Willkommene Verstärkung für Backnang

Mit Yurij Gavriushyn und Mykola Adzhy sind ein 50- und ein 18-jähriger Geflüchteter aus der Ukraine wichtiger Bestandteil der TSG-Ringerstaffel. Die beiden aus Mariupol stammenden Kämpfer sind froh, dass sie vom Verein und ihren Teamkollegen so gut aufgenommen werden.

Hängen sich rein für die TSG Backnang: Der routinierte Yurij Gavriushyn (links) und der talentierte Mykola Adzhy. Foto: Tobias Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Hängen sich rein für die TSG Backnang: Der routinierte Yurij Gavriushyn (links) und der talentierte Mykola Adzhy. Foto: Tobias Sellmaier

Von Uwe Flegel

„Ich bin froh und auch dankbar, dass ich ein Backnanger Bär sein darf“, erklärt Yurij Gavriushyn. Für den Hünen sind die Ringer der TSG, die sich selbst als Backnanger Bären bezeichnen, ein wichtiger Ankerpunkt im Leben geworden. Schließlich ist er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern geflüchtet, um den Kriegswirren in der Ukraine zu entkommen und im Murrtal den Frieden zu finden. Seit eineinhalb Jahren lebt der 50-jährige Elektroingenieur nun hier und verstärkt wie der 18-jährige Mykola Adzhy die Backnanger Ringerstaffel. Die ging vergangenes Jahr als Kampfgemeinschaft mit dem RSV Benningen II in der Bezirksliga auf die Matte. Die Freistilspezialisten, die beide aus Mariupol stammen, waren wichtig für die TSG-Riege. Gavriushyn im Schwergewicht (bis 125 Kilogramm), Adzhy als Leichtgewichtler (bis 65 ).

Für die TSG-Trainer ist der 18-Jährige ein „kleiner Rohdiamant“

Für Trainer Joachim Krohlas steht fest, dass Mykola Adzhy „ein kleiner Rohdiamant ist“. Technisch gut ausgebildet sei er bereits ein Eckpfeiler der Mannschaft, mit der Backnang vor nicht ganz zwei Jahren sein Comeback auf Wettkampfebene feierte, sagt Krohlas. Solche Talente wie den erst 18-Jährigen im Team zu haben, ist ein Glücksfall für die Bären aus dem Murrtal. Immerhin war er in seiner Heimat bereits ukrainischer Vizemeister seiner Altersklasse. Hier in Deutschland geht es für ihn im blau-gelben Ringertrikot der TSG allerdings nicht mehr im Nachwuchsbereich um den Sieg. Hier geht es gegen Männer und „da muss ich schon richtig stark kämpfen und ich gewinne trotzdem nicht immer“.

Bei den Übungszeiten gibt’s im Murrtal nur eingeschränkte Möglichkeiten

Wobei er selbst für seinen neuen Verein durchaus ein Gewinn ist. Einer, für den sein Sport auch Abwechslung bedeutet vom Sprach- und Schulunterricht in einer separaten Klasse. Architekt oder technischer Zeichner würde Mykola Adzhy irgendwann einmal gerne werden. Ehrgeizige Ziele – so wie er es eben vom Sport her kennt. In der Ukraine stand für ihn jeden Tag Training an, zweimal in der Woche ging es gar in die Halle. Hier in Backnang sind die Möglichkeiten begrenzt. Auch weil die Trainingszeiten in der Seminarhalle mit der Busverbindung in den Wohnort Auenwald nicht immer kompatibel sind.

Wenigstens ein bisschen was vom alten Leben

Adzhy ist trotzdem froh, dank des Sports wenigstens ein bisschen was vom alten Leben in der Ukraine hier in Deutschland wiedergefunden zu haben. Yurij Gavriushyn hat hier sogar den Wiedereinstieg ins Ringen geschafft. In Mariupol war er in jungen Jahren zwar auch als Ringer unterwegs, war dann aber zum Gewichtheben gewechselt. In Backnang angekommen suchte er dann eigentlich einen Verein für seinen 13-jährigen Sohn Rostyslav. Im Internet stieß er auf die TSG. Der Vater meldete seinen Filius an und fand selbst wieder Gefallen daran. Mit 50 Jahren kehrte er zurück auf die Ringermatte. In einem Alter, in dem andere überlegen, künftig auch das Seniorenringen sein zu lassen, startete Gariushyn wieder durch und besetzt seitdem für Backnang in der Freistiltechnik die Schwergewichtsklasse. Dabei verbuchte er auch schon Siegpunkte und seine Trainer Ivan Kiselev sowie Joachim Krohlas sind sich einig: „Vor seiner Leistung kann man nur den Hut ziehen.“

Der Sport hilft bei der Integration

Erst recht, weil der TSG-Kämpfer ja auch noch seine Familie ernähren und damit seine wiederentdeckte Liebe zum Ringersport mit seiner Arbeit bei der Firma Eisenmann in Einklang bringen muss. Hinzu kommen die Herausforderungen, die das Leben in dem neuen Land mit der fremden Sprache für ihn, seine Frau und seine beiden Söhne mit sich bringt. Einerseits. Andererseits sind Training und Wettkampf nicht nur willkommene Abwechslung. Sie befördern auch die Integration und das Ankommen im Schwabenland. Yurij Gavriushyn ist glücklich über die Chancen, die der Verein ihm und seinem Sohn bietet. Die TSG und die Kampfgemeinschaft Backnang/Benningen sind für ihn zu einer Art zweiten Familie geworden. Entsprechend zufrieden ist er, Bestandteil der Riege aus dem Murrtal zu sein. Wobei auch die Verantwortlichen dort überaus froh und sehr dankbar sind, wie rasch sich der Hüne aus Mariupol zu einem richtigen Backnanger Bär entwickelt hat.

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Erstellt:
7. Februar 2024, 09:54 Uhr

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