Annette Hölzl aus Kirchberg ist die Mrs. Holmes der Musikgeschichte

Für die Kirchberger Pianistin Annette Hölzl hat jede Musikrichtung ihre Berechtigung und ihren besonderen Reiz. Sie verbindet Klassikstücke mit Jazz oder Pop, deckt musikalische Zusammenhänge quer durch die Jahrhunderte auf. Angefangen hat das schon im Studium.

In ihrem Probenraum hat Annette Hölzl eine Vielzahl von Instrumenten zur Auswahl. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

In ihrem Probenraum hat Annette Hölzl eine Vielzahl von Instrumenten zur Auswahl. Foto: Alexander Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

Kirchberg an der Murr. Der ganze Probenraum atmet Musik. In den Regalen finden sich – wohlgeordnet – zahlreiche Stapel mit unterschiedlichsten Notenbüchern. Trommeln, ein Piano, E-Pianos, ein Schlagzeug und ein schwarz glänzender Flügel füllen das Zimmer. „Ich bin nicht einzuordnen“, sagt die Kirchberger Pianistin und Komponistin Annette Hölzl über ihre Musik. Denn sie setzt sich über Genregrenzen hinweg, sie verbindet Klassik, Jazz, Populärmusik zu Gesamtkunstwerken.

Annette Hölzl wurde in eine musikalische Familie hineingeboren. Der Großvater war Dorfschullehrer und Organist in Oppenweiler, ihre Mutter und die vier Onkel mussten alle ein Instrument lernen. Als die kleine Annette, das erste Enkelkind, etwa drei Jahre alt war, wurde sie in die Kunst des Klavierspielens eingeführt. Einer ihrer Onkel stellte sie an das Piano, die Kleine reichte gerade an die Tasten ran, und sagte: „Jetzt drücksch die zwoi Taschte.“ Das habe ihr wahnsinnig viel Spaß gemacht, erinnert sich die Pianistin.

Vom Blatt zu spielen fiel ihr schwer

Und da der Onkel nicht nur Klassik, sondern auch Jazz gespielt hat, lernte sie von Anfang an diese beiden in ihrer Ausführung doch so unterschiedlichen Musikrichtungen kennen. Hier das exakte Spiel, dort das etwas Freie, Swingende, Rhythmische voller Improvisationsmöglichkeiten.

Früh sei ihrer Mutter klar gewesen: „Das liegt ihr.“ Sie bekam neben dem Flötenunterricht auch Klavierstunden. Und übernahm bald den Platz des Onkels am Klavier bei den Familienkonzerten. „Ich habe schon immer viel improvisiert“, erzählt sie. Was den Klavierlehrer schließlich dazu gebracht habe, ihr nicht nur Noten der Klassiker zu geben, sondern auch moderne Tanztypen. „Dann spielen wir auch mal solches Zeug“, habe er gemeint.

An der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg studierte sie auf Lehramt, parallel dazu besuchte sie auch Veranstaltungen an der Stuttgarter Musikhochschule. Am Anfang habe sie ihre Klavierprofessorin fast zur Verzweiflung getrieben, sagt Annette Hölzl. „In Ihrem Beethoven ist immer zu viel Hölzl drin!“, hieß es von der Lehrerin.

Vom Blatt spielen sei ihr immer schwergefallen, dafür habe sie stets improvisiert, etwas Eigenes in die Musikstücke eingebracht. Und so sei die musikalische Begleitung eines Saxofonisten ein Wendepunkt in der Zusammenarbeit mit ihrer Klavierprofessorin gewesen.

Erstaunliche Zusammenhänge in der Musik

Denn dieser Musiker hatte Jazznoten dabei. Das Besondere daran: Über den Noten sind auch die Harmoniefolgen vermerkt. Und da war Annette Hölzl in ihrem Element. Das Zusammenspiel mit dem Musikerkollegen, zu dem sie bis heute Kontakt hat, funktionierte perfekt und beeindruckte sogar die gestrenge Klavierprofessorin.

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Und schon damals fielen ihr erstaunliche Zusammenhänge innerhalb der Musik auf. „Jazz kann man nicht einfach nach Noten spielen“, erklärt Annette Hölzl. Wichtig sind die Harmonien, aus denen heraus man improvisieren kann. Es mag überraschen, doch bereits Johann Sebastian Bach hat das bei einigen Werken ähnlich gehandhabt. „Für ihn stellten Noten eher eine grobe Landkarte dar“, so Hölzl. Bach habe über manchen Stücken mit Generalbass Harmonien notiert, die Interpretation bleibt dem Musiker überlassen.

Daher lernt Annette Hölzl auch nicht die Noten auswendig, wenn sie ein Stück in Angriff nimmt: „Ich denke in Tonarten.“ Sie versucht dahinterzukommen, wie das Stück aufgebaut ist, was sich der Komponist dabei gedacht hat, sie komponiert es auf gewisse Weise nach, um das Stück an sich zu verstehen. Da fällt es ihr leicht, es zu spielen, ohne sich im Notendschungel zu verheddern.

Viele Harmonien oder Akkorde ziehen sich durch die Musikgeschichte, werden immer wieder neu interpretiert und zusammengefügt und finden sich in Werken aus den unterschiedlichsten Epochen und Genres. So lautet ein Projekt, mit dem sie 2015 begonnen hat, „Mixed Classics“. Dabei geht sie Fragen nach wie: „Warum hat der Papst Johannes im 14. Jahrhundert den Grundstein zur Rockmusik gelegt?“ oder „Was verbindet Wolferl Mozart mit Michael Jackson?“ Außerdem war ihr aufgefallen, dass in Musik zu Krimis sehr oft die Quarte, wie beim Martinshorn, auftaucht. Beliebt ist in solcher Filmmusik auch g-Moll. „Diese Tonart ist offensichtlich ziemlich kriminell“, meint sie schmunzelnd.

Coronapandemie war ein herber Rückschlag

Gemeinsam mit Schlagzeuger Marius Hamann, der sowohl einen klassischen Hintergrund wie auch lange Jahre Heavy Metal gespielt hat, konnte sie das Projekt optimal umsetzen. Allerdings versetzte die Coronapandemie dem Ganzen zunächst einen herben Rückschlag. Die CD „Mixed Classics“ hätte im April 2020 veröffentlicht werden sollen. Nun spielt sich vieles im Streamingbereich ab. Gerade ist es auch nicht einfach, eine Location für ein Konzert zu finden, eine Schwierigkeit, die viele andere Kleinkünstler, also Kunstschaffende, die auf kleineren Bühnen auftreten, ebenfalls haben.

Nun widmet Annette Hölzl sich gerade einem neuen Projekt. Zwölf Künstler aus unterschiedlichsten Richtungen – etwa aus den Bereichen Malerei, Fotografie, Musik, Schriftstellerei – arbeiten an einer gemeinsamen Performance.

Im Dezember war sie solo mit den „Mixed Classics“ in Aspach. Und überraschte das Publikum mit den Ergebnissen ihrer musikalischen Detektivarbeit: „Ich bin die Mrs. Holmes der Musikgeschichte und decke spannende musikalische Zusammenhänge quer durch die Jahrhunderte auf. Ich ermittle zum Beispiel, welcher Komponist von wem inspiriert wurde, wer was weiterentwickelt hat oder welcher Künstler von wem gestohlen hat. Und ich decke auf, wie viel Musik aus der Vergangenheit in der Musik von heute steckt.“ So gelingt es ihr, Grenzen zu überschreiten zwischen den verschiedenen Genres. Denn eines ist ihr wichtig: Jeder Musikstil hat seine Berechtigung, keiner ist wertvoller als ein anderer.

Buch Während der Coronapandemie begann Annette Hölzl, ein Buch zu schreiben. „Warum ein Papst die Rockmusik erfunden hat“ erscheint pünktlich zur Frankfurter Buchmesse im Oktober im Büchner-Verlag. Neu ist, dass es im Buch QR-Codes gibt, mit denen man zu den dazugehörigen Musikbeispielen geleitet wird. So kann man über die Musik nicht nur lesen, sondern sie (nebenbei auf dem Smartphone) auch hören. Selbstverständlich genreübergreifend.

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Erstellt:
17. Mai 2024, 14:00 Uhr

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