Beklemmende Atmosphäre im Hinterhaus

Württembergische Landesbühne Esslingen setzt das Tagebuch der Anne Frank szenisch um – Backnanger Publikum begeistert

Bedrückend ist die Stille auf der Bühne im Backnanger Bürgerhaus in einer Szene im Hinterhaus eines Amsterdamer Bürogebäudes. Die Angst zweier jüdischer Familien, entdeckt zu werden, ist spürbar. Auf eindrucksvolle Weise präsentierte die Württembergische Landesbühne Esslingen das Theaterstück „Das Tagebuch der Anne Frank“.

Im Versteck geht es nicht ohne Konflikte ab. Ventil dafür ist für Anne Frank das Tagebuchschreiben. Hier eine Szene aus der Backnanger Aufführung der Württembergischen Landesbühne Esslingen.Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Im Versteck geht es nicht ohne Konflikte ab. Ventil dafür ist für Anne Frank das Tagebuchschreiben. Hier eine Szene aus der Backnanger Aufführung der Württembergischen Landesbühne Esslingen.Foto: J. Fiedler

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Grobe, matratzenähnliche Gebilde, sind die Kulisse. Allein steht Anne Frank, dargestellt von Galina Freund, auf der Bühne. Sie erzählt, dass im Mai 1940 die Nationalsozialisten die Niederlande besetzt haben, in die sie mit ihrer Familie vor der Judenverfolgung aus Deutschland geflohen ist. Es ist das Jahr 1942. Mit ihrer und einer weiteren Familie versteckt sie sich im Hinterhaus eines Bürogebäudes in Amsterdam. Mit Judenstern an der Kleidung betreten die anderen Schauspieler die Bühne.

Tagsüber, während der Bürozeiten im Haus, müssen sich die Untergetauchten absolut leise verhalten. Kaum Bewegung herrscht auf der Bühne. Vorsichtig, wie in Zeitlupe, geben sich die Darsteller vereinzelt Handzeichen. Anne greift zu ihrem Tagebuch und beginnt zu schreiben. Umso länger sich die quälende Stille hinzieht, desto mehr überträgt sich die beklemmende Stimmung auf das Publikum. Wie eine Erlösung ist es, als endlich das Schlagen einer Glocke anzeigt, dass es Abend ist. Mit Beendigung der Bürozeiten kommt Bewegung auf die Bühne.

Die schwierige Situation für das Ehepaar Frank mit den Töchtern Anne und Margot und der Familie van Pels mit dem Sohn Peter, auf so engem Raum zusammenzuleben, wird deutlich. Anne ist zum Zeitpunkt des Einzugs 13 Jahre alt. Die Inszenierung folgt Tagebucheinträgen, die sie ohne Vorentwürfe direkt während des Aufenthalts in dem etwa 50 Quadratmeter großen Versteck geschrieben hat. Zwischen den Szenen trägt die Darstellerin der Anne originale Tagebucheinträge vor. An „Kitty“ sind die Zeilen gerichtet, als würde sie ihre Gedanken einer guten Freundin erzählen. Ganz normale Gefühlsregungen eines heranwachsenden Teenagers sind dabei, etwa wenn Anne bei den Querelen mit ihrer Mutter aufmüpfig wird.

Das Aufeinandertreffen verschiedener Charaktere, Hunger und erdrückende Enge

Eine zusätzliche Ebene bei der Inszenierung bilden eingespielte Videos und Originalfotos, die auf den Hintergrund projiziert werden. Teilweise zeigen sie auf, dass die persönliche Wahrnehmung des Mädchens auch schon mal von der Realität abweicht. Aber die Fotos werden auch benutzt, um drastisch Wahrheit aufzudecken. In Szenen tauchen die Figuren Victor Kugler und Miep Gies auf, die die Untergetauchten mit Lebensmitteln und Informationen von der Außenwelt versorgen. Als Anne sich nach einer Freundin aus Kinderzeiten erkundigt, wird ein Schwarz-Weiß-Foto der beiden spielenden Mädchen auf die Leinwand projiziert. Anne erhält keine Antwort von Miep Gies auf ihre Frage. Nur das Verschwinden der kleinen Freundin auf dem Foto lässt erahnen, was mit ihr geschehen ist. Hunger, die beengte Wohnsituation, das Aufeinandertreffen verschiedener Charaktere und immer wieder die langen Zeiträume des Nichtstuns und Schweigens führen zu Konflikten. Als noch ein Schutzsuchender, der jüdische Zahnarzt Dr. Pieper, einzieht, spitzt sich die Situation zu.

Das Älter- und Reiferwerden der Anne Frank wird in den Tagebucheinträgen und Szenen deutlich. Sie verliebt sich in Peter van Pels. In Aufzeichnungen werden auch erste Sehnsüchte nach körperlicher Nähe thematisiert. Das Stück legt nicht nur den Fokus auf das Geschehen im Hinterhaus, sondern spiegelt auch die Gefühlswelt wider.

Am Ende flammt noch einmal Hoffnung auf eine bevorstehende Befreiung mit Originalvideos vom Ende des Krieges auf, bevor die Untergetauchten doch noch verhaftet werden. Am 4. September 1944 kam es zu einem letzten Transport nach Auschwitz, erfahren die Zuschauer. Alle acht Juden aus dem Hinterhaus befanden sich darin. Die Videowand öffnet sich. Nacheinander verschwinden die Darsteller durch den hinteren Teil der Bühne. Zurück bleibt nur Annes Vater Otto Frank – der einzige Überlebende. Minutenlang herrscht noch betroffene Stille im Publikum, unter dem auch Schulklassen sind, bevor begeisterter Applaus im Bürgerhaus losbricht.

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Erstellt:
26. Januar 2019, 06:00 Uhr

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