„Alle haben große Lust, dabei zu sein“

Das Interview: Juliane Putzmann und Jasmin Meindl sprechen über die Vorbereitungen auf den Ersten Backnanger Kultursommer, ihre Motivation, die verschiedenen Locations und eine ganz besondere Inszenierung auf einem Bauernhof.

Juliane Putzmann (links) und Jasmin Meindl sind die Initiatorinnen des Ersten Backnanger Kultursommers. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Juliane Putzmann (links) und Jasmin Meindl sind die Initiatorinnen des Ersten Backnanger Kultursommers. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

Ein Kulturfestival in der Größe des Backnanger Kultursommers mit 62 Veranstaltungen in diesen Zeiten, gibt es das überhaupt in einer anderen Stadt? Woher nehmen Sie die Kraft und den Mut dafür?

Jasmin Meindl: Hm, gute Frage. Backnang hat halt diese kulturelle Vielfalt. Wir haben sie nur gebündelt. Der Kultursommer entspricht unserem Anliegen, der Stadt eine Bühne zu geben. Daraus haben sich auch Festivals entwickelt, die immer Gemeinschaftsprojekte waren, wie die Backnanger Schultheatertage oder das Festival „Vereinigt Euch!“. Wir werden viel gelobt für die Organisation des Kultursommers, dabei steht die für uns gar nicht im Vordergrund. Klar, alles muss reibungslos klappen. Aber viel wichtiger ist, dass der Kultursommer unseren Geist atmet. Er drückt aus, wie wir uns Gesellschaft wünschen. In der jeder Platz hat und Teil des Ganzen ist. Wer die Erfahrung gemacht hat, wie stark eine Idee sein kann, weiß auch, welche Kräfte sie freisetzen kann.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Organisation im Vorfeld?

Juliane Putzmann: Wir hatten die Idee zum Kultursommer bereits im September 2020. Im Herbst haben wir dann mit der konkreten Planung begonnen. Grundsätzlich war es ein Risiko, ein so großes Festival zu planen, ohne die Gewissheit zu haben, ob es stattfinden kann. Bis Ende Mai war noch nicht klar, ob die Coronalage zulässt, dass wir spielen dürfen. Umso erleichterter sind wir, dass die Zahlen seit Wochen kontinuierlich sinken. Der Zeitpunkt jetzt ist perfekt. Automatische Sperrplätze im Sitzplan, die den Abstand regeln, ständig wechselnde Coronarichtlinien, doppelt- und dreifacherfasste Daten – Corona hat die Planung erschwert, aber wäre Corona nicht, würde der Backnanger Kultursommer 2021 wahrscheinlich nicht stattfinden. Dazu viele unterschiedliche Menschen an einen Tisch zu bringen und deren Interessen, Meinungen und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu koordinieren, war auch neu, herausfordernd und spannend.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie nun aufgrund der Erfahrungen aus den ersten zwölf Veranstaltungen in den zweiten Teil?

Jasmin Meindl: Bei einem Projekt in der Größe kann nicht alles perfekt ablaufen. Dafür sind zu viele Menschen gleichzeitig beteiligt. Die Kommunikation nimmt viel Raum ein und ist mit all ihren Tücken für mich die größte Herausforderung. Dazu Corona, das notwendige Einschränkungen mit sich bringt, aber halt alles noch komplizierter macht. Für draußen gelten andere Regeln als für drinnen, die „3-G-Regel“ fällt jetzt weg, für die Proben müssen wir uns aber testen lassen. Müssen die Masken nun getragen werden oder nicht? Wir haben uns entschieden, an der Maskenpflicht festzuhalten. Es ist einfach sicherer. Delta lässt grüßen. Den Verantwortlichen von der Stadt für die Marktplatzveranstaltungen kann man nur gratulieren. Da wurde alles sehr gut organisiert. Bei uns geht’s jetzt erst los. Das ist aufregend.

Wie wurden die Veranstaltungsorte ausgesucht? Zum Beispiel ist das CJE als Location nicht dabei. Dafür gibt es mit der Spinnerei 2 eine ganz neue Location.

Juliane Putzmann: Ursprünglich sollte es drei Spielorte geben, den Stiftshof, den Biolandhof Adrion und den Marktplatz. Das Programm des Kultursommers ist mit der Zeit immer mehr gewachsen. Institutionen kamen hinzu, Künstlerinnen und Künstler haben gefragt, ob sie dabei sein können, und dazu sind die Bühnen ja auch für die Proben vorab oft belegt. Der Platz wurde immer weniger und so freuen wir uns sehr, dass schließlich auch noch weitere Spielorte dazukamen. Entscheidend bei der Auswahl der Spielorte war der vorhandene Platz und die Infrastruktur. Es ist großartig, diese vielen unterschiedlichen Plätze in der Stadt und der Umgebung auf diese Weise zu präsentieren und zu bespielen.

Waren die Verantwortlichen der verschiedenen Veranstaltungsorte gleich Feuer und Flamme für den Kultursommer oder gab es im Vorfeld auch Bedenken?

Jasmin Meindl: Bei niemandem gab es Bedenken. Alle haben große Lust, dabei zu sein. Das schätze ich übrigens schon immer sehr an Backnang. Dass es hier eine Menge Leute gibt, die Lust haben, etwas zu machen. Die Kutters haben ihre Barockscheune selbst als Spielort angeboten. Unter diesem herrlichen Kastanienbaum im Hof zu sitzen, Gedichte und Musik aus der Romantik zu hören, was kann es Schöneres geben?

Zum Beispiel Kultur auf einem Bauernhof genießen...

Die Familie Adrion und ihr Hof in dieser traumhaften Umgebung eröffnen uns außergewöhnliche Möglichkeiten: Wir spielen dort ja nicht nur Theater. Wir belagern diesen Hof. Für die Aufführungen muss bühnentechnisch schweres Geschütz aufgefahren werden. Nicht zu vergessen ist Matthias Wurche vom Hofgut Hagenbach. Er hat unsere Veranstaltungen mit einer Ruhe, die ich mir nur aus seiner Professionalität als Gastronom heraus erklären kann, einfach in seinen Rahmen eingefügt. Das war sehr unkompliziert und eine Wohltat für unsere Nerven. Und dann ist da noch TOM, dieses neugierig machende Gebäude des Bildhauers Norbert Kempf am Rande der Stadt. Da haben wir uns auch sehr darüber gefreut, dass er sich dem Kultursommer angeschlossen hat.

Wie sehr haben sich die anderen Kulturveranstalter wie etwa das Kulturgut auf dem Hofgut Hagenbach an der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler beteiligt?

Juliane Putzmann: Unser Ursprungsgedanke war, das Programm des Bandhaus-Theaters auf einer Open-Air-Bühne zu zeigen. Mit der Abstandsregel von 1,5 Metern finden zwischen 30 und 40 Zuschauerinnen und Zuschauer im Theater Platz. Da ist finanziell keine Veranstaltung zu stemmen. Schnell kam uns die Idee, dass, wenn schon eine Freilichtbühne aufgebaut wird, wir doch Kolleginnen und Kollegen aus der Stadt fragen, ob sie diese nicht mitnutzen möchten. Ein paar haben wir gezielt angefragt, ob sie Zeit, Lust und ein Programm hätten, andere sind wiederum auf uns zugekommen und haben sich mit ihren Ideen eingebracht. Es gibt mit Sicherheit noch viel Potenzial in der Stadt. Es wird immer wieder vom „Ersten“ Backnanger Kultursommer gesprochen. Wiederholungstat also nicht ausgeschlossen. Am Samstag, 31. Juli, gibt es außerdem den „Tag der offenen Bühne“, an dem sich Institutionen, Nachwuchskünstlerinnen und -künstler und Kunst- und Kulturschaffende zeigen können.

Noch mal zurück zum Biolandhof Adrion. Einen besseren Aufführungsort für das Roadmovie „Die letzte Sau“ der Backnanger Bürgerbühne, einem Stück rund um die Agrarindustrie, kann man sich ja nicht vorstellen.

Jasmin Meindl: Wir hoffen sehr, dass wir dieses Stück endlich zur Aufführungsreife bringen können. Ich will aber nix verschreien. Schließlich haben wir immer noch Corona. Wir proben seit Wochen immer abends. Wenn ich manchmal den Szenen zuschaue, kommen mir schon Gedanken wie „Wenn jetzt einer von den Spielern Corona bekommt, dann kriege ich einen Anfall.“ Den ersten Anlauf haben wir im März 2020 genommen, da ereilte uns der erste Lockdown. Im September haben wir einen weiteren Anlauf genommen.

Und dies ebenfalls wie jetzt mitten in der Coronazeit.

Jasmin Meindl: Der Regisseur und ich haben fürs Festival „Vereinigt Euch!“ eine eingedampfte Festivalversion erarbeitet. Heraus kam eine Mischung aus Erzählen und szenischem Spiel. An dieser Erzählweise haben wir festgehalten. Wir möchten dieses Stück unbedingt auf die Bühne bringen. Das Thema industrielle Landwirtschaft ist zu wichtig und die Musik im Stück zu gut, um es nicht immer wieder zu probieren. Die Haltung des Protagonisten im Stück, Landwirtschaft zu betreiben, passt auch deshalb gut zu den Adrions, weil sie keine „Ware“ produzieren, sondern Lebensmittel. Auf dem Adrion-Hof wohnt ein guter Geist, der guttut und sofort spürbar wird, wenn man dort ist.

Sind Sie zufrieden damit, wie Bund und Land mit den Kulturveranstaltern in der Krise umgehen? Sie selbst haben ja Förderungen für den Kultursommer bekommen.

Jasmin Meindl: Ja, unbedingt. Die Soforthilfen vom Land Baden-Württemberg haben diesen Namen wirklich verdient. Sie haben uns geholfen, das Bandhaus-Theater durch die Krise zu bekommen. Es gab auch Spenden von privat und von einer Stiftung. Viele haben es gut gemeint mit uns, darum wollten wir auch etwas zurückgeben. Für das Projekt „ÜberFaust“ hatten wir schon letztes Jahr von „Kunst trotz Abstand“, einem Programm vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, eine Förderung bekommen. Dasselbe Programm fördert nun auch den Kultursommer. Zusammen mit dem Zuschuss der Stadt, anderen Fördermitteln von Stiftungen und den Sponsoren haben wir genügend Geld gesammelt, damit der Kultursommer finanziert werden kann. Die bewilligten Gelder können wir nun an unsere Kolleginnen und Kollegen weitergeben.

Ist der Kultursommer finanziell so abgesichert, dass auch bei weniger als den zugelassenen Zuschauerzahlen das Konzept aufgehen würde?

Juliane Putzmann: In unserem Finanzierungsplan sind wir von einer 65-prozentigen Auslastung ausgegangen. Auf diese Einnahmen sind wir also auch angewiesen, damit die Finanzierung aufgeht. Bisher ist der Kartenvorverkauf super angelaufen. Nun darf uns nur das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen. Wir sind aber sehr zuversichtlich. Wir haben noch alles gewuppt bekommen. Ängstlich sein ist für uns keine Option.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an die nächsten vier Wochen denken?

Jasmin Meindl: Auf Freunde und Bekannte, auf unser Publikum. Wir haben viele Menschen lange nicht gesehen. Und ich hoffe sehr, auch bei Veranstaltungen unserer Kolleginnen und Kollgen dabei sein zu können.

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Erstellt:
2. Juli 2021, 06:00 Uhr

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