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Wo ist der Khedira oder Özildes deutschen Handballs?

Anders als König Fußball hat die zweitwichtigste Teamsportart für Zuwanderer keine Strahlkraft

Im Handball-Nationalteam, aber auch in den Clubs finden sich kaum Spieler mit Migrationshintergrund. Fehlt der Wille zur Integration? Oder liegt es an den Schulen? Eine Suche nach Antworten.

Stuttgart David ist 14 Jahre alt. Er spielt in der C-Jugend bei Frisch Auf Göppingen im linken Rückraum. Aaron steht im Tor, im Feld hat er Tim, Niklas, Cornelius, Julian und Jannis vor sich. David spielt auch Fußball beim FV Faurndau. Dort hießen seine Mitspieler beim letzten Hallenturnier Giacomo, Theodoros, Melih, Vasile, Oktay und Giuseppe. David ist in beiden Sportarten mit der selben Leidenschaft am Ball. Er fühlt sich in beiden Teams gleich wohl. Dass er im Fußball im Gegensatz zum Handball der einzige Spieler ohne Migrationshintergrund ist, spielt für ihn keine Rolle.

Das Beispiel von der Basis zeigt vielmehr, dass sich in der zweitwichtigsten Teamsportart die gesellschaftliche Vielfalt nicht widerspiegelt. Auch im deutschen Handball-Nationalteam fahndet man vergeblich nach Spielern, deren Biografien an Fußballer wie Jérôme Boateng, Mesut Özil oder Sami Khedira erinnern. Lediglich die Eltern von Kreisläufer Patrick Wiencek stammen aus Polen. Bei den französischen Handballern ist das anders: Sie profitieren traditionell stark von Profis, die aus Ex-Kolonien wie La Reunion oder Guadeloupe stammen.

Regionale Studien in Bielefeld und Duisburg belegen, dass Handball für Zuwanderer keine Strahlkraft hat. Knapp 60 Prozent der Migranten spielen Fußball, danach folgen mit riesigem Abstand Kampfsportarten (14) und Turnen (10). Nur drei Prozent spielen Handball. Die Sportart wird bei Migranten also nahezu ignoriert. Woran das liegt? Ein Teil der Antwort ist einfach. Der Stellenwert der Sportart in den Herkunftsländern ist gering, die Eltern sind ohne Handball aufgewachsen. „Ein Afrikaner schickt seinen Sohn nicht zum Eishockey und auch nicht zum Handball. Auch in der Türkei fristet der Handball ein Schattendasein. Die motorisch begabten Kinder gehen zum Fußball. Zumal ein später damit möglicherweise verbundener sozialer Aufstieg dort am lukrativsten ist“, sagt der Sportwissenschaftler Rolf Brack. Hinzu kommt, dass es eine ungezwungene Straßenspielkultur wie im Fußball oder Basketball nicht gibt. Der frühere Frauen-Bundestrainer Dago Leukefeld gibt noch zu bedenken: „Die Handball-Regeln sind einfach auch zu kompliziert.“

Der zweite Teil der Antwort, warum Sportler mit Migrationshintergrund im Handball so gut wie keine Rolle spielen, ist komplexer. Wird das Thema vom Deutschen Handball-Bund (DHB) vernachlässigt? Gibt es keine wirkungsvollen Integrations-Initiativen? Vor zwei Jahren hat der Berliner Philosoph Wolfram Eilenberger in einer Kolumne für „Zeit Online“ dieses Thema bewusst zugespitzt und provokativ aufgegriffen – und erhielt wütende Reaktionen. Als „völkisch homogen“ und „kartoffeldeutsch“ hat er den Handball beschrieben, als „konservatives Provinzvergnügen“. Zwischen den Zeilen las sich das, als würden die Vereine Migranten bewusst ausschließen. Das ist nicht der Fall, meint die Sportsoziologin Carmen Borggrefe von der Universität Stuttgart im Gespräch mit unserer Zeitung. Dennoch würden Vereine unbewusst Grenzen ziehen, indem sie Werte beanspruchen, die als typisch Deutsch gelten: Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Authentizität. „Auf Internetseiten der Clubs sieht man oft nur blonde, autochthon aussehende Kinder“, sagt Borggrefe. „Indirekte Fremdexklusion“, nennt sie dies.

Gibt es also im Handball die Arroganz, es auch ohne die Kinder mit Migrationshintergrund hinzubekommen? Hans Artschwager dementiert dies energisch. Der Präsident des württembergischen Verbandes (HVW) betont vielmehr: „Wir brauchen diese Kinder dringend. Denn diese Gruppe wird wegen des demografischen Wandels für die Mitglieder- und Talentrekrutierung immer bedeutender.“ 2009 hatte der DHB noch mehr als 847 400 Mitglieder und wollte die Eine-Million-Schallmauer durchbrechen. Inzwischen geht es nur noch darum, nicht unter die aktuelle Zahl von rund 757 500 abzurutschen. „Dies geht nur über die Schulen. Sie sind ein Raum des Vertrauens, dort müssen wir die Eltern mitnehmen“, sagt Artschwager. Ein Verein habe diesen Vertrauensvorschuss bei Familien mit Migrationshintergrund nicht. Das Problem dabei: Handball findet in der Schule fast gar nicht statt.

Der TVB Stuttgart hat dies erkannt. Der Bundesligist bietet deshalb jeder Schule im Großraum Stuttgart eine Schnupperstunde mit einem seiner Profihandballer an. Außerdem lädt der TVB die Kinder zu einem Heimspiel ein. „Ich finde, das gehört zu den Aufgaben eines Proficlubs“, sagt Trainer und Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. Sein Verein hatte zwei Jahre lang optimale Voraussetzungen. In Torwart Yunus Özmusul (2015/16) und Linkshänder Can Celebi (2016/17) spielten zwei Türken im Verein. „Das hat sich aber nicht signifikant ausgewirkt“, sagt Schweikardt. Weder auf die Zuschauerresonanz noch auf die Zahl der Mitglieder im Verein.

Im Gegensatz zu Fußballern wie Mesut Özil oder Ilkay Gündogan sind die Handballer in ihrer Heimat eben keine Stars. Dennoch wäre es wichtig, solche Spieler in ein Konzept einzubinden. „Die Person, die an die Schulen geht, darf nicht mit unserem Blickwinkel rangehen, sondern muss wissen, wie der Nachwuchs in dem jeweiligen Kulturkreis tickt“, sagt Artschwager, der als Geschäftsführer der sozialpädagogischen Einrichtung Waldhaus in Hildrizhausen bisweilen mit 90 jugendlichen Flüchtlingen zu tun hat. Zwei konnte er für den Handball gewinnen. „Ich hätte es leichter, ein Cricket-Team zusammenzubekommen“, meint Artschwager, der aber weiterkämpfen will.

Auch Martina Haas, im DHB-Präsidium für die Mitgliederentwicklung zuständig,, befasst sich mit dem Zugehen auf Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte. „Wir gehen es in drei Pilotregionen in Deutschland konkret an und wollen den Vereinen konkrete Handlungsmöglichkeiten in Verbindung mit den Schulen geben“, erklärt Haas. Wissenschaftler fordern eine Offensive des DHB in Form von verpflichtenden Fortbildungen in den Vereinen zum Thema Integration – und eine begeisternde Heim-WM wird dem Werben an der Basis mit Sicherheit auch nicht schaden.

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Erstellt:
21. Januar 2019, 16:11 Uhr

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