Vom DFB-Nachwuchs in die Etzwiesen

Fußball-Oberligist TSG Backnang verstärkt sein Trainerteam im Jugendbereich mit Carmen Holinka, die als Stürmerin und Coach bereits einige nationale und internationale Erfolge feierte. Die ehemalige deutsche Meisterin unterstützt die jungen Talente mit zusätzlichen Übungseinheiten.

Vollblutfußballerin Carmen Holinka hilft mit ihrem großen Wissen der TSG-Jugend, wieder in die Erfolgsspur zu kommen. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Vollblutfußballerin Carmen Holinka hilft mit ihrem großen Wissen der TSG-Jugend, wieder in die Erfolgsspur zu kommen. Foto: T. Sellmaier

Von Uwe Flegel

Wenn es stimmt, dass man von den Besten am besten lernt, dann hat die TSG Backnang eine Art Idealbesetzung für den Posten als Individualtrainerin für die Altersklassen U 15 bis U 19 gefunden. Schließlich war Carmen Holinka als Fußballerin fast ein Jahrzehnt in der höchsten deutschen Liga am Ball, wurde mit den Frauen des SV Grün Weiß Brauweiler in der Saison 1996/1997 deutsche Meisterin, DFB-Pokalsiegerin und Gewinnerin des Supercups. Als Trainerin war die 52-Jährige unter anderem viele Jahre für den Fußballverband Mittelrhein sowie den DFB im Juniorinnenbereich tätig. Nun kümmert sich die Inhaberin der A-Lizenz um den Nachwuchs des Etzwiesenvereins und hat nach den ersten Übungseinheiten festgestellt: „Hier herrscht eine unheimliche Aufbruchstimmung.“

Manchmal sind es ja Zufälle, die einem in die Karten spielen. So wie der TSG im Fall von Carmen Holinka. Aus familiären Gründen zog es die gebürtige Ludwigsburgerin vom Köln-Bonner-Raum zurück ins Schwabenland. Oberligist Backnang bekam dadurch fürs Trainerteam im Jugendbereich eine Verstärkung, die zuvor 13 Jahre lang beim DFB als Co-Trainerin für die U-15, U-16- und U-17-Juniorinnen am Ball war. Ein Zugang, auf den der Begriff Vollblutfußballerin im wahrsten Sinne des Wortes zutrifft. „Bei uns in der Familie haben alle Fußball gespielt“, erzählt Holinka und fügt schmunzelnd an: „Das war ein Muss.“

In ihrem Fall war es so, dass sie mit ihren vier Geschwistern von klein auf hinter der Kugel herrannte und sich als Zehnjährige dem Mädchenteam des TSV Ludwigsburg anschloss. Sie berichtet: „Vor meinem ersten Spiel hat mein Vater gesagt, wenn du ein Tor schießt, dann bekommst du fünf Mark.“ Was als Motivationshilfe gedacht war, wurde zu einer richtig teuren Angelegenheit für den Herrn Papa. „Wir haben gegen den TV Möglingen gespielt, der gerade erst mit Mädchenfußball angefangen hatte, haben 36:0 gewonnen und ich habe 26 Tore geschossen“, berichtet Carmen Holinka und muss noch heute darüber lächeln.

Für sie war das Spiel am 11. September 1979 der Anfang einer Karriere, die sie an die Spitze des deutschen Frauenfußballs brachte. Spätestens Mitte der 90er, als sie nach Brauweiler wechselte. Der Verein, den sich mittlerweile der 1. FC Köln als Frauenfußballabteilung einverleibt hat, war damals neben Frankfurt und Siegen der Topklub hierzulande. Das Triple 1997 mit Grün Weiß an der Seite von DFB-Ehrenspielführerin Bettina Wiegmann war als Spielerin sicher der Höhepunkt der Karriere von Carmen Holinka, die einerseits aufgrund einer Verletzung ohne Länderspiel blieb. Andererseits „muss man ehrlicherweise auch sagen, dass im Sturm mit Leuten wie Birgit Prinz die Konkurrenz stark war“.

Der fehlende Einsatz im Nationalteam änderte aber nichts daran, dass die Schwäbin in der Kölner Ecke heimisch wurde und dort dem Fußball stets verbunden blieb. Deshalb war es eigentlich keine Frage, dass sie sich nach der Rückkehr in die alte Heimat nach einem Verein umschaut, „der leistungsorientierten Fußball anbietet“. Entschieden hat sie sich letztendlich für die TSG Backnang. Seit kurzer Zeit fährt Holinka deshalb nun einmal pro Woche von ihrem Wohnort Marbach ins Murrtal und arbeitet dort als sogenannte Individualtrainerin. Dabei geht es darum, C-, B- und A-Jugendlichen zusätzlich zu den normalen Übungseinheiten eine noch bessere Ausbildung zukommen zu lassen. Etwas, was in den Etzwiesen durchaus ratsam ist. Nach diversen Abstiegen spielt keine Mannschaft höher als Bezirksstaffel. Für einen Oberligisten, der einst für seine gute Jugendarbeit bekannt war, ist das nicht genug. Das weiß Carmen Holinka, hat jedoch bereits festgestellt: „Hier herrscht im Nachwuchsbereich eine richtige Aufbruchstimmung. Man merkt, dass der Verein Gas geben will.“

Überhaupt scheint sie sich nach wenigen Wochen bei der TSG bereits richtig wohlzufühlen: „Mir wird hier von Leuten wie Jugendkoordinator Michael Weiß, vom Vorstand, eigentlich vom ganzen Verein eine unheimliche Wertschätzung entgegengebracht.“ Kein Wunder. Im Übungsleiterbereich des Backnanger Klubs wird sich außer Holinka niemand finden lassen, der als Mitglied des DFB-Trainerstabs mit den U-19- (2011) sowie U-17-Juniorinnen (2019) den Europameisterschaftstitel feiern durfte. Erfolge, Erlebnisse und Erfahrungen, die dem Etzwiesenklub idealerweise helfen sollen, den im Nachwuchsbereich verloren gegangenen Boden wiedergutzumachen.

Meisterin und Pokalsiegerin

Carmen Holinka wird am 16. Dezember 1968 geboren und beginnt im Sommer 1979 beim TSV Ludwigsburg mit dem Vereinsfußball. Mit dem TSV steigt sie im Frauenbereich später bis in die erste Liga auf. 1993 wechselt die WFV-Auswahlspielerin sowie WFV-Pokalsiegerin zum württembergischen Erstligisten VfL Sindelfingen und zieht 1995 zu Grün Weiß Brauweiler weiter. 1997 wird sie mit dem Klub aus der Kölner Ecke deutsche Meisterin, DFB-Pokalsiegerin und gewinnt den Supercup. Zur Saison 1999/2000 wechselt die Stürmerin innerhalb der Ersten Bundesliga zum SC 07 Bad Neuenahr.

Beim Regionalligisten TuS rrh Köln startet Carmen Holinka im Sommer 2001 ihre Trainerkarriere und gewinnt den Mittelrhein-Pokal. Ab 2003 arbeitet sie für den Fußballverband Mittelrhein (bis 2007) und den DFB (bis 2020) im Juniorinnenbereich als Trainerin und im Scouting.

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Erstellt:
27. Juli 2021, 06:00 Uhr

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