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Wie sich ein Traum erfüllt

Denise Herrmann findet den Weg zum Erfolg

Triumph - Denise Herrmann überwindet bei der WM ihr Trauma beim Stehendschießen und gewinnt Gold in der Verfolgung. Es war ein schwieriger Weg für die ehemalige Langläuferin auf den Thron.

Östersund Manchmal könnte man glauben, es existiert irgendein Gott, der sich gerne mit Sport beschäftigt. Irgendeine übernatürliche Kraft, die zur Zerstreuung ein Karriere-Drehbuch für die Menschen schreibt, in dem alle Resultate vornotiert sind. Als Denise Herrmann am 3. Dezember 2017 in Östersund die Verfolgung gewonnen hatte – es war ihr zweiter Weltcup-Sieg überhaupt, zwei Tage zuvor hatte sie ihren Premieren-Triumph im Sprint bejubelt –, als die blonde Biathletin also vor rund 16 Monaten in Mittelschweden auf den obersten Podestplatz hüpfte, da lautete ihr Schießergebnis in der Verfolgung 0-0-2-0. Am 10. März 2019 war Denise Herrmann wieder die Beste im Verfolger, dieses Mal bei der WM – und wieder schoss sie die Folge 0-0-2-0. Ob es eine Laune eines sportverrückten Überirdischen war, der Denise Herrmann ins Herz geschlossen hatte?

Eher nicht. Denn hinter diesem Triumph der ehemaligen Langläuferin, die sich nach einem Test erst 2016 mit einer Reife von 27 Jahren entschlossen hatte, ein Gewehr mit auf die Runde zu nehmen, stecken unzählige Übungsstunden – vor allem mit der Waffe. „Das war die große Herausforderung“, erzählt Denise Herrmann in Östersund, „die Trainer haben mich ins eiskalte Wasser geworfen, ich war sofort in einer starken Gruppe, das war nicht immer einfach. Ohne die Hilfe aller Trainer hätte ich es nicht geschafft.“ Auch die einjährige Sperre, die sie als 18-Jährige wegen der Einnahme eines verbotenen Hustensaftes (Clenbuterol) aus der Hausapotheke der Eltern verbüßen musste, hatte sie zur Kämpferin geformt.

Nun hat sich Denise Herrmann den Lohn aller Entbehrungen und vieler Frustrationen abgeholt. In der WM-Verfolgung ließ sie dank einer grandiosen Vorstellung auf der Strecke mit Laufbestzeit und einer nervenstarken Leistung am Schießstand in 31:45,9 Minuten (2 Schießfehler) die Norwegerin ­Tiril Eckhoff (+31,1 Sekunden/2) und ihre Teamkollegin Laura Dahlmeier (+31,6/1) klar hinter sich. „Als ich in der Schlussrunde den letzten Anstieg hinter mir hatte und klar war, dass ich Gold gewinne“, erzählt die Thüringerin, „bin ich in Trance bis ins Ziel gelaufen.“ Das Lächeln, das sich beim Überfahren der Linie in ihrem Gesicht abzeichnete, das verließ sie die nächsten Stunden nur ganz selten.

Die Umsteigerin hat sich an diesem 10. März endgültig und erschöpfend bewiesen, dass der Disziplinwechsel die goldrichtige Entscheidung war, und sie hatte die vielen Lästerer mundtot gemacht, die unentwegt geunkt hatten: „Herrmann wäre eine tolle Biathletin, wenn nur das Schießen nicht wäre.“ Natürlich war dieser Teilbereich lange die Achillesferse der Spätberufenen, besonders im Stehendanschlag wackelten häufig die Nerven, zitterten die Beine und hörte der Kopf nicht auf zu denken: „Wenn du jetzt nicht triffst, dann . . .“ Noch am 13. Januar bei der Staffel in Oberhof verballerte sie als Schlussläuferin den möglichen Heimsieg – als sie sich bei der abschließenden Stehend­übung fünf Fahrkarten leistete. Ihre Trefferbilanz im Weltcup ist nichts, mit der man ­Biathlon-Talente beeindrucken könnte. 76 Prozent Trefferquote waren es vor der WM, stehend gar nur 74, die Italienerin Lisa Vittozzi kommt auf 91 Prozent gesamt und 90 Prozent stehend.

Deshalb hatte Herrmann bei Schießtrainer Gerald Hönig in den letzten Wochen unzählige Nachhilfestunden genommen. „Ich habe in Oberhof extrem viel Zeit investiert“, erzählt sie, „die letzten Kleinigkeiten an Verbesserungen kosten sehr viel Kraft und Konzentration. Aber ich habe große Schritte gemacht.“ In Soldier Hollow hatte sie zuletzt am 16. Februar die Weltcup-Verfolgung gewonnen, ein Fingerzeig. Und nun in Östersund hat sich die Wackelschützin liegend Zeit gelassen, sie hat nach den zwei Fehlern im ersten Stehendanschlag nicht die Nerven verloren – und ist im finalen Duell mit Mona Brorsson (die sich vier Fehler leistete), so kühl und konzentriert gewesen wie einst Clint Eastwood in den Italowestern. Fünf Volltreffer, weil sie die lästigen Versagensängste ausblenden konnte.

„Ich bin oft in Rennen gegangen“, sagt sie, „und hab mir gesagt, wenn du gut schießt, bist du ganz vorn dabei – da habe ich mich zu sehr unter Druck gesetzt.“ Nun scheint Denise Herrmann die nötige Sicherheit gefunden zu haben, wenngleich sie nach dem letzten Schuss noch mal ungläubig schaute: Sind wirklich alle Klappen gefallen? Ja, sie sind! Und der Traum einer ehemaligen Langläuferin, die im Biathlon ihr Glück suchte, wurde wahr. Dieses Schießergebnis wird der neuen Weltmeisterin Sicherheit geben und ihr Selbstvertrauen stärken. Sie weiß nun, dass sie es kann. „Ich bin sehr stolz auf mich, dass mir das gelungen ist“, sagt sie. Ganz ohne die Hilfe eines sportbegeisterten, ihr gewogenen Gottes.

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Erstellt:
11. März 2019, 03:04 Uhr

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