U21 feiert Rekordmann Wirtz und Final-Triple

dpa Szekesfehervar. Die Auswahl um den Rekordmann Florian Wirtz will sich mit dem Titel bei der U21-EM krönen. Stefan Kuntz freut sich über ein Triple - und verrät eine große Stärke.

Will den EM-Titel: die deutsche U21-Nationalmannschaft. Foto: Marton Monus/dpa

Will den EM-Titel: die deutsche U21-Nationalmannschaft. Foto: Marton Monus/dpa

Stefan Kuntz scherzte und lachte im Garten des Teamhotels mit seinen EM-Finalisten. Bester Laune nahm die deutsche U21 um Rekordmann Florian Wirtz am Tag nach dem Halbfinal-Coup gegen die Niederlande die Endspiel-Einstimmung in Angriff.

Laut grölend und klatschend hatten Wirtz & Co. Stunden zuvor bei der nächtlichen Rückkehr in das Teamhotel schon einmal einen Vorgeschmack darauf gegeben, was bei einem Titelgewinn für eine Party steigen dürfte.

Das dritte Endspiel in Serie rührte Kuntz, der den Turnier-Außenseiter Deutschland nun zum dritten Europameister-Triumph führen möchte. „Es freut mich von Herzen“, sagte der 58-Jährige. Lange und innig umarmte Kuntz Matchwinner Wirtz, der mit seinem Doppelpack den Final-Traum erfüllt hatte.

Mit einem Endspiel-Coup am Sonntag (21.00/ProSieben) in Ljubljana gegen Portugal würden sich Wirtz & Co. einen bedeutsamen Platz in der Geschichte des deutschen Fußball-Nachwuchses sichern. Bislang feierten die Weltmeister-Generation um Manuel Neuer im Jahr 2009 und deren Titel-Nachfolger um Serge Gnabry acht Jahre später als Europameister. „Jetzt geht auch den letzten Schritt und holt Euch den Titel, Jungs!“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

2017 siegte die Kuntz-Auswahl 1:0 gegen Spanien, 2019 gab es ein 1:2 gegen denselben Gegner. „EM-Finale - das ist Wahnsinn. Sowas erlebt man nicht oft im Leben, vielleicht ist es das letzte Mal und deswegen heißt es einfach: Irgendwie gewinnen“, sagte Torhüter Finn Dahmen. „Das ist für uns alle wahrscheinlich das größte Spiel.“

Supertalent Wirtz bestätigt „Vorschusslorbeeren“

Für Doppelpacker Wirtz wurde das spannende Halbfinale in Szekesfehervar zum bislang größten DFB-Spiel. Der seit seinem Debüt im Oktober mit damals 17 Jahren und 159 Tagen jüngste deutsche U21-Nationalspieler schockte die Holländer nach nur 29 Sekunden - es war das schnellste Tor bei einer U21-EM. Sein zweiter Treffer sieben Minuten später machte die Final-Euphorie endgültig perfekt.

„Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, dass ich den Jungs und dem Team das schenken konnte“, sagte das 18 Jahre alte Leverkusener Supertalent. Nationalmannschaftsluft bei Joachim Löw schnupperte er während der Vorrunde der U21-EM im März, auf einen Einsatz im A-Team muss er aber noch warten. Wirtz lächelte, als er nach der Notwendigkeit einer Nachnominierung durch Löw für die große EM befragt wurde. „Ich konzentriere mich auf die U21 und möchte das Turnier gewinnen“, sagte der Offensivspieler. Portugal, gegen das es 2015 ein krachendes 0:5 im Halbfinale gab, ist aber eine hohe Hürde.

Wirtz' erste Tore für die U21 wertete Kuntz als Bestätigung für viele Gespräche in den Vortagen. „Es ist natürlich schwer für einen ganz jungen Mann, der mit wahnsinnigen Vorschusslorbeeren hierher kommt“, sagte der Coach. Besonders hervorheben wollte der 58-Jährige trotz der großen Tor-Show Wirtz aber nicht. „Jeder zahlt zurück“, sagte er. Seine als nicht so stark eingeschätzte Auswahl trumpft bei der wegen der Corona-Pandemie zweigeteilten EM-Runde unerwartet stark auf.

Besonders hervorheben wollte Kuntz das Fußball-Juwel trotz der großen Tor-Show aber nicht. „Jeder zahlt zurück“, sagte der 58-Jährige. Seine als nicht so stark eingeschätzte Auswahl trumpft bei der zweigeteilten EM-Runde als Team unerwartet stark auf.

Teamspirit ist laut Kuntz „überragend“

„Die Jungs haben schon gezeigt, dass sehr viel Talent in ihnen drin steckt, wenn man ihnen Vertrauen gibt“, hob Kuntz hervor. Es sind eben andere Talente als die offensichtliche Klasse, die die goldene Generation um Neuer, Jérôme Boateng oder Mesut Özil 2009 verkörperte. Und es sind auch andere Fähigkeiten, als es die als Mitfavorit gestartete Titel-Mannschaft von 2017 mit Gnabry, Maximilian Arnold oder Mitchell Weiser mit dem klaren Ziel Titel demonstrierte.

„Die aktuelle Mannschaft hat mehr Führungsspieler auf dem Platz. Es konzentriert sich nicht nur auf einige wenige“, sagte Kuntz. „Und der Teamspirit - das ist schon überragend.“ Wie 2017 und 2019, als Kuntz mit der U21 jeweils das Finale erreichte, hat er wieder eine Mannschaft geformt, in der es passt. Das weckt auch Medaillenhoffnungen für Olympia, wo der zeitweise schon als Bundestrainer-Kandidat gehandelte Kuntz wieder die Verantwortung hat.

„Ich glaube, die Mannschaft hat kein Limit“, sagte Verteidiger Nico Schlotterbeck. Rund um das Gerüst aus Spielern wie Schlotterbeck (Union Berlin), Ridle Baku (VfL Wolfsburg), Niklas Dorsch (KAA Gent) oder Lukas Nmecha (RSC Anderlecht) hat Kuntz wieder eine spannende Mischung berufen. „Es ist egal, wie teuer die Spieler auf der anderen Seite sind. Wenn man so eine Einheit hat, kann das nichts schlagen“, sagte der Noch-Fürther David Raum.

Immer wieder bekamen die U21-Akteure vorgerechnet, wie viel die Nachwuchsstars aus Frankreich, England oder Spanien millionenmäßig mehr wert seien. „Die Mannschaften, die vom Marktwert alle höher eingeschätzt wurden, sind alle nach Hause“, sagte Kuntz. Er schränkte aber ein, dass diese Teams auch auf mehrere zu den A-Teams berufene Profis verzichten mussten. Bei seinem Team betrifft das nur Havertz.

Ein großes Tor-Talent ist sicher Mergim Berisha, der für RB Salzburg in der abgelaufenen Champions-League-Saison vier Tore erzielte. Bei der EM in Ungarn und Slowenien hat er aber noch kein Glück, im Halbfinale traf er bei drei starken Aktionen dreimal den Pfosten. „Er hat zu mir gesagt, Trainer, du brauchst mich gar nicht anzusprechen. Ich habe mir das Tor für Sonntag aufgehoben“, sagte Kuntz.

© dpa-infocom, dpa:210604-99-861994/2

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Erstellt:
4. Juni 2021, 15:30 Uhr

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