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Willigs Sprung ist nur ein kleiner Schritt

Die Faktenlage beim VfB bleibt nach dem 1:0 gegen Gladbach kritisch, doch unter dem neuen Trainer herrscht wieder Zuversicht

Abstiegskampf - So komisch es klingt: Der VfB Stuttgart ist nach dem Erfolg über Borussia Mönchengladbach jetzt ein anderer Abstiegskandidat. Dank dem Interimstrainer Nico Willig, der Impulse setzt.

Stuttgart Man kennt das ja aus dem Basketball. Diese Dunkingwettbewerbe in den Pausen wichtiger Spiele. Sportler mit großen Körpern fliegen dann spektakulär durch die Luft und stopfen krachend Bälle in den Korb. Und sollten in Analogie dazu nun deutsche Fußballfunktionäre tatsächlich einmal damit liebäugeln, eine ähnliche Show auf die Beine zu stellen, zum Beispiel einen Trainer-Freudensprung-Wettbewerb während eines Finales des DFB-Pokals, dann dürfte neuerdings Nico Willig auf der Einladungsliste landen.

Von null unter die Top Drei hat sich der Interimstrainer des VfB Stuttgart katapultiert – mit seinem mächtigen Satz, den der 38-Jährige mit dem Schlusspfiff beim 1:0-Sieg über Borussia Mönchengladbach vollführte. Dieser war so energiegeladen und hoch, dass sich der Bundesliga-Novize wohl locker auf Anhieb mit den bisherigen Meistern in dieser inoffiziellen Disziplin, Jürgen Klopp und Niko Kovac, messen kann.

Seinem Sprungvermögen zum Trotz droht Willig nach dem erlösenden Premierenerfolg aber nicht die Bodenhaftung zu verlieren. „Das war ein toller Tag für uns ­alle, aber es geht gleich weiter mit der Vorbereitung auf das Spiel in Berlin“, sagt der Trainer. Bei Hertha BSC wird es sein zweiter Auftritt mit einer gebeutelten Elf, die nach dem 0:6 in Augsburg eine Woche zuvor noch leblos erschien und am Abgrund zur zweiten Liga taumelte. Willig hat ihr ­jedoch nicht nur ein paar personelle Veränderungen verordnet, sondern vor allem einen Plan an die Hand gegeben, dank dem die Stuttgarter den Glauben wiedergefunden haben, ein Spiel gewinnen zu können.

„Auf dieser Leistung können wir aufbauen“, sagt Manager Thomas Hitzlsperger, „es steckt jetzt wieder mehr Zuversicht in der Mannschaft.“ Ein Optimismus, der sich taktisch daraus speist, dass der neue Coach gegen Gladbach auf ein ­erfahrenes Mittelfeld vertraut hat, zu dem erwartungsgemäß Daniel Didavi gehörte, überraschenderweise aber auch Andreas Beck, ein diplomierter Außenverteidiger. Dagegen verteidigte Benjamin Pavard in einer Viererkette auf der (weltmeisterlichen) rechten Seite und nicht wie von dem Franzosen gewünscht im Zentrum.

Beispiele, die zeigen, dass Willig andere Ideen einbringt als sein geschasster Vorgänger Markus Weinzierl – aber vor allem lässt er die Spieler damit nicht allein. Er redet mit ihnen, er überzeugt sie, und er hilft bei der Umsetzung. Obwohl auch ihn das Problem erfolgreicher Nachwuchstrainer, die vor meist leeren Rängen ständig korrigierend eingreifen können, in einem voll besetzten und lauten Stadion erfasste. Denn wie einst Hannes Wolf stellte Willig schnell fest, dass ihn die Akteure auf dem Platz von der Seitenlinie aus kaum hören. „Es hat mich einige Körner gekostet, die Spieler verbal nicht immer zu erreichen“, sagt der eigentliche U-19-Trainer.

Per Handzeichen dirigierte Willig das Team ständig aus seiner Coachingzone heraus. Und es mag seltsam (vielleicht sogar ungerecht) klingen, dass die Stuttgarter in nur einem Spiel unter Willig mehr an Flexibilität gezeigt haben als unter Weinzierl in den Monaten zuvor. Doch ganz gleich, welche Aufstellung Weinzierl wählte, der VfB trat immer gleich auf. Ohne großen Mumm. Willig fordert von seiner Mannschaft jedoch eine „ständige Angriffsbereitschaft“, und er hat die Vorgabe sowohl mit einer mutigen Formation als auch einer forschen Herangehensweise unterstrichen. „Wir haben sowohl hoch attackiert als auch tief verteidigt“, sagt Willig.

Wobei der leidenschaftliche, aber ebenso wilde Anfang an eine fast vergessene Zeit erinnerte: Fußball à la Alexander Zorniger – mit stürmischen Angriffsversuchen und haarsträubenden Abwehrfehlern. Dank einem starken Torhüter Ron-Robert Zieler und mit Glück überstanden die Stuttgarter aber die kritischen Situationen. Vor ­allem diese eine aus der vierten Minute, die dem Gästetrainer Dieter Hecking alles über die Selbstüberschätzung seiner von der Champions League träumenden Spieler offenbarte: Zu dritt rannten die Gladbacher auf Zieler zu. Ein Pass – und die Führung wäre perfekt gewesen. Alassane Pléa versuchte es jedoch alleine und scheiterte.

Eine Aktion mit Signalwirkung für den VfB – wie Willig befindet. Weil sie geholfen hat, sich von Platz 16 auf Platz 16 zu verbessern. So komisch sich das anhören mag. Doch die Stuttgarter kommen einem nach dem Tor von Anastasios Donis (56.) wie ein anderer Abstiegskandidat vor als noch vor einer Woche. Die mit negativer Energie aufgeladene Wolke über der Mercedesstraße hat sich etwas verzogen. Und die Gefahr, selbst den Relegationsplatz noch zu verspielen, erscheint mit dem Sieg wieder geringer. „Das war ein Schritt nach vorne“, sagt Hitzlsperger. Der Sportchef meint dabei weniger die Faktenlage, sondern vielmehr den Stimmungsumschwung. Noch nie ist ein Bundesligist aus einer Position der Stärke in die Relegation gekommen, aber der VfB vermittelt zumindest wieder das Gefühl, bestehen zu können.

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Erstellt:
29. April 2019, 03:16 Uhr

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