Abschied, Angedenken und Neuanfang

Constanze Obenland, Tochter des Murrhardter Landschafts- und Porträtmalers Carl Obenland, verlegt ihren Lebensmittelpunkt an den Bodensee. Dass sie nun das Atelier auflösen muss, ist ihr nicht leicht gefallen, gleichsam war sie bei dieser Arbeit ihrem Vater auch ganz nah, erzählt sie.

Susanna Brogi, Leiterin des Deutschen Kunstarchivs am Germanischen Nationalmuseum, besucht Constanze Obenland (links). Das Archiv erhält wichtige Dokumente zu Carl Obenland, anhand derer das Werk dokumentiert wird. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Susanna Brogi, Leiterin des Deutschen Kunstarchivs am Germanischen Nationalmuseum, besucht Constanze Obenland (links). Das Archiv erhält wichtige Dokumente zu Carl Obenland, anhand derer das Werk dokumentiert wird. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

Murrhardt. Constanze Obenland geht zu einem großen, alten Holzschrank, holt ein ebenfalls in die Jahre gekommenes, freundlich dreinschauendes weißen Stoffhündchen von seinem Aussichtsplatz und drückt es. Der kleine Kerl fängt aber nicht an zu bellen, sondern aus seinem Inneren ertönt eine zarte Melodie. „Den hat er manchmal genommen, wenn er Kinder porträtiert hat“, erzählt Constanze Obenland. Auch eine Spieluhr mit kleiner Kurbel gehört zu den Instrumenten, mit denen er seine jungen Modelle bei der Stange hielt.

Kinderporträts waren Spezialität und Einkommensquelle für Obenland genauso wie Bildnisse von Erwachsenen, die ihr Konterfei auf die Leinwand bannen lassen wollten. Auch Theodor Heuss gehörte zu denen, die dem Maler Modell gesessen haben, einer Anekdote nach anfangs mit Geduld und Disziplin. Doch kurz vor Vollendung soll Heuss – seine Garderobe war im Sommer immer noch winterlich, da Obenland zu dieser Zeit begann – seinem Referenten zugerufen haben: „Bott, binden Sie dem Maler eine Rakete unter den Hintern, dass das Bild endlich fertig wird!“ Heuss hat 25 Stunden, verteilt auf acht Sitzungen, investiert. Diese Daten zu seinen Auftragsarbeiten hat Carl Obenland lange Zeit genau festgehalten. Auf sie kann seine Tochter zurückgreifen, bei der Werksdokumentation der späteren Schaffensjahre hat sie die Stadt Murrhardt unterstützt. Auftragswerke – das heißt auch, dass viele der Bilder Obenlands in Privatbesitz sind, verteilt über die Region und ganz Deutschland bis hin zu Ländern, in denen er auf Reisen und während des Zweiten Weltkriegs war.

Bei den Bildern hat die Tochter Murrhardt und Schwäbisch Hall bedacht

Trotzdem gab und gibt es noch viele Kunstwerke, Unterlagen und Erinnerungsstücke in Haus und Atelier, bei denen Constanze Obenland nun überlegen musste, wie sie in Ehren gehalten werden können. Sie entschloss sich vor einiger Zeit zu einem Neuanfang in ihrer ehemaligen beruflichen Heimat. Viele Jahre hat sie in Friedrichshafen als Apothekerin gearbeitet. Der Schritt bedeutet Abschied und Auflösung des Murrhardter Hausstands. Ein Teil der Bilder geht an die Walterichstadt. Zu den für Murrhardt ausgesuchten Werken gehört beispielsweise eine Vorstudie zu einem Ölbild des Unternehmers Erich Schumm, eine Theaterszene, die in amerikanischer Kriegsgefangenschaft entstanden ist und in der Carl Obenland selbst auftaucht. „Er ist im Gewand des Alten Fritz zu sehen“, erzählt die 68-Jährige, „ein sogenanntes verstecktes Selbstporträt.“ Auch ein Bild ihrer Großmutter Frieda Lina Barth gehört dazu (mütterliche Linie).

Genauso hat sie Schwäbisch Hall bedacht. Im Juli hat sie Bilder an den Historischen Verein für Württembergisch-Franken übergeben. Im Hällisch-Fränkischen Museum, das der Verein mit der Stadt Hall betreibt, sind die Porträts von Maria und Carl Obenland senior – die Eltern von Carl Obenland – schon längere Zeit präsent. Denn der Maler stammt aus Schwäbisch Hall, ist in der Stadtmühle aufgewachsen. Auch wenn er in jungen Jahren zunächst eine Lehre im elterlichen Betrieb machte, haben die Eltern die künstlerische Begabung des Sohnes gefördert. Auftragsarbeiten wurden nach seinem Studium – er war Schüler des Malers, Bildhauers und Architekten Franz von Stuck, der die Münchner Sezession mitbegründete – zentraler Broterwerb. Selbst in der Kriegsgefangenschaft registrierten die Menschen sein großes Können. „In den USA, wo er anfangs als Holzfäller gearbeitet hat und Truthähne schlachten musste, hat man ihm dann alles fürs Malen beschafft“, erzählt Constanze Obenland.

Aber auch in Bezug auf seine Landschaftsmalereien hätten sich Abnehmer gefunden. „Manchmal wenn er dann draußen war und an einem Bild gemalt hat, war es schon quasi von der Staffelei weggekauft.“ Bei den Liebhabern habe das Stichwort „glückliche Landschaften“ die Runde gemacht, beim Betrachten der Werke ginge es einem einfach gut, so die Erklärung. Carl Obenland hat seine Modelle und Landschaften einerseits mit einer unglaublichen Genauigkeit, in fast schon fotorealistischer Darstellung festgehalten, andererseits gehörte es bei seinen Porträtsitzungen zum Handwerk, sein Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln und Wichtiges zu erfahren, um auch den Charakter einfangen zu können. Noch hängen ein paar Bilder, von denen sich Constanze Obenland nicht trennen möchte und die sie aller Voraussicht nach mitnimmt: beispielsweise ein Ölbild, die Kopie eines Klassikers des flämischen Malers Jan van Eyck „Die Arnolfini-Hochzeit“, zu der auch noch eine Bleistiftskizze existiert, ein Gemälde, das Constanze Obenland als Kind zeigt, und eine Zeichnung von ihr als junge Frau, oder das Bild einer „venezianischen Dame“, wie sie es bezeichnet. Es befindet sich nur deshalb im Haus, weil der Vater es damals für die Museumskopie-Auftragsarbeit verwechselte. Ihr Gewand an der Schulter tritt plastisch hervor. Constanze Obenland nickt. „Ja, mein Vater hat immer gesagt, den Stoff muss man genau sehen.“

Es war ihr immer wichtig, dass seine Kunst gewürdigt wird. „Er selbst hat nie für sich geworben, ging einfach nur in seiner Malerei auf.“ Dazu, im Sinne des Andenkens zu wirken, gehört auch, dass die 68-Jährige dokumentarisches Material über ihren Vater und sein Werk nach Nürnberg gibt. Im Germanischen Nationalmuseum befindet sich ein Archiv zu deutschen Künstlern, in dem alles Wichtige zur Person wie Werksdokumentation, Ausstellungsposter und persönliche Daten gesammelt wird. Dazu hat ihr die Leiterin des Deutschen Kunstarchivs Susanna Brogi einen Besuch abgestattet und konnte sich noch in der ehemaligen Schaffensstätte umsehen. Auch ist mit dem künftigen Besitzer abgesprochen, dass eine Tafel am Haus angebracht werden kann, wenn der Murrhardter Malerweg Gestalt annimmt. Stadt und Region wird Constanze Obenland verbunden bleiben und sicher immer mal wieder auf einen Besuch vorbeischauen.

Pigmente, Palette, Passepartouts – einige Materialien gingen an Kunststudentinnen.

© Jörg Fiedler

Pigmente, Palette, Passepartouts – einige Materialien gingen an Kunststudentinnen.

Lebensstationen Obenlands

Am 21. Januar 1908 erblickte Carl Obenland das Licht der Welt in Schwäbisch Hall.

1923 bis 1925 machte er eine kaufmännische Lehre im elterlichen Betrieb.

1925 bis 1928 nahm ihn Franz von Stuck in seine Akademieklasse in München auf.

1928 bis 1929 ging er nach Berlin, richtete sich im Stadtteil Steglitz ein Atelier ein.

1930 bis 1932 Studium an der Akademie in Stuttgart bei Hans Spiegel.

1932 bis 1937 war geprägt von vielen Reisen und Auslandsaufenthalten, in Florenz und London kopierte er alte Meister.

1938 bis 1939 arbeitete er in Hamburg, Bremen und Berlin.

1940 bis 1943; er wurde in die Wehrmacht eingezogen, 1942 kam er zu Rommels Verbänden.

1943 bis 1947 Kriegsgefangenschaft in Amerika und Frankreich.

1947 kam er nach Murrhardt, wohin die Familie zog, seine Eltern waren bereits gestorben. Zwei Jahre danach lernte er seine spätere Frau Lore Barth kennen, sie heirateten 1950 und gründeten eine Familie. Seine Frau starb früh, 1987 mit 66 Jahren.

1990 erhielt Obenland die Bürgermedaille der Stadt Murrhardt.

Am 24. März 2008 starb Obenland im Alter von 100 Jahren, nur rund eine Woche nach der Eröffnung einer Sonderausstellung, die die Stadt ihm gewidmet hatte.

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Erstellt:
14. August 2021, 06:00 Uhr

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