neuhaus (23) im Mittelfeld sowie von Robin Koch (24), der ihn als Abwehrchef in der Dreierkette überzeugte. Beide kommen einem Platz im EM-Kader näher. Punkten konnten auch Torschütze Waldschmidt, dem Löw „eine große Torgefahr“ bescheinigte, sowie Kevin Trapp. Der Torwart von Eintracht Frankfurt hielt seinen ersten Sieg im DFB-Tor mit einem tollen Reflex bei einem Kopfball von Matej Vydra fest. „Der war schwer zu halten, das hat er klasse gemacht“, lobte Löw.

Im Prinzip lobte der Bundestrainer alle Probanden, die sich gegen harmlose Tschechen präsentieren durften - mit einer Ausnahme. An Julian Brandt richtete Löw eine EM-Warnung. „Ich erwarte mir von ihm den nächsten Schritt.“ Löw verriet bewusst, dass er erst am Spieltag ein Gespräch mit dem 24-jährigen Dortmunder geführt hatte.

„Er hat so viel Können.“ Aber Löw fordert von Brandt Konstanz und eine bessere Abschlussquote. Drei Treffer in 34 Länderspielen sind viel zu wenig. Gegen Tschechien versemmelte Brandt unkonzentriert eine Großchance. „Er ist ein bisschen schwankend in den Leistungen“, monierte Löw. Das gilt aber immer noch für das gesamte Nationalteam.

© dpa-infocom, dpa:201112-99-302953/6

Das DFB-Team setzte sich gegen Tschechien durch. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Das DFB-Team setzte sich gegen Tschechien durch. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

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Erstellt:
12. November 2020, 05:07 Uhr

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