Einkommenslücke in der Kultur
Bittere Realität: Freie Künstlerinnen arbeiten bis 1. April faktisch umsonst
Neue Zahlen von Verdi zeigen: Freiberufliche Künstlerinnen verdienen drastisch weniger als ihre männlichen Kollegen. Wo die Lohnlücke die Spitze der Ungerechtigkeit erreicht.
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Ob auf der Musikbühne oder in der Zirkusmanege: Freiberufliche Künstlerinnen verdienen deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen.
Von Andrea Kachelrieß
Nein, das ist leider kein Aprilscherz: Berücksichtigt man den geschlechtsspezifischen Lohnunterschied, den sogenannten Gender Pay Gap, dann arbeiten freie Künstlerinnen bis zum 1. April umsonst. Das ist das Ergebnis eines genauen Blicks auf die Einkommen von Freiberuflern in der Kulturbranche, den die Gewerkschaft Verdi nun veröffentlicht hat. 25 Prozent weniger haben Frauen hier im Vergleich zu Männern 2025 verdient, der Wert stagniert im Vergleich zum Vorjahr. Die Kulturbranche bleibt damit ein markanter Ort von Ungleichheit und weiblicher Selbstausbeutung. Branchenübergreifend liegt der Gender Pay Gap weiterhin bei 16 Prozent und Frauen arbeiten bis zum 27. Februar umsonst. Frauen und Künstlerinnen treten, was ihr Einkommen betrifft, auf der Stelle.
Lisa Mangold, die Kultur-Bereichsleiterin von Verdi, schickt mit den Zahlen einen dringenden Appell ins Land: „Wir brauchen tiefgreifende und strukturelle Lösungen“, fordert sie mit Verweis auf das Verdi-Basishonorar. Das garantiere Transparenz – auf der Grundlage von Arbeitszeit, nicht von Geschlecht. „Honorarstandards in der Kulturfinanzierung sowie der privaten Kulturwirtschaft sind ein konkreter Ansatzpunkt“, empfiehlt Mangold. Und weiter: „Wann immer die öffentliche Hand Kultur finanziert, sollten Verdi-Basishonorare gelten. Der Staat hat die Verantwortung, den Gender Pay Gap zu schließen.“
Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Lücke, die zwischen Einkommen von freien Künstlerinnen und Künstlern klaffen kann, findet sich im Bereich von Zirkus und Artistik. Sind die Bühnenkünste mit einem Gender Pay Gap von 33 Prozent insgesamt sehr schlecht aufgestellt in Sachen Gleichberechtigung, trifft es Clownin, Zauberin und Akrobatin richtig hart: Sie verdienen im Schnitt halb so viel wie männliche Artisten, wie die Studie auflistet.
Benachteiligte Komponistinnen
Sehr viel weniger Geld als bei ihren männlichen Kollegen kommt auch bei Komponistinnen in die Kasse. Ihre Anzahl ist laut Auskunft der Künstlersozialkasse zwar um 21 gestiegen, ihr Einkommen ist aber weiterhin nur halb so hoch bei Komponisten. Immerhin: Unter Lehrkräften im Bereich Musik ist die Einkommenslücke mit nur 12 Prozent auffallend klein.
Und tatsächlich gibt es sogar eine Sparte, in der Frauen in punkto Geld besser dastehen als ihre männlichen Kollegen: 69 Euro im Jahr verdient ein Tänzer weniger als eine Tänzerin. Allerdings liegen die freiberuflichen Einkünfte im Tanz deutlich unter dem Durchschnitt in der Berufsgruppe der darstellenden Künste.
Kulturszene als Ort der Selbstausbeutung
Egal welche Schublade man aufzieht: Gutverdienende Autorinnen, hochbezahlte Designerinnen oder Librettistinnen sind die Ausnahme. „Der Durchschnitt aus den gemeldeten Einkommen zeigt, dass krisenfestes Arbeiten in der freien Kultur und Medienbranche kaum möglich ist. Eine stabile Absicherung bei Auftragsflauten und im Alter ist auf Grundlage dieser Einkommen nicht möglich. Freie Kultur zu machen, müssen Menschen sich leisten können“, lautet das Fazit von Lisa Mangold und Verdi für beide Geschlechter. Die Kürzungen im Kulturbereich lassen den Druck ansteigen, sexistische Strukturen auszugleichen wird noch schwieriger. Basishonorar und Tarifvertrag, so Verdi, ermöglichten faire Bezahlung.
