Auf der Suche nach der blauen Blume

In der Reihe „Lyrik ist nicht schwyrik“ ging es am vergangenen Freitagabend im Bandhaus um Novalis, den Dichter der Frühromantik und Erfinder der blauen Blume, der ultimativen Sehnsuchtsmetapher jener Epoche.

Christian Muggenthaler stellt im Bandhaus den Romantik-Dichter Novalis vor. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Christian Muggenthaler stellt im Bandhaus den Romantik-Dichter Novalis vor. Foto: T. Sellmaier

Von Jutta Rieger-Ehrmann

Backnang. Schon seit einigen Jahren interpretiert der freie Autor, Journalist und studierte Germanist Christian Muggenthaler zusammen mit dem Publikum Lyrik in einer besonderen Art. „Es ist keine Lesung und auch kein Vortrag, sondern eine gemeinsame Texterkundung, ein offenes Format“, erklärt er in seiner Einführung am vergangenen Freitag im Backnanger Bandhaus. „Also unterbrechen Sie mich, fragen Sie nach, rätseln und suchen Sie mit!“, fordert er das Publikum gleich zu Beginn auf.

Schon nach kurzer Zeit steigen einige aktiv ins Interpretationsgeschehen ein – mit großem Spaß und Erkenntnisgewinn bei dem „literarischen Detektivspiel“. Dank der sorgfältigen Vorarbeit Muggenthalers und unterstützt durch seine Fragen ist es auch nicht zu „schwyrik“ für die Zuschauer. „Es gibt kein richtig oder falsch“, betont der Germanist, „es geht darum, ob die Worte etwas in uns zum Klingen bringen.“

Die Romantik reagierte mit Sehnsucht auf die vernunftbetonte Aufklärung

Und so taucht man gemeinsam ein in eine andere Welt, die sowohl geheimnisvoll als auch an vielen Stellen hochaktuell ist. Muggenthaler führt anhand der Gedichte aus, dass Geschichte im Allgemeinen und Literatur im Besonderen auch immer ein Wechselspiel ist. Die Zeiten beziehen sich aufeinander, stellen Thesen auf, geben Antworten. Spätestens seit der Aufklärung ist zu erkennen, wie auf Strömungen, die eher wissenschaftlich und rational ausgerichtet sind, Zeitabschnitte folgen, die stark gefühlsbetont und mitunter irrational sind.

In welcher Phase sind wir wohl heute? Diese Frage steht unwillkürlich im Raum. Die Romantik reagierte mit ihrer Suche und Sehnsucht auf die stark vernunftbetonte Aufklärung, was sich auch in der Bewunderung des Mystikers Jakob Böhme (1575 bis 1624) und seinem idealistischen Pantheismus zeigt. Die Dichter kannten sich, gaben Zeitschriften heraus, diskutierten und knüpften Freundschaften – auch das ein zentrales Motiv der Romantik, die Beziehung zwischen dem „Ich“ und „Du“, die Entdeckung des Menschen als Subjekt und Individuum, beruhend auf der Philosophie Gottlieb Fichtes.

Novalis hieß eigentlich Friedrich von Hardenberg und entstammte einem norddeutschen Adelsgeschlecht. Der Künstlername geht auf einen älteren Zweig seiner Familie und auf das lateinische de novali („Neuland roden“) zurück. Er selbst interpretierte den Namen als „einer, der Neuland bestellt“. Er war in seinem kurzen und doch produktiven Leben (1772 bis 1801) mit Schiller und vor allem den Gebrüdern Schlegel, Schelling und Tieck eng befreundet, den Hauptvertretern der Jenaer Romantik. Er starb an „Schwindsucht“, wie auch Friedrich Schiller und seine junge Verlobte Sophie von Kühn, was ihn in eine tiefe Krise stürzte.

Schritt für Schritt werden an diesem Abend Texte von Novalis sprachlich und inhaltlich unter die Lupe genommen, von den „Hymnen an die Nacht“ über den Beginn von „Heinrich von Ofterdingen“ bis zum „Marienlied“. Viele Romantiker konvertierten schließlich zum Katholizismus. Gedichte von Tieck und an Tieck sowie von Eichendorff vervollständigen den Einblick in die frühromantische Poesie. Immer wieder wird dabei die Kritik an der Aufklärung thematisiert. In den „Blüthenstaub“-Fragmenten von Novalis tauchen folgende Sätze auf: „Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“

Die Romantik prägte das Denken in besonderem Maße, nicht nur durch deren universellen Anspruch und die Suche nach der blauen Blume, sondern auch durch die spätere Rückwärtsgewandtheit und die verklärte Vorstellung „des Deutschen“. Denn auch die historischen Ereignisse überschlugen sich damals, von der Französischen Revolution über Napoleon bis zur Revolution von 1848. Dies alles wirkt bis heute nach, in der großen Weltgeschichte und in der Kultur. So zum Beispiel in modernen Gedichten von Günter Eich und Robert Gernhardt. In den 1970er-Jahren gab es zudem eine Band namens Novalis, die auch Texte ihres Namensgebers bearbeitete. Und so geht es weiter. Mit Tiefgang und unterhaltsam zugleich – wie auch an diesem Abend, an dem man dem Geheimnis der blauen Blume ein gutes Stück näher kommt.

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Erstellt:
20. Dezember 2021, 11:30 Uhr

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