„Jeder und jede leistet gerade unfassbar viel“

Das Interview: Kultur- und Sportamtsleiter Johannes Ellrott spricht über die Vorbereitungen auf den Backnanger Kultursommer, der heute mit zwei Musical-Galas beginnt, die bisherige Ticket-Nachfrage und die Künstler im ersten Teil des Mammutvorhabens.

Johannes Ellrott möchte die Backnanger mit den Konzerten zusammenbringen, berühren und begeistern. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Johannes Ellrott möchte die Backnanger mit den Konzerten zusammenbringen, berühren und begeistern. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

Der Backnanger Kultursommer beginnt nun mit der Musical-Gala am Freitag und mit dem classic-ope(r)n-air am Samstag und Sonntag. Wie viele Zuschauer sind pro Aufführung möglich?

Die Lage der an Inzidenzwerte gekoppelten Zuschauerbegrenzungen hat uns natürlich vor große Herausforderungen gestellt. Ich bin jedoch sehr froh, dass wir mit unserem Konzept, unter Mindestabstandsregelungen bis zu 250 Personen auf dem Marktplatz zu platzieren, die richtige Entscheidung getroffen haben. Die Konzerte finden jeweils zweimal je Abend statt, wodurch wir 500 Zuschauern und Zuschauerinnen die Möglichkeit bieten können, zum Beispiel die Musical-Gala zu erleben.

Sind die Menschen hungrig auf die Kultur oder eher zurückhaltend?

Ich glaube, es gibt beides, und das ist auch sehr gut nachvollziehbar: Viele freuen sich unfassbar, dass es endlich wieder losgeht, und andere sind noch sehr zurückhaltend, was auch sehr verständlich ist, waren wir doch vor wenigen Wochen noch im harten „Social-Distancing-Modus“ und somit noch nicht mal sicher, ob Konzerte in dieser Form überhaupt wieder stattfinden können. Wir gehören nun mit dem Backnanger Open-Air-Programm auch zu den Ersten in der Region, die endlich wieder loslegen. Das muss sich auch erst mal herumsprechen.

Sind die Veranstaltungen am ersten Wochenende ausverkauft?

Noch gibt es Tickets für die Musical-Gala am Freitag und die Konzerte am Wochenende darauf, vereinzelt für das classic-ope(r)n-air am kommenden Sonntag, der Samstagabend ist bereits ausverkauft. Doch das ist dann erst der Auftakt, denn im Juli folgen noch viele weitere Konzerte, Lyrik- und Theaterabende und vieles mehr, die in Federführung des Bandhaus-Teams auf vielen anderen Bühnen der Stadt zu erleben sein werden.

Rainer Roos leitet an diesem Wochenende sechs Konzerte in drei Tagen. Bei den unterschiedlichen Programmen bringt er jeweils andere Musiker mit. Auf welche Solisten dürfen sich die Backnanger denn freuen?

Es wird eine Vielzahl an Solisten geben, die einen hervorragenden Ruf in der Musical- wie Opernbranche genießen. So wird in der Musical-Gala unter anderem Femke Soetenga mit dabei sein, die schon mehrfach zu Deutschlands schönster Musicalstimme gewählt wurde und schon in Stuttgart im Musical „Rebecca“ zu hören war. Auch Sascha Lien – unter anderem bei „We will Rock You“ in Stuttgart besetzt – und Nicky Wuchinger, der schon das Phantom in „Phantom der Oper“ in Hamburg spielte, sind Garant für einen hochkarätigen Musicalabend. Ebenso das Opernensemble wird einen Konzertgenuss vom Feinsten erlebbar machen: Mit Xenia von Randow, Arminia Friebe, Manolito Mario Fritz, der als „Siegmund“ in der Verfilmung der „Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen besetzt war, und Kai Preussker von der jungen Oper Stuttgart erwarten das Publikum die schönsten Opern- und Operettenmelodien von besonderen Interpreten, begleitet von einem Kammerorchester unter der Leitung von Rainer Roos.

Das Programm am zweiten Kulturwochenende am 25., 26. und 27. Juni ist ja auch eine kleine Entschädigung für das ausgefallene Straßenfest.

Als sich abzeichnete, dass das Straßenfest – und es war wirklich ein schmerzlicher Entschluss – auch in diesem Jahr nicht stattfinden kann, war für mich klar, dass wir für alle Backnanger und Backnangerinnen an diesem Traditionswochenende ein alternatives, unter allen Auflagen mögliches Programm auf dem Marktplatz realisieren wollen. Es war und ist für mich wichtig, der Kultur in all ihren Facetten Raum zu geben.

Die Stadt Backnang bietet drei verschiedene Programme zur „Straßenfest-Zeit“ an.

Die Gäste können sich am zweiten Wochenende sowohl auf moderne Popmusik mit der A-cappella-Band OnAir aus Berlin freuen als auch auf ruhigen Folk-Rock mit den schönsten Melodien von Simon and Garfunkel, interpretiert von der wunderbaren Formation Graceland mit Band und Streichquartett. Natürlich darf auch der Soul, Funk und Jazz nicht fehlen, den uns die Soul Diamonds am letzten Abend kredenzen werden. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir viele Backnanger und Backnangerinnen mit den Konzerten berühren, begeistern und gemeinschaftlich zusammenbringen können.

Wie ist hier die Nachfrage?

Es gibt noch Tickets, es kann aber aufgrund der Platzbeschränkungen auch schnell ausverkauft sein. Und für alle, die aus welchem Grund auch immer nicht vor Ort dabei sein können, werden wir die Konzerte um 21.30 Uhr zudem über ein Streamingangebot nach Hause ins Wohnzimmer oder auf den Balkon übertragen.

Ein Blick hinter die Kulissen ist immer spannend. Was waren die großen Herausforderungen für Sie in der Organisation der zwölf Veranstaltungen zu Pandemiezeiten?

Natürlich ist schon unter Normalbedingungen die Planung eines Open-Airs etwas, das viele Monate Vorlauf hat und durch die ungewisse Komponente – das unplanbare Wetter – immer eine Herausforderung darstellt. Nun hatten wir aufgrund der Situation zusätzlich lange nicht die Gewissheit, ob der Termin überhaupt gehalten werden kann, zudem mussten wir alle pandemischen Eventualitäten mit einkalkulieren. Das ist natürlich schon eine Mammutaufgabe, Künstler, Technik, Vermarktung, Bewirtung, Sicherheit, Hygienekonzept, Ticketverkäufe und vieles mehr in solch kurzer Zeit unter einen Hut zu bringen. Ohne das Engagement so vieler hier bei der Stadt, aber insbesondere in Zusammenarbeit mit dem Team des Bandhaus-Theaters, wäre nicht möglich gewesen, was nun möglich wurde: ein gemeinsamer Backnanger Kultursommer, der seinen Auftakt in zwölf Marktplatzkonzerten findet.

Sie sind im übertragenen Sinne der neue Dirigent des großen Orchesters Kultur in Backnang. Beim Kultursommer kommen – um im Bild zu bleiben – so ziemlich alle Instrumente zum Einsatz. Schweißt womöglich die Pandemie schneller zusammen, als es ohne diese Extremsituation gewesen wäre?

Ich denke, dass uns die Pandemie gezeigt hat, wie wichtig die Gemeinschaft und das Miteinander sind, wie schmerzlich wir dies vermissen, wenn wir keine Kultur, keinen Sport, keine Gemeinschaftserlebnisse mehr teilen können. Daher habe ich hier eine unfassbare Welle des Enthusiasmus erleben dürfen, viele Kulturschaffende, die mit vollem Einsatz dieses Projekt mittragen und auch andere Projekte, die im Sommer geboten werden, entwickelten. Sicher hat das Aus-der-Bahn-geworfen-Sein dazu geführt, dass ein solches Gemeinschaftsprojekt schneller realisierbar war, da die üblichen, wiederkehrenden Veranstaltungshöhepunkte der verschiedenen Akteure in diesem Jahr nicht stattfinden konnten und wir so alle Kräfte und Kapazitäten auf ein großes Projekt bündeln konnten.

Das Kulturleben in einer Stadt kann nur als Team funktionieren. Da haben Sie starke Mitspieler wie das Bandhaus-Theater, von dem die Idee des Kultursommers ausging. Wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?

Das Team des Bandhaus-Theaters hat – wie ich es auch aus der Ferne beobachten konnte – in den letzten Jahren mit unfassbar viel Einsatz und Ideen das kulturelle Leben der Stadt mitgeprägt. Besonders schön zu sehen ist, dass sie dabei die Vielzahl an kulturellen Akteuren – wie auch jetzt im Kultursommer – mitbedenken und in verschiedene Konzepte mit einbinden. Die Kultur in all ihren Facetten in diesem Sommer unter einer gemeinsamen Dachmarke – dem Backnanger Kultursommer – zu präsentieren, finde ich ein wichtiges, sehr schönes Zeichen. Aber klar ist: Jeder und jede leistet gerade unfassbar viel.

Glauben Sie, dass die Künstler in absehbarer Zeit wieder von ihrer Kunst leben können? Oder ist die Tendenz eher die, dass jetzt erst recht an der Kultur gespart wird?

Kultur gibt uns Sinn, erhält unsere Gesellschaft und unser Miteinander. Es kommen große Herausforderungen in vielen Lebensbereichen auf uns zu – und es hat viele Künstler und Künstlerinnen und die ganze Branche hart getroffen, da ihnen die Arbeitsgrundlage genommen wurde. Die Kreativität kultureller Akteure – und ich muss wirklich sagen, dass gerade die letzten Monate gezeigt haben, welch kreative Alternativen sich viele überlegt haben – hat schon viele Krisen überlebt und wird dies auch diesmal tun. Dennoch möchte ich den Impuls ganz bewusst geben: Wir sollten gerade nach dieser beutelnden Zeit alle zeigen, dass uns unsere Kultur und deren Akteure viel bedeuten. Ich bin dankbar, dass es auch in diesen Zeiten so viele Kulturfreunde gibt, die dies auch monetär zum Ausdruck bringen. Darum kann ich nur alle ermuntern: Kaufen Sie sich ein oder mehrere Tickets, kommen Sie zum Backnanger Kultursommer und lassen Sie sich endlich wieder von der Kulturvielfalt begeistern.

Tickets und Streaming

Tickets für die Musical-Gala gibt es noch zwischen 26 und 38 Euro. Sie sind online unter www.backnanger-kultursommer.de erhältlich. Besucher werden insbesondere gebeten, die Tickets online zu buchen. Zudem ist der Ticketkauf für die Juni-Veranstaltungen an den Easy-Ticket-Vorverkaufsstellen sowie im Eingangskassenbereich des Backnanger Bürgerhauses montags bis freitags von 8.30 bis 12 Uhr möglich. Für alle, die die Veranstaltung nicht live vor Ort erleben können, wird ein Online-Streaming angeboten. Tickets hierfür können online für 7 Euro gebucht werden.

Der Einlass erfolgt 45 Minuten vor Veranstaltungsbeginn. Die Vorstellungen finden ohne Pause statt. Zudem lässt Johannes Ellrott wissen: „Wir achten natürlich auf die Einhaltung der Hygieneregeln, Masken sind bis zur Platzeinnahme Pflicht, können dann jedoch abgenommen werden. Aktuell liegen wir sogar schon so lange unter einer Inzidenz von 35, dass für den Zutritt lediglich eine Registrierung über die Luca-App oder einen Datenerfassungsbogen erfolgt. Und: Dank des Restaurants Kunberger ist auch für Erfrischung mit Getränken gesorgt, die jeweils vor den Vorstellungen erworben werden können.“

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Erstellt:
18. Juni 2021, 06:00 Uhr

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