Van Gerwens Pfeilvorlage

Wie der Weltmeister den Darts-Sport dominiert – und allen Widerständen trotzt

Souverän wie selten ein Spieler zuvor krönt sich Michael van Gerwen zum dritten Mal zum Weltmeister. Seit Jahren holt sich der Niederländer einen Titel nach dem anderen, doch die kollektive Liebe der Fans lässt auf sich warten.

London /DPA/SID/TOS - Den spontanen Arroganzanfall konnte sich Michael van Gerwen als alles überragender Spieler der Darts-Welt locker leisten. „Ich glaube, keiner kommt momentan an mich ran. Ich habe keinem die Chance gegeben, mich zu schlagen. Ich habe keine Fehler gemacht und die richtigen Entscheidungen getroffen“, protzte „Mighty Mike“ als neuer Weltmeister nach seinem 7:3-Finalsieg über Michael Smith wahrheitsgemäß, aber nicht ohne ziemlich überbordendes Selbstlob. Angesprochen auf seine acht verlorenen Sätze im kompletten Turnier, entgegnete der niederländische Dominator der Pfeile: „Das sind immer noch zu viele!“

Für van Gerwen ist der Triumph im Londoner Alexandra Palace Bestätigung und Genugtuung. „Eigentlich hätte ich dieses Turnier schon mehr als dreimal gewinnen müssen“, drohte van Gerwen, der nach 2014 und 2017 zum dritten Mal auf dem Thron steht, der schon in diesem Jahr weitgehend chancenlosen Konkurrenz .

Michael van Gerwen ist nicht unbedingt der beliebteste Spieler bei den Fans. Viele Zuschauer mögen sein extrovertiertes Auftreten nicht. Nach guten Würfen erinnert er ein bisschen an die Comicfigur Hulk, aber es ist seine Art, mit dem Druck auf der kochend heißen Bühne bei Temperaturen von mehr als 50 Grad (wegen der Scheinwerfer) umzugehen. Er lässt Dampf ab.

Während die Fans auf Darts-Turnieren weltweit die Legende Taylor auch ein Jahr nach deren Rücktritt noch mit „Taylor Wonderland“ grölend vergöttern, spürt van Gerwen immer wieder Gegenwind aus dem Publikum. Im Finale begleiteten sie seine Würfe immer wieder mit Buhrufen. „Wen interessiert’s? Manchmal macht es mich auch stärker, wenn das Publikum gegen mich ist.“ Doch ab und an trifft es ihn auch. Etwa als ihm ein Fan vor seinem Auftaktspiel Bier ins Gesicht schüttete und van Gerwen nach einem raschen Kleidungswechsel mit Tränen in den Augen zurückkehrte.

Ist er bei sich, ist er aber nicht zu schlagen. MvG steht für Tempo. Er verkörpert das, was die Zuschauer an Darts so fasziniert: das Tempo, die Präzision, die Emotion. Der Niederländer steht für Heavy-Metal-Darts. Er hämmert die drei Pfeile in sechs Sekunden Richtung Scheibe. Tacktacktack. So klingt er: Darts-Staccato. Anders als die im Feld (und bei den Fans) nicht gerade beliebten Tempo-30-Werfer wie Mensur Suljovic oder ein Justin Pipe mit ihrem Slow-Motion-Stil, die ungefähr so klingen: ­tack . . . tack . . . tack . . . Aber zurück zu „Mighty Mike“, dem Allmächtigen an den Scheiben. Seine zahllosen Turniersiege führen auch dazu, dass diskutiert wird, inwieweit seine Dominanz dem Sport eigentlich guttut – zumindest, sollte sie auf diesem Niveau weitergehen: Wenn ohnehin klar ist, wer gewinnt, wer will das dann noch sehen? Natürlich ist van Gerwen nicht unschlagbar – hätte etwa der „Bully Boy“ im Finale alle Chancen genutzt, wäre es eng geworden. Fakt ist: Ein formstarker van Gerwen ist kaum zu schlagen. Andrerseits: In den oftmals auch eher einseitigen Jahren unter Phil Taylor ist Darts erst zum Multi-Millionen-Pfund-Spiel geworden – und oft genug hat van Gerwen in London bittere Niederlagen einstecken müssen.

Der Niederländer kommt aus einfachen Verhältnissen, der Vater Lkw-Fahrer, die Mutter arbeitet in einer Kantine. Geld hatten sie nicht viel. In jungen Jahren kickte van Gerwen. „Aufgrund meines Körperumfangs wurde ich als Abwehrspieler eingesetzt. Ich war grottenschlecht.“ Auch abseits des Platzes hatte er zu kämpfen: „Ich wurde gemobbt, weil ich dick war. Das hat mich getroffen, und ich wusste mir nicht besser zu helfen, als zuzuschlagen und mir so Respekt zu verschaffen. Heute weiß ich, dass körperliche Gewalt keine Lösung ist“, sagte er „Spiegel online“.

Mit zwölf warf er die ersten Pfeile, das Talent war unübersehbar, er wurde immer besser – und er wurde respektiert. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Fliesenleger. Aus dieser Zeit kursiert die Geschichte, er habe bei der Fußball-Ikone Dennis Bergkamp im Haus einst die Fliesen verlegt. Die Geschichte klingt toll – stimmt aber nicht. „Es war nur das Nachbarhaus, und ich habe ihn nicht gesehen.“

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Erstellt:
3. Januar 2019, 03:14 Uhr

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