Endspurt bei der Berlinale

Berührendes Denkmal für eine Freundin

Die letzten Meter des Festivals sind mit Bären-Favoriten gespickt: „Josephine“, in dem ein Kind Zeugin einer Vergewaltigung wird, und ein berührender Dokumentarfilm.

Anna Fitch und das Miniaturhaus, das sie gebaut hat für den Dokumentarfilm „Yo (Love Is a Rebellious Bird“)

© Mirabel Pictures

Anna Fitch und das Miniaturhaus, das sie gebaut hat für den Dokumentarfilm „Yo (Love Is a Rebellious Bird“)

Von Patrick Heidmann

Während auch in der zweiten Festivalhälfte auf der Berlinale weiterhin darüber diskutiert wird, ob sich Filmemacherinnen und Filmemacher zur weltpolitischen Lage äußern müssen und inwieweit in Berlin diesbezüglich eine offene Debattenkultur herrscht oder eben nicht, ist der Wettbewerb um den Goldenen Bären an seinem Ende angekommen. Und mit Blick auf die an diesem Samstag stattfindende Preisverleihung lässt sich bereits festhalten: Auch filmisch war in diesem Jahr einiges der Rede wert.

Zwar ist es sicherlich nicht falsch zu konstatieren, dass es schon stärkere Jahrgänge gab als den der 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Doch zwischen viel Solidem gab es auch einige echte Höhepunkte auszumachen. Als vielleicht größter Favorit auf etwaige Preise dürfte auch bald eine Woche nach seiner Weltpremiere nach wie vor „Rose“ gelten, das Historiendrama in Schwarz-weiß des Österreichers Markus Schleinzer, in dem Sandra Hüller einmal mehr eine schauspielerische Meisterleistung hinlegt.

Özgü Namal in „Gelbe Briefe“ ist ein Glanzlicht

Gleichzeitig ist auch die Darstellung von Hauptdarstellerin Özgü Namal in Ilker Çataks „Gelbe Briefe“ nach wie vor ein Glanzlicht dieser Berlinale, und mit dem Familiendrama „We Are All Strangers“ von Anthony Chen aus Singapur oder vor allem dem Kleinod „Moscas“ des Mexikaners Fernando Eimbcke, der von der nicht ganz freiwilligen Freundschaft zwischen einem kleinen, aufgeweckten Jungen und einer einzelgängerisch-wortkargen Vermieterin handelt, ist die Liste der preiswürdigen Filme noch längst nicht komplett.

Als Expertin fürs Ungesagte entpuppt sich in den vergangenen Tagen abermals die Berliner Filmemacherin Eva Trobisch, die mit ihrem dritten Spielfilm erstmals im Wettbewerb vertreten ist. In „Etwas ganz Besonderes“ geht es um eine Teenagerin (Frida Hornemann) aus der ostdeutschen Provinz, die als Sängerin in einer Castingshow mitmacht. Vor allem aber handelt der vielschichtige Film von familiärer Kommunikation, von Heimatgefühlen sowie Ungewissheit und Umbrüchen in der Lebensplanung. Trobischs Vorliebe für Subtext verlangt aufmerksames Hinsehen und die Bereitschaft, sich auf nicht immer unkomplizierte Figuren einzulassen.

Mindestens letzteres gilt auch für einen weiteren Bären-Favoriten, „Queen at Sea“ von Lance Hammer. Der Independent-Regisseur aus den USA, dessen Debüt „Ballast“ satte 18 Jahre zurückliegt, siedelt seinen zweiten Spielfilm in London an, wo Amanda (Juliette Binoche) nicht nur vom sexuellen Erwachen ihrer Tochter überfordert ist, sondern auch damit ringt, die richtigen Entscheidungen zu treffen mit Blick auf ihre an Alzheimer erkrankte Mutter und deren womöglich nicht in ihrem besten Interesse handelnden Ehemann (Tom Courtenay). Ein Film, der mit erstaunlicher Abwesenheit von Sentimentalität und komplexen moralischen Überlegungen besticht.

Ein Haus im Maßstab 1:3 samt Puppe der Bewohnerin

Zwei der besten Wettbewerbsbeiträge hatte sich die Berlinale in diesem Jahr allerdings bis ganz zum Schluss aufgehoben. „Yo (Love Is a Rebellious Bird“), der einzige Dokumentarfilm im Bären-Rennen, ist die wundervoll-originelle Schöpfung der Regisseurin Anna Fitch, die dafür lange ihre sehr viel ältere Freundin Yolanda mit der Kamera begleitet hat. Nach dem Tod der aus der Schweiz stammenden Kalifornierin, die einst mit Jean Tinguely studierte und auch im Alter ihre Joints noch liebte, setzte Fitch die Freundschaft wie den Film fort, in dem sie Yos Haus im Maßstab 1:3 nachbaute, samt Puppe der Bewohnerin. So setzt die (gemeinsam mit ihrem Mann Banker White arbeitende) Regisseurin nicht nur ihrer Freundin auf enorm einfallsreiche, verspielte und ungemein berührende Weise ein Denkmal, sondern porträtiert nebenbei auch die gemeinsame Zeit und nicht zuletzt die eigene Arbeit als Künstlerin.

Mit „Josephine“ stand dann noch ein anderer Film aus den USA auf dem Programm, dank dem am Freitagabend mit Channing Tatum auch ein letztes Mal hochkarätiger Besuch aus Hollywood den roten Teppich beehrte (und das, obwohl er noch Anfang Februar für eine Schulteroperation im Krankenhaus weilte). Die Regisseurin Beth de Araújo erzählt in ihrem Zweitling von der achtjährigen Titelheldin, die zufällig im Park Zeugin einer Vergewaltigung wird und mit einer Aussage vor Gericht zur Verurteilung des Täters beitragen könnte.

Doch vor allem geht es der Regisseurin darum, was dieses Ereignis mit dem Mädchen macht, das eigentlich noch gar nicht verstanden hat, was es da gesehen hat, und dessen bemühte Eltern kaum wissen, wie sie vermitteln können, was Sex oder gar Einvernehmlichkeit sind, wo die Grenzen zwischen Selbstverteidigung und Aggression verlaufen, oder dass eben nicht jeder Mann automatisch auch ein Täter ist.

Die kleine Mason Reeves ist eine Entdeckung

Ein erschütternder und beeindruckender Film, enorm nuanciert und klug erzählt, mit starken Leistungen von Tatum und Gemma Chan in den erwachsenen Hauptrollen und vor allem der kleinen Mason Reeves als bemerkenswerter Neuentdeckung. Als einziger Film im Berlinale-Wettbewerb war „Josephine“ dabei keine Weltpremiere, sondern schon im Januar beim Festival in Sundance zu sehen. Dort gab es für de Araújos Arbeit sowohl den Jury- als auch dem Publikumspreis. Ob – was verdient wäre – die Jury um Wim Wenders dem nun auch noch einen Goldenen Bären folgen lässt oder sich doch lieber für einen noch nicht prämiertes Werk entscheidet, bleibt abzuwarten.

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Erstellt:
20. Februar 2026, 16:16 Uhr
Aktualisiert:
20. Februar 2026, 17:25 Uhr

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