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Barocke und zeitgenössische Werke

Fünftes Konzert innerhalb von zehn Jahren in Backnang: Der Kammerchor Stuttgart begeistert im Bürgerhaus

Der Kammerchor Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius wird zu Recht als eines der besten Ensembles seiner Art bezeichnet. Mit Teilen aus dem Programm für das im Juli 2020 in Auckland/Neuseeland stattfindende 12.Internationale Symposium für Chormusik begeisterte der Chor im Bürgerhaus das Backnanger Publikum.

Der Kammerchor Stuttgart präsentiert im Bürgerhaus Teile des Programms, das er fürs 12. Internationale Symposium für Chormusik im Juli in Auckland (Neuseeland) einstudiert hat. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Der Kammerchor Stuttgart präsentiert im Bürgerhaus Teile des Programms, das er fürs 12. Internationale Symposium für Chormusik im Juli in Auckland (Neuseeland) einstudiert hat. Foto: J. Fiedler

1 Von Miklós Vajna

BACKNANG. Beim Konzert im sehr gut besuchten großen Saal des Backnanger Bürgerhauses wurde die Klasse des Chors wieder einmal eindrücklich deutlich. Tadellose sichere Intonation und Gesangstechnik, präzise Textverständlichkeit und gute Artikulation – mit einem Hang zum Übertreiben der Zischlaute, ein ausgeglichener klangfarbenreicher Wohlklang in allen Stimmlagen, solistische Qualitäten innerhalb des Gesamtklanges und eine dynamische Bandbreite vom Pianissimo bis zu einem orchestralen Fortissimo, die den Kammerchor mehr als 100-köpfig klingen lässt. Die Musik ist sehr durchsichtig kunstvoll, schlackenfrei und geradlinig vorgetragen, wie aus einem Guss.

Schon zur Einführung zum Konzert durch Albrecht Dürr füllten sehr viele interessierte Zuhörer den kleineren Fritz-Schweizer-Saal. Trotz der Überfülle an teilweise ermüdenden Detailinformationen aus Liturgie, Musikwissenschaft und Musikrezeption, die dem Laien wohl nicht sehr hilfreich waren und größtenteils auch im Programmheft nachzulesen waren, blieben doch für einige Werke erhellende Einzelheiten im Gedächtnis haften.

Im Konzert zeigte es sich, dass auch den versiertesten Musikern nicht immer alles gelingt: So spielte die ansonsten sehr zuverlässige Portativspielerin gleich zu Beginn einen irritierenden falschen Akkord zur Tonangabe und der Cellist befand sich beim Bach allein auf weiter Flur, im Übereifer einen Auftakt zu früh. Es drängt sich aber die Frage auf, ob das Basso Continuo im Konzert des Kammerchors Stuttgart nötig ist. Es ist zur Stabilisierung der Intonation völlig unnötig und zur Bereicherung der Klangfarbe überflüssig und meist auch nicht hörbar. In der Missa in Diluvio Aquarum Multarum von Orazio Benevoli gelang dem Kammerchor ein wunderbarer stehender Klang im sakralen Raum mit schier schmerzvollem Wohllaut.

Eine experimentelle, urvolkhafte, archaische Komposition

Vom Backnanger Publikum sehr begeistert aufgenommen und mit etlichen Bravorufen bedacht wurden die „Cinq rechants“ von Olivier Messiaen. Eine experimentelle, urvolkhafte, archaische Komposition mit energetischen Höhepunkten und dissonanten Mischungen, die auch Raum lässt für souveräne solistische Passagen. Trotz der im Programmheft geäußerten Bitte, nur am Ende der Programmhälften zu klatschen, ließ sich hier und auch bei anderen Gelegenheiten der Szenenapplaus nicht unterdrücken.

Nach enthusiastischem Auftrittsapplaus zu Beginn der zweiten Hälfte zeigte der Chor eine weitere Dimension seines Könnens. In freudevoll bewegten musikalischen Linien, voller romantisch emotionalem Mitempfinden, mit jauchzenden Frauenstimmen und schmerzhaft schmelzenden Vorhalten erklangen Chorwerke von Felix Mendelssohn-Bartholdy. In zwei weiteren Werken wurde das Gestaltungsprinzip der akustisch-räumlichen Komponente benutzt: In Knut Nysteds Immortal Bach waren fünf Chöre um die Sitzreihen herum gruppiert und erzeugten durch verschiedene Tempi und Abläufe eines Bachchorals Überlagerungen und sphärenhafte Klangstrukturen, die immer überschaubar blieben. Im Gegensatz dazu waren bei Dieter Schnebels „Contrapunktus I“ Einzelsänger in dem Publikum verteilt, die alle in eine Richtung sangen, sodass ein irritierender perspektivischer Schichtklang in verschiedenen Ebenen entstand, wie wechselnd auftauchende und wieder verschwindende Figuren im Nebel. Nach dem virtuos und werkadäquat vorgetragenen Stücken von Johann Sebastian Bach gab es den erlaubten, großen und lang anhaltenden Schlussapplaus mit etlichen Bravorufen. Als Zugabe gab es die Motette „Ich lasse dich nicht“ von Johann Sebastian Bach BWV Anh.159.

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Erstellt:
31. Januar 2020, 11:30 Uhr

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