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Stolz aufs Erreichte, gefeiert wird später

Der 1920 gegründete SV Steinbach hat 100 Jahre auf dem Buckel, die Jubiläumsveranstaltungen werden 2021 nachgeholt

Der Festakt, der Festgottesdienst und das Festwochenende zum 100. Geburtstag – alles abgesagt, die Coronakrise ließ dem SV Steinbach keine andere Wahl. Das Jahrhundertjubiläum des zweitgrößten Backnanger Sportvereins steht unter speziellen Vorzeichen, doch davon lassen sich die Macher und Mitglieder nicht nachhaltig die Laune verderben. 2021 soll gebührend nachgefeiert werden, doch schon jetzt ist Zeit für einen Blick auf einige Meilensteine seit 1920.

Der bisherige Höhepunkt: Kapitän Mathias Treml nimmt die Gratulation zum Bezirkspokalsieg 2014 entgegen.

© Bernd Strohmaier

Der bisherige Höhepunkt: Kapitän Mathias Treml nimmt die Gratulation zum Bezirkspokalsieg 2014 entgegen.

Texte: Bernhard Heller und Ute Röhrle Redaktion: Steffen Grün

Die Anfänge: Etwa 800 Einwohner bilden 1920 die damals noch selbstständige Gemeinde Steinbach, sie arbeiten überwiegend in der Landwirtschaft. Im Frühjahr gründen 25 junge Leute im Gasthaus Krone den Fußballverein Steinbach, zur ersten Vereinsleitung zählen der Vorsitzende Eugen Munz, Stellvertreter Hermann Schäfer, Robert Ulmer als Kassier und Schriftführer in Personalunion sowie die Ausschussmitglieder Gotthilf Euerle, Adolf Herter, Karl Lutz, Christian Nagel, Wilhelm Schäfer und Karl Schick. Der Mitgliedsbeitrag wird zunächst auf 50 Pfennige pro Monat und damit 6 Mark im Jahr festgesetzt.

Das von Luis Zehender trainierte Team bestreitet seine ersten Begegnungen gegen Murrhardt, Spiegelberg, Grab und Backnang. Die erhoffte Aufnahme in den Fußballverband wird Steinbach verwehrt, weil der für 80 Mark Pacht von der Gemeinde zugewiesene Platz im Gewann Schafwiese die Bedingungen nicht erfüllt. Das Schafhaus ragt wohl ins Spielfeld hinein, deshalb wird zwangsläufig des Öfteren über Bande gespielt. Verletzungen müssen möglichst verschwiegen werden, weil ansonsten das Krankengeld verweigert wird.

Am 5. September 1922 wird der Pachtzins für den Sportplatz wegen der starken Inflation auf 300 Mark erhöht. Die Währungsreform im Jahre 1924 sorgt für eine Erholung der deutschen Wirtschaft, und es wird fortan auch wieder Fußball gespielt.

Zerreißprobe und Schreckenszeit: 1926 ist es mit der Harmonie im Klub vorbei. Weil in Steinbach ein Musikverein ins Leben gerufen wird, hängen einige Spieler ihre Kickstiefel an den Nagel, um sich stattdessen den Noten zu widmen. Schnell ist nur noch ein Jugendteam übrig, das sich aber zu einem der besten im Umkreis mausert. In der ersten Hälfte der Dreißiger, als die NSDAP das Land bereits unter Kontrolle hat, wird Hermann Frey in Steinbach als Bürgermeister eingesetzt und übernimmt auch den Vorsitz des Sportvereins. Grundstücke im Gewann „Seewiesen“ werden angekauft und ein Sportplatz gebaut. Dieser hat zwar ein Südgefälle, ist aber deutlich besser geeignet als der vorherige – damit steht der Aufnahme in den Fußballverband endgültig nichts mehr im Wege.

Der Zweite Weltkrieg stoppt auch den Sportbetrieb des SV Steinbach, zumal viele Spieler und Mitglieder zu den Waffen gerufen werden. 29 Tote hat der Verein bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945 zu beklagen, die Gedenktafel wird am 15. Mai 1955 feierlich enthüllt – und zwar im Gasthaus Krone, das unter Wirtin Martha „Martl“ Marquardt jahrzehntelang als Vereinsheim dient. Auch der heutige Pächter Christian Würfel ist als ehemaliger Fußballer sehr eng mit dem SV Steinbach verbunden.

Der Neustart: Ungeachtet aller existenziellen Sorgen wie Hungersnöten, Wohnraummangel und Inflation wollen auch Steinbachs Bürger nach dem Kriegshorror so schnell wie möglich wieder Tritt fassen. Im Oktober 1945 wird der Schulbetrieb wieder aufgenommen, auch für die Fußballer geht es bald wieder los. Die Vereinsleitung um die Vorsitzenden Erich Deess und Eugen Wecker arbeitet akribisch an der Satzung, die letztlich die Basis für die Eintragung ins Vereinsregister am 9. April 1951 ist. Damit ist die Haftung der handelnden Personen fortan nach den gesetzlichen Bestimmungen begrenzt und die Voraussetzung für die Gemeinnützigkeit geschaffen.

Die Infrastruktur: Steinbachs Zwangseingemeindung nach Backnang 1941 wollen viele Einwohner nach dem Krieg rückgängig machen. Erfolglos, doch 1950 gibt’s einen Vertrag, von dem auch der SVS profitiert. Backnang verpflichtet sich zur „Errichtung einer Turn- und Festhalle sowie zur Planierung des Sportplatzes“. Der erste Teil ist bald erledigt, am 26. November 1955 wird die Dorfhalle eröffnet. Schwieriger ist Punkt zwei: Planieren reicht bei einem Südgefälle von vier Prozent nicht. Die Stadt erwirbt Flächen für einen neuen Platz, verlangt aber „größere Eigenbeteiligung“. Die Sportler schuften hart, 1989 erzählt Erich Deess von 5000 Arbeitsstunden. Vom Spatenstich bis zur Einweihung im Mai 1956 verstreichen über drei Jahre. 1971 kriegen die Kicker unter Backnangs OB Martin Dietrich sogar ein Flutlicht, nachdem dessen Vorgänger Walter Baumgärtner – immerhin SVS-Ehrenmitglied – noch so geurteilt haben soll: „Wozu braucht ihr in Steinbach Flutlicht – euch kann man ja schon bei Tag nicht zusehen.“

Fair zum Erfolg: „Nach acht Jahren vergeblichen Bemühens“ sei es der ersten SVS- Mannschaft „endlich gelungen“, sich den Titel in der C-Klasse und damit den Wiederaufstieg in die B-Klasse zu sichern, berichtet die Backnanger Kreiszeitung am 9. Mai 1969. 29:7 Punkte aus 18 Spielen reichen dem Team von Trainer Bruno Könne in dem Zehnerfeld, um Weiler zum Stein und Erbstetten hinter sich zu lassen. Umso höher ist dieser Erfolg zu bewerten, weil in der kompletten Saison kein SVS-Spieler mit dem Sportgericht zu tun hatte. Deshalb gibt es auch den WFV-Fairnesspreis.

Dramatisches Fernduell: Der Kampf um den Meistertitel in der Kreisliga-A-Saison 1982/1983 wird am letzten Spieltag entschieden. Oberrot hat hauchdünn mit drei Treffern die Nase vorne, die punktgleichen Steinbacher spekulieren am 15. Mai 1983 auf einen Kantersieg zu Hause gegen das Schlusslicht aus Unterrot. Doch daraus wird nicht, nach einem frühen Rückstand braucht der SVS sogar zwei Elfmeter und einen Freistoß, um mit 5:2 zu siegen. Aus der Traum? Nein. Oberrot patzt, spielt gegen Rietenau nur 2:2. Das Team von Trainer Kurt Rieger darf nach 19:1 Punkten aus den letzten zehn Partien doch noch jubeln. Ein Schlüssel zum Erfolg der Kleeblätter ist die Heimstärke: Mit den zahlreichen und lautstarken Fans im Rücken geht an der Dorfhalle kein Spiel verloren.

Vom Acker zum Teppich: Bei Regen versinken die Kickstiefel im Dreck, bei Trockenheit ist der Untergrund knochenhart und uneben – der Rasen bei der Dorfhalle ist Ende der Achtziger nichts für Fußballästheten. Umso größer ist die Freude, als am 28. Juli 1989 der erste Anstoß auf dem neuen, seit beinahe 20 Jahren diskutierten Sportplatz an der Seewiesenstraße ausgeführt wird. Das gepflegte Grün kostet an die 600000 Mark, davon hat der Verein etwa 150000 zu tragen. Ein Kraftakt, von dem sich der SVS nur sehr langsam erholt. Ein weiterer Meilenstein in Sachen Infrastruktur ist dann das bis Ende 1997 an die Dorfhalle angebaute eigene Vereinsheim.

Runter, rauf und durch: Anfang und Mitte der Neunziger spielt Steinbach eine gute Rolle in der Kreisliga A. Probleme gibt es aber im Jugendbereich, immer weniger Eigengewächse schaffen den Sprung in die Erste. 1999 sind die Kicker wieder ganz unten in der Kreisliga B, aber ausgerechnet in diesem tristen Moment wendet sich das Blatt im Nachwuchs. B- und A-Jugend mischen in der Bezirksstaffel mit, es ist eine goldene Generation. Sie bildet mit einigen Oldies auch schnell den Kern der Ersten unter Trainer Walter Deess, an Himmelfahrt 2002 werden die Früchte der Arbeit geerntet. Mit einem 1:0 in Oppenweiler macht der SVS sein Meisterstück, das nach der Rückfahrt mit dem Sonnenhof-Zügle im Vereinsheim gefeiert wird. „Aufstieg als Lohn für gute Jugendarbeit“, titelt unsere Zeitung. Ein Lob, das sich der ganze Verein auf die Fahnen schreiben darf.

Walter Deess, der wie Otto Ulmer und Werner Winter stellvertretend zu nennen ist, hört auf dem Höhepunkt auf, doch die Erfolgsstory bekommt trotzdem ein weiteres Kapitel. Mit Nachfolger Norbert Hermann gelingt der jüngsten Kreisliga-A-Truppe (Durchschnittsalter 22,3 Jahre) der Durchmarsch in die Bezirksliga, obwohl es anfangs nur der Ligaverbleib sein sollte. Ein Sonderlob hat Hermann für seine Abwehr um Hans-Joachim Wüst und vor allem für Manuel Rui Da Silva (Spitzname „Bobbel“) übrig: „Wir haben den besten Torhüter der Liga.“ In 28 Spielen klaubt er den Ball nur 28-mal aus dem Netz. Torgefährlichster Mann ist ein Mittelfeldspieler: Mathias Treml steuert 14 von 61 Toren bei.

„Der SVS ist wieder da“: Dieser Satz wird 2013 auf die Meistershirts gedruckt, als der SVS zwei Jahre nach dem „Betriebsunfall“ des Abstiegs in die Kreisliga B in die Kreisliga A zurückkehrt. In die Klasse, in der Steinbach nach dem Bezirksliga-Intermezzo in der Saison 2003/2004 meistens im Vorderfeld mitgemischt hatte und in der sich der Verein nach seinem Selbstverständnis mindestens sieht. 75 Punkte aus 28 Partien belegen die Dominanz der Truppe von Manuel Da Silva, der mittlerweile den Trainerjob übernommen hat. Es ist nur der Start einer erfolgreichen Phase, die wieder auf einer guten Mischung aus Talenten und Oldies basiert. Zum neuen Schwung trägt auch der Kunstrasenplatz bei, der im Sommer 2013 an der Stelle des alten, holprigen und nur fürs Training genutzten Rasenplatzes eingeweiht wird.

Der bisherige Höhepunkt: 2014 bedeutet der Bezirkspokalsieg (5:4 nach Elfmeterschießen im Finale in Höfen-Baach gegen Bezirksliga-Spitzenteam Nellmersbach) den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Nach einem frühen 0:2-Rückstand sorgt Mark Stößer per Doppelpack für die Verlängerung. Trotz der Ampelkarte für Talha Ünal in der 112. Minute rettet sich Steinbach über die Zeit, die Entscheidung fällt vom Punkt. Philipp Heller, Mathias Treml und Taner Bakir behalten die Nerven, dagegen verschießt der Rivale zweimal. Einmal hält Keeper Dominik Schleuhsner.

Dritter Bezirksliga-Aufstieg: 2018 klappt unter Trainer Hakan Keskin abermals das, was die SVS-Teams 1983 und 2004 vorgemacht hatten. Steinbach wird mit 70 Zählern aus 28 Spielen und 91:21 Toren Meister der Kreisliga A 2 und schafft zum dritten Mal in der Klubhistorie den Sprung in die höchste Klasse auf Bezirksebene. Eitel Sonnenschein beim SV Steinbach, der auch im Jubiläumsjahr Bezirksliga spielt.

Anfänge der Vereinsgeschichte: Das Foto von 1920 zeigt die SVS-Kicker mit den Gegnern aus Murrhardt. Fotos: SV Steinbach/B. Strohmaier

Anfänge der Vereinsgeschichte: Das Foto von 1920 zeigt die SVS-Kicker mit den Gegnern aus Murrhardt. Fotos: SV Steinbach/B. Strohmaier

Pyramidenbau in den Fünfzigern: Die Turnabteilung ist die zweite wichtige Säule des SV Steinbach.

Pyramidenbau in den Fünfzigern: Die Turnabteilung ist die zweite wichtige Säule des SV Steinbach.

Hintergrund

Gegründet als reiner Fußballverein, wird aus dem SV Steinbach nach dem Zweiten Weltkrieg – begünstigt durch den Bau der Dorfhalle – ein Mehrspartenklub. Zu den Kickern, die derzeit mit zwei Aktiven- und männlichen Jugendteams in allen Altersklassen am Spielbetrieb teilnehmen, kommen 1956 die Turner mitsamt Freizeit- und Gesundheitssport. Zum 100. Geburtstag zählt der SVS fast 800 Mitglieder.

Das sehr vielfältige Angebot der Turnabteilung richtet sich an alle Generationen. Es beginnt mit dem Eltern-Kind-Turnen und endet bei der Senioren-Sportgruppe „70 na und“. Walking, Tanzen, Tabata, Yoga, Orientalische Fitness, Zumba – nahezu nichts, was es in Gruppen oder in Kursen nicht gibt. Eine Besonderheit ist die Sportgruppe für Menschen mit Handicap.

Die Geselligkeit kommt beim SV Steinbach auch nicht zu kurz. Los geht’s im Januar mit der Jahresfeier, es endet im Dezember mit der Kinderweihnachtsfeier. Einen hohen Stellenwert hat die fünfte Jahreszeit mit dem stets ausverkauften Altweiberfasching sowie der Faschingsparty am darauffolgenden Samstag. Viel Spaß haben die Mitglieder auch immer bei der Skiausfahrt nach Fontanella. Das alles ist aber nur ein Auszug dessen, was beim SV Steinbach abseits der Plätze und der Halle los ist.

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Erstellt:
27. April 2020, 06:00 Uhr

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