Spieler der Stuttgarter Kickers hört auf

Theo Rieg und die zerplatzten Profiträume eines Toptalents

Theo Rieg spielte in der Jugend gemeinsam mit Nico Schlotterbeck. Doch im Gegensatz zum A-Nationalspieler muss der Verteidiger der Stuttgarter Kickers seine Profiträume begraben. Was sind die Hintergründe?

Theo Rieg war verletzungsbedingt nur selten für die Stuttgarter Kickers am Ball – nun hat er entschieden, seine noch junge Karriere zu beenden.

© imago /Rudel//

Theo Rieg war verletzungsbedingt nur selten für die Stuttgarter Kickers am Ball – nun hat er entschieden, seine noch junge Karriere zu beenden.

Von Jürgen Frey

Theo Rieg ist 22 Jahre alt. Für sein junges Alter wirkt er sehr geerdet, abgeklärt, reif – fast schon weise. „Auch ein anderer Platz im Leben kann sehr gut und schön sein. Mir stehen alle Türe offen – nur eben nicht mehr im Fußball“, sagt der Abwehrspieler, der formal noch bis zum 30. Juni beim Oberligisten Stuttgarter Kickers unter Vertrag steht. Der gebürtige Schwäbisch Gmünder hat sich entschieden: Das war’s für ihn mit Fußball. Endgültig. Sein Knie lässt es nicht mehr zu. „Ich bin die vergangenen vier Jahre praktisch nur durch die Gegend gehumpelt. Jetzt ist Schluss. Das Kapitel ist abgeschlossen.“

Mit Schlotterbeck im Team

Er wirkt dabei nicht verbittert, vielmehr geht er weiter positiv durchs Leben. Was bei seiner Leidensgeschichte nicht selbstverständlich ist. Doch der Reihe nach. Rieg begann bei seinem Heimatverein SV Lautern mit dem Kicken. In der D-Jugend ging es für fünfeinhalb Jahre zum VfR Aalen, dort spielte er in der U17 auch gemeinsam mit Nico Schlotterbeck zusammen, der aktuelle A-Nationalspieler vom SC Freiburg auf der Sechser-Position, Rieg im Abwehrzentrum. Für Schlotterbeck ging es zunächst weiter zum Karlsruher SC, Rieg nahm im ersten A-Jugend-Jahr das Angebot des großen FC Bayern München an, wechselte im Januar 2017 ins Internat des Nachwuchsleistungszentrums und machte sein Abitur am Theodolinden-Gymnasium.

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Die damaligen Bayern-Nachwuchstrainer Holger Seitz und Sebastian Hoeneß setzen auf ihn, prägten und förderten seine weitere Entwicklung. Das Champions-League-Achtelfinale in der Uefa-Youth-League gegen Real Madrid war trotz der 2:3-Niederlage einer der Höhepunkte. Den ersten Rückschlag auf dem Weg zu einer vielversprechenden Karriere setzte es im April 2018 – Kreuzbandriss. Es folgten zwei Operationen, der Heilungsverlauf verlief schleppend, im Januar 2020 entschied er sich für einen Wechsel zu den Kickers.

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Bei den Blauen absolvierte er beim 1:4 im Test bei Bayern-Regionalligist FC Augsburg II erstmals nach einem Jahr und zehn Monaten ein Spiel über 90 Minuten. Das Knie hielt, Rieg war glücklich über die Kickers als Sprungbrett, er ging als Stammkraft in die neue Saison 2020/21. Am 24. Oktober 2020, einen Tag vor seinem 21. Geburtstag, dann der Schock: Im Derby beim SSV Reutlingen verletzte er sich erneut am gleichen Knie, am gleichen Kreuzband. „Ich war total niedergeschlagen, ahnte schon in der Kabine, dass es das für mich war, versuchte mich aber trotzdem erneut zurückzukämpfen“, sagt Rieg im Rückblick.

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Familie und Freunde geben Halt

Die Familie, seine Freunde gaben ihm viel Halt und machten ihm Mut. Im Juli 2021 stand er wieder auf dem Trainingsplatz, doch der Pechvogel zog sich wieder einen Anriss im Knie zu. Im September 2021 versuchte er, mit angezogener Handbremse ins Training zurückzukehren. Vergeblich. Immer wieder knickte das Knie weg und schwoll an. Die Schmerzen waren enorm, sie strahlten aus in die Wade und in den Rücken. „Bei einem weiteren MRT wurde festgestellt, dass das Kreuzband praktisch nicht mehr da ist. Ich stand vor der Wahl, die Operationen fünf und sechs über mich ergehen zu lassen – oder Schluss zu machen“, erzählt Rieg. Der Arzt seines Vertrauen, Rainer Siebold von der Atos-Klinik in Heidelberg, empfahl ihm: „Theo lass’ es.“ Und er ließ es. „Für mich war es höchste Eisenbahn aufzuhören, wenn ich nicht bis ans Lebensende humpelnd durch die Gegend gehen möchte.“

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Er kann ins Fitnessstudio, Radfahren, Schwimmen und auch leicht Joggen. Nur Fußball steht auf dem Index. „Meinen Pass bekommt mein Heimatverein SV Lautern, aber ein Comeback in der Kreisliga steht trotzdem nicht auf meiner to-do-Liste“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Der von Ex-Profi Dennis Hillebrand trainierte Club von der Ostalb darf sich also wenig Hoffnung machen.

Studium der Wirtschaftswissenschaften

Vielmehr kümmert sich Rieg via Fernuni um sein Studium der Wirtschaftswissenschaften, könnte sich später mal eine Arbeit im Vertrieb oder auch in der Fußballbranche vorstellen. Überhaupt habe er aus seiner so früh zu Ende gegangenen Karriere einiges mitgenommen: „Der Sport hat mir viel gebracht. Ich weiß, was es braucht, um voran zu kommen, ich weiß, was es braucht, um besser zu werden. Ich weiß, an was man ganz konkret arbeiten muss.“

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Den Weg der Stuttgarter Kickers wird er weiterhin aufmerksam verfolgen. Mit einem Ziel: „Beim entscheidenden Spiel möchte ich gerne dabei sein und und bei der Aufstiegsparty mitfeiern.“ Zwar nicht mit dem Ball am Fuß auf dem Platz, aber mit klugen Vorstellungen in seinem Kopf – und vor allem: ohne zu humpeln.

Aufstiegsrunde von der Oberliga zur Regionalliga

Aufstieg Neben den drei Meistern der Oberligen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz/Saar und Hessen, ermitteln die Vizemeister der Staffeln einen vierten Aufsteiger in die Regionalliga Südwest. Gespielt wird in einer einfachen Punktrunde „Jeder gegen Jeden“, bei der jeder Teilnehmer jeweils ein Heim- und ein Auswärtsspiel absolviert. Der Erstplatzierte der Punktrunde steigt auf. Eine Auslosung der Spielkommission ergab, dass im ersten Aufstiegsspiel am Mittwoch, 8. Juni, der Vizemeister der Oberliga Baden-Württemberg Heimrecht hat gegen den Vizemeister der Hessenliga. Die Zusammensetzung des zweiten und dritten Aufstiegsspiels (Samstag, 11. Juni und Dienstag, 14. Juni) ist abhängig vom Ergebnis des ersten Spiels. Der Verlierer des ersten Spiels spielt direkt im zweiten Spiel. Bei einem Unentschieden bestreitet der Teilnehmer der Oberliga Baden-Württemberg ebenso das zweite Spiel auswärts und der Teilnehmer der Hessenliga das dritte Aufstiegsspiel zuhause (jeweils gegen den Teilnehmer aus der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar).

Voraussetzungen Entscheidend für die Teilnahme an den Aufstiegsspielen ist jedoch, dass sich die Vereine bzw. Kapitalgesellschaften nach Beendigung der Oberligen auf einem der ersten vier Plätze befinden. Befindet sich innerhalb einer Oberliga kein Teilnehmer, welcher eine Zulassung zur neuen Saison beantragt hat, unter den ersten vier, so steigt kein weiterer Bewerber aus dieser Liga auf. Demnach würde der vierte Aufsteiger in einem Hin- und Rückspiel der qualifizierten Teilnehmer der anderen Oberligen ermittelt werden. (red)

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Erstellt:
10. Mai 2022, 06:14 Uhr
Aktualisiert:
10. Mai 2022, 17:46 Uhr

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