Zwei Traditionsklubs nähern sich an

Lange trennen die 1919 gegründete TSG und die 1899 aus der Taufe gehobenen Stuttgarter Kickers sportliche Welten. Morgen um 14 Uhr geht es in Backnang erst zum sechsten Mal um Punkte, doch seit einiger Zeit mehren sich die Duelle.

Ein 3:3 gab es beim bislang letzten Duell zwischen Rot und Blau. Niklas Pollex bejubelte das zwischenzeitliche 2:1 für die TSG.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Ein 3:3 gab es beim bislang letzten Duell zwischen Rot und Blau. Niklas Pollex bejubelte das zwischenzeitliche 2:1 für die TSG.Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Die Oberliga-Tabelle hat nach drei Spielen kaum Aussagekraft, für alle Fans der TSG-Fußballer ist es aber eine tolle Momentaufnahme. Die Roten haben mit neun Punkten die Nase vorne. Dagegen ist der Start der Kickers (vier Zähler, Platz zehn) allenfalls noch als durchwachsen zu bezeichnen. Daraus fürs morgige Spiel im Etzwiesenstadion die Favoritenrolle für die Hausherren abzuleiten, wäre aber vermessen. Es sind immer noch die Blauen, die mit aller Macht und deutlich höherem Etat in die Regionalliga aufsteigen möchten, während es für die TSG weiter vor allem darum geht, mit dem Abstieg möglichst nichts zu tun zu haben.

Dennoch ist es ein Signal dafür, dass sich die Traditionsvereine in den letzten Jahren angenähert haben. Das liegt am Höhenflug der Backnanger, die vor acht Jahren noch in der Landesliga dahindümpelten, und an der Talfahrt des Ex-Bundesligisten, der in der vierten Spielzeit in Serie nur noch in der fünfthöchsten deutschen Spielklasse beheimatet ist. Wir blicken vor der morgigen Begegnung auf die bisherigen fünf Punktspiele zurück, die Bilanz aus Sicht der Roten lautet: Ein Sieg, ein Remis, drei Niederlagen.

Der Zuschauerrekord: Am 5. November 1967 richteten sich die Augen der Fußballfans im Raum Backnang auf das Etzwiesenstadion. Auf den meisten Plätzen in der Umgebung ruhte der Ball, weil Eugen Wecker als Staffelleiter der B- und C-Klassen seinen Klubs einen spielfreien Sonntag verordnet hatte, „um auch den Spielern dieser Vereine einmal Gelegenheit zu geben, ein interessantes Regionalligaspiel in Backnang mitzuerleben“. Als das „Schwäbische Derby“, wie unsere Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten die Partie nannten, angepfiffen wurde, sorgten 8000 Leute für eine Rekordkulisse. Wer nicht mehr ins Stadion passte, aber live zugucken wollte, tummelte sich dicht gedrängt hoch droben auf dem Murrtal-Viadukt. Der Rest wartete auf die Sendung des Süddeutschen Rundfunks, der ab 17 Uhr mit Reporter Gerd Million von diesem Spiel sowie den Partien FSV Frankfurt gegen Kickers Offenbach und Hessen Kassel gegen VfR Mannheim berichtete.

Der Aufsteiger von der Murr, der im Juni mit einem 1:0 im Entscheidungsspiel gegen Offenburg den Sprung in die damals zweithöchste Liga geschafft hatte, hielt trotz eines frühen Rückstands zunächst gut dagegen. Karl Grözinger traf mit einem Schuss vom Strafraumrand zum 1:1 und läutete eine Drangphase ein, die mit dem zweiten Kickers-Tor von Otto Garhofer beendet wurde. Herbert Dienelt erhöhte nach tollem Solo auf 3:1, mit dem 4:1 von Helmut Fürther war die Messe gelesen. Erich Schmeil packte das 5:1 drauf, danach ließen es die Degerlocher gut sein. Ein Sonderlob bei Backnang verdiente sich Torhüter Klaus Köngeter, der faustete und hechtete, was das Zeug hielt.

„Ich bin zufrieden, besser hätte es nicht laufen können“, sagte Kickers-Coach Georg Wurzer, der den VfB Stuttgart in den Fünfzigern zu zwei deutschen Meistertiteln und zwei DFB-Pokal-Siegen geführt hatte. Das Fazit des Kollegen Hermann Sanzenbacher: „Es war ein verdienter Sieg der Kickers, doch haben wir wohl um zwei Tore zu hoch verloren. Wenn man aber so viele Deckungsfehler macht wie meine Mannschaft, dann müssen ja Tore fallen.“ Angesprochen war auch Ernst Kress, denn der etatmäßige Mittelstürmer war aufgrund von Personalsorgen und vielleicht auch wegen seiner bekannten Kopfballstärke ausnahmsweise als Ausputzer aufgeboten worden. „Das war für mich ungewohnt, auch wenn ich das in der Jugend schon einmal gespielt hatte“, erinnert sich der Ur-Backnanger an das Duell.

Rückspiel im Neckarstadion: Zur damaligen Zeit war es nicht so selten, dass die Kickers Heimspiele in der Arena austrugen, in der sonst der große Nachbar beheimatet ist. Obwohl nur 4000 Zuschauer kamen und sich im weiten Rund verloren, war es für die Gäste ein tolles Erlebnis. Warum, schilderte der Berichterstatter unserer Zeitung: „Man hätte meinen können, die TSG spiele vor eigenem Publikum. Selten stand eine Gästemannschaft im Neckarstadion in der Gunst des Publikums so hoch im Kurs.“ Bereits als die Roten den Platz betraten, brandete großer Beifall auf, der sich bei Torannäherungen „fast zum Orkan steigerte“. Derart unterstützt, ging die TSG beim Favoriten mit einem Fernschuss von Hans Krauss nach einem Solo von der Mittellinie in Führung. Dieser Treffer „kostete übrigens der Stadt Stuttgart einen Klappsitz auf der Pressebank, der dem Begeisterungssprung unseres Reporters nicht gewachsen war“.

Das 1:0 hielt bis zur Pause, im zweiten Durchgang schwanden die Kräfte. Mit zwei Toren von Rainer Eisenhardt wendeten die Blauen das Blatt, der 2:1-Erfolg half ihnen aber nichts mehr. Das Ziel, einen der ersten beiden Plätze zu belegen und damit in der Aufstiegsrunde zur 1963 gegründeten Bundesliga teilzunehmen, hatten sie schon vorher aus den Augen verloren. Backnang hoffte dagegen weiter auf den Klassenverbleib, doch letzten Endes ebenfalls vergeblich. Es blieb bei einem einjährigen TSG-Gastspiel im Profigeschäft, fortan waren wieder die Amateurligen die sportliche Heimat.

Das Wiedersehen: Noch als Drittligist, der die Rückkehr in die Zweite Bundesliga anstrebte, kamen die Stuttgarter Kickers im Oktober 2015 zum WFV-Pokal-Spiel in die Etzwiesen. Sie siegten beim Verbandsligisten mit 3:1, mehr als der Ehrentreffer von Andreas Grimmer war für die Roten nicht drin. Nach dem nächsten TSG-Aufstieg sowie zwei Abstiegen der Kickers in schneller Folge kam es im Herbst 2018 zu zwei Duellen der beiden nunmehr in der Oberliga angekommenen Klubs. Erst gewann Backnang im WFV-Pokal bei den Blauen mit 1:0, in der 113. Minute gelang Mario Marinic das goldene Tor. Dann kreuzten die Kickers zu ihrem ersten Punktspiel unter dem Murrtal-Viadukt seit 1967 auf und drehten den Spieß mit einem 2:0 um. Vor 1500 Fans traf Abdenour Amachaibou doppelt. „Das Highlight-Heimspiel der Saison“, das der TSG-Teammanager Marc Erdmann im Vorfeld ausgerufen hatte, war recht ernüchternd.

Der große Coup: Auf der Zielgeraden der Vorrunde der Saison 2018/2019 hatten die TSG-Kicker den Trainer gewechselt. Mit Evangelos Sbonias setzten sie im Abstiegskampf zur furiosen Aufholjagd an. Ihr Höhepunkt war am 18. April 2019 erreicht. Es war für die Roten ein denkwürdiger Abend unterm Fernsehturm: Sie feierten ihren ersten und bis dato einzigen Punktspielerfolg gegen die Kickers. Das Tor des Tages erzielte Matej Maglica mit einem fulminanten Freistoß fünf Minuten vor dem Ende. „Mir fehlen die Worte“, sagte Erdmann: „Diesen Erfolg setze ich gleich mit dem Oberliga-Aufstieg. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft.“ Die Hypothek der schwachen Vorrunde wog aber zu schwer, am Ende musste die TSG wieder in die Verbandsliga runter.

Torreiches Remis: Zum bislang letzten Mal trafen Rote und Blaue nach Backnangs sofortigem Wiederaufstieg am 2. September 2020 aufeinander. 450 Zuschauer in den Etzwiesen – mehr war wegen Corona nicht gestattet – sahen ein leistungsgerechtes 3:3 nach einer Partie auf hohem Niveau. Für die TSG sorgten Mario Marinic und Niklas Pollex zunächst für zwei Führungen, dann rettete Loris Maier nach dem 2:3-Rückstand in vorletzter Minute immerhin einen Punkt.

Das Auf und Ab der beiden Vereine

TSG Backnang 1922 und damit nur drei Jahre nach der Gründung feierte der Klub (damals noch FV Backnang) mit dem Sprung von der C- in die B-Klasse seinen ersten Erfolg. Weitere Auf- und Abstiege folgten, ab 1950 setzte sich der in TSG umgetaufte Verein zunächst in der 2. Amateurliga fest. 1957, 1959 und 1963 scheiterten die Etzwiesenkicker als Meister in der Aufstiegsrunde, 1965 klappte es mit der Qualifikation für die 1. Amateurliga. 1966 erreichte Backnang das WFV-Pokal-Finale (3:5 gegen Lindau), ein weiteres Jahr später bedeutete der Aufstieg in die damals zweitklassige Regionalliga Süd den größten Erfolg der Historie. Es blieb ein Intermezzo von einer Runde, aber erst der Abstieg von der 1. in die 2. Amateurliga 1976 war ein richtiger sportlicher Tiefschlag. Nach der Umbenennung der Ligen pendelten die Roten zwischen Landes- und Verbandsliga, der WFV-Pokalsieg 1991 war für lange Zeit das Highlight – zumindest bis zu den Aufstiegen in die Oberliga 2017 und 2020. Hier will sich die TSG in den nächsten Jahren etablieren.

Stuttgarter Kickers 1899 gegründet, dauerte es nur neun Jahre bis zu einem der größten Erfolge. 1908 scheiterten die Blauen erst im Finale um die deutsche Meisterschaft, in Berlin gab’s gegen den BFC Viktoria 1889 ein 1:3. Ab 1963 mischten die Kickers 31Jahre in Serie in Deutschlands zweithöchster Spielklasse mit (erst Regionalliga Süd, ab 1974 Zweite Bundesliga Süd, ab 1981 eingleisige Zweite Bundesliga), unterbrochen sogar von zwei kurzen Erstliga-Abenteuern (1988/1989, 1991/1992). Ein weiterer Höhepunkt war der Einzug ins DFB-Pokal-Finale 1987, das gegen den Hamburger SV mit 1:3 verloren ging. Zwei Jahre nach dem Abstieg in die Regionalliga 1994 kehrten die Degerlocher von 1996 bis 2001 noch einmal in die Zweite Bundesliga zurück, seither geht es langsam aber sicher bergab.

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Erstellt:
27. August 2021, 06:00 Uhr

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