Über Stock, über Stein und durch den Busch

In einem fremden Wald peilen Orientierungsläufer bestimmte Posten an, nur ausgestattet mit einem kleinen Kompass und einer Karte. Für die in Deutschland kaum bekannte Sportart braucht man neben Ausdauer auch guten Orientierungssinn und Köpfchen.

Die Karte in der Hand, den Kompass am Daumen mitten im Wald. Friedrich Vischer bei einem Orientierungslauf 2015. Fotos: privat

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Die Karte in der Hand, den Kompass am Daumen mitten im Wald. Friedrich Vischer bei einem Orientierungslauf 2015. Fotos: privat

Von Kristin Doberer

Den Kompass um den Daumen, die Karte in einer Hand und einen Chip an der anderen Hand joggen Orientierungsläufer durch einen Wald, den sie nie zuvor gesehen haben. Nur hin und wieder wird die Karte auseinandergefaltet, ein kurzer Blick: Ist man noch richtig? Ist das der Stein, der auf der Karte eingezeichnet ist? Beim Orientierungslauf geht es darum, möglichst schnell Posten abzulaufen, die im Wald verteilt stehen und deren Standorte auf einer Karte eingezeichnet sind. Dabei sind die Läufer selten auf befestigten Wegen unterwegs, es wird der schnellste Weg gesucht – und der führt häufig durch das Unterholz, über Baumstämme und durch Bäche. „Orientierungslauf ist wie einen Marathon laufen und nebenbei noch Schach spielen“, sagt Katja Schwind. Die Waldremserin nimmt seit acht Jahren an solchen Wettbewerben teil. „Nur fit sein, ist zu wenig.“ Dadurch komme es vor, dass Läufer zu schnell unterwegs sind, an Posten vorbeilaufen und die Orientierung verlieren.

Am Anfang hat sie sich auch mal verlaufen. „Ganz schlimm war es im Tessin vor einigen Jahren. Da musste mich mein Mann nach etwa zwei Stunden aus dem Wald holen.“ Dass sich Teilnehmer beim Orientierungslauf verlaufen, ist aber keine Seltenheit. Auch Friedrich Vischer aus Cottenweiler, der jahrelang sehr erfolgreicher Orientierungsläufer war, ist es schon so gegangen, ein 180-Grad-Fehler sei auch ihm schon passiert. „Da hält man die Karte einmal kurz falsch herum und schon läuft man in die falsche Richtung.“ Das Problem: Sobald der Läufer merkt, dass er nicht mehr auf dem richtigen Weg ist – und das kann durchaus seine Zeit dauern –, muss er herausfinden, an welcher Stelle des Weges der Fehler passiert ist, damit er überhaupt seinen aktuellen Standpunkt ausmachen kann. „Dazu braucht man aber herausragende Punkte, zum Beispiel eine Hütte, einen Turm oder Jägerstand.“

In Skandinavien Volkssport, in Deutschland kaum bekannt.

Doch obwohl die Sportart in Skandinavien noch immer eine Art Volkssport ist und auch in der ganzen Welt ausgeübt wird, so handelt es sich doch um eine immer kleiner werdende Randsportart. Nur noch neun Vereine gibt es in Baden-Württemberg. Wettbewerbe finden im Ländle etwa acht pro Jahr statt – vor Corona. Doch die meisten Läufe wurden 2020 abgesagt. „Aber wenn man bei einem Sport Abstand halten kann, dann beim Orientierungslauf“, bedauert Schwind. Doch vielen Veranstaltern sei die Planung mit den zahlreichen Verordnungen zu aufwendig. Sie ist in ihrer Altersklasse häufig vorne mit dabei. Bei den baden-württembergischen Meisterschaften am Wochenende hat sie zum Beispiel den dritten Platz erreicht. Zum Sport kam die 36-Jährige über ihren Mann Klaus Schwind, der bereits seit seiner Jugend erfolgreicher Orientierungsläufer ist und am Wochenende den ersten Platz belegt hat. Er laufe am liebsten im Wald, doch die Sportart ist vielfältig: Die Posten können auch quer durch Städte und Stadtparks führen. Auch der 78-jährige Vischer hat schon einige Läufe ausprobiert: „Der absolute Adrenalinrausch ist der nächtliche Orientierungslauf. Man steht alleine mitten in einem fremden Wald und sieht nur, was die Kopflampe erhellt.“

2018 hat Vischer sein langjähriges Hobby dann aufgegeben. Die Sprünge über Bäche wurden ihm zu riskant, steilere Abgänge konnte er nur noch langsam hinuntergehen. Eine schlechte Zeit war keine Option für den ehrgeizigen Sportler. „Das kostet einfach zu viel Zeit, ich fahre nicht stundenlang zu einem Wettkampf, um dann eine schlechte Zeit zu haben.“ Lange hat Vischer in der Disziplin weit oben mitgespielt. Viermal ist er deutscher Meister geworden. Er weiß, worauf es besonders ankommt: das Zusammenspiel von sportlicher Leistung und kognitiven Fähigkeiten. Es sei auch wichtig, sich die Karte und bestimmte Wegpunkte gut einzuprägen und nicht alle drei Meter auf die Karte zu schauen. „Das kostet viel zu viel Zeit“, so Vischer. Das Schöne an dem Sport: Jeder gefundene Posten vermittelt ein neues Erfolgsgefühl.

Wichtig für einen Orientierungsläufer sei aber nicht nur Ausdauer und die Fähigkeit zum Kartenlesen, sondern auch die richtige Ausrüstung. Passende Kleidung, denn „wir müssen ja viel durch das Gebüsch und durch Dornen rennen“, sowie Schuhe mit Stollen, damit die Läufer auf jedem Untergrund Halt finden. Ausgebaute Wege gibt es keine, es geht über Stock und über Stein, durch Büsche, steile Hänge hinauf oder hinunter. Es komme auch durchaus vor, dass man kleinere Bäche und Flüsse durchquert. „Oft ist es so, dass es schon Brücken gibt. Aber die bedeuten einen Umweg. Wer eine gute Zeit will, muss mittendurch“, sagt Vischer.

Katja Schwind ist von dem Sport vor allem begeistert, da er für die ganze Familie geeignet ist. Nicht nur kann sie so ein Hobby mit ihrem Mann teilen, sie hofft auch, dass ihre Kinder irgendwann die Freude daran entdecken. Bereits jetzt verbinden sie viele Urlaube und Wochenendausflüge mit Wettkämpfen in aller Welt. „Da kann die ganze Familie mitfahren, und jeder kann in seiner eigenen Altersklasse bei einem Lauf starten. Das ist etwas anderes, als wenn einer den ganzen Samstag für ein Fußball- oder Tennisspiel unterwegs ist.“

Orientierungslauf

Beim Orientierungslauf geht es darum, möglichst schnell Posten in der richtigen Reihenfolge abzulaufen. Die Posten sind auf einer Karte eingezeichnet, die die Teilnehmer erst nach dem Startschuss bekommen. Nur anhand der Karte und eines kleinen Kompasses am Daumen müssen sie die Posten finden.

Die Orientierungsläufe sind nach Altersklassen gestaffelt, Punkte aller Läufe werden zusammengerechnet. Sie werden auch als Staffel oder Mannschaft ausgetragen. Je weniger Details auf der Karte sind, zum Beispiel nur Höhenlinien, desto schwieriger.

Damit ein Teilnehmer nicht einfach dem Vordermann hinterherlaufen kann, starten die Läufer entweder in einem zeitlichen Abstand oder die Reihenfolge der Posten unterscheidet sich etwas.

Es gibt auch zwei weitere Disziplinen, die mit den gleichen Grundregeln funktionieren: Im Winter sind es Wettbewerbe auf Skiern, mit dem Rad gibt es Mountainbike-Orientierungsläufe.

Es gibt verschiedene Längen: Orientierungssprints (1,5 Kilometer), Mittelstrecke (2,5 Kilometer), lang (4 Kilometer) und ultralang (ab 6,5 bis 28 Kilometer).

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Erstellt:
6. Oktober 2020, 11:30 Uhr

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