Das achte Leben und biografische Blicke auf die Wende

Bandhaus-Amateurtheaterfestival „Vereinigt Euch!“: Der Münchener Allgemeine Gesangverein und die Bühne der Technischen Universität Dresden.

Der Allgemeine Gesangverein München inszeniert den Mammutroman „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili. Foto: AGV

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Der Allgemeine Gesangverein München inszeniert den Mammutroman „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili. Foto: AGV

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Bereits 1861 gegründet, hat sich der Münchener Allgemeine Gesangverein (AGV) „den Musen verschrieben“, wie Regisseurin Gisela Maria Schmitz verrät. Drei Chöre, mehrere Orchester, ein Improtheater und eben das Große Theater gehören dazu. Ein wunderschönes Haus mit riesigem Saal und einer Bühne, die keine Wünsche offenlässt, mitten in der Stadt gelegen, nennt er sein Eigen – traumhafte Bedingungen für ein Team theaterbesessener Amateure, das sich die älteste eingetragene Theatergruppe Münchens nennen darf.

Mit Nino Haratischwilis mehr als tausendseitigem Roman „Das achte Leben“ hat die Profiregisseurin ein Projekt an den AGV herangetragen, das es in sich hat. Die fünfstündige Hamburger Bühnenfassung faszinierte Gisela Maria Schmitz so sehr, dass sie den Roman las und, vollends entflammt von seiner Sprache und Handlung, „ihre“ Amateure mit ihrer Begeisterung ansteckte. „Das achte Leben – Für Brilka“ thematisiert fast ein Jahrhundert georgischer Geschichte, indem es vor allem Frauenleben vom zaristischen Russland bis in die Wendezeit der späten 1980er-Jahre nachzeichnet und so Historisches am Schicksal des einzelnen Menschen lebendig macht. Da wird (eigentlich) „so viel geküsst, geliebt und gekämpft“, verrät die Regisseurin, dass die Umsetzung in Coronazeiten eine „Wahnsinnsherausforderung“ ist und eine völlig neue Ästhetik entstehen dürfte. Zu Hause in München hatte der AGV es im März noch bis zur Generalprobe geschafft und konnte dann nur eine Minipremiere vor etwa 20 Zuschauern spielen. Umso glücklicher sei man über die Einladung nach Backnang, man werde mit elf oder zwölf Personen anreisen, sich aber zuvor sicherheitshalber auf das Virus testen lassen.

Die Hamburger Bühnenfassung der Romanautorin hatte Gisela Maria Schmitz auf zweieinhalb Stunden gekürzt, von denen sie jetzt für Backnang durch Corona bedingt noch mal eine Stunde streichen musste. „Wir können schöner“, sagt sie, „stimmiger, emotionaler“, freut sich aber dennoch auf das Festival „Vereinigt Euch!“. Es sei ein großes Stück, mit etlichen Doppelrollen besetzt, und man habe Lust gehabt auf so etwas Voluminöses, Ernstes, Politisches. Und: „Bei mir gibt es kein Theater ohne Musik!“ Originalklavierkompositionen, exklusiv für die AGV-Inszenierung erschaffen, werden eingespielt und russische Militärchöre wie auch anderes historisches Musikmaterial. „Massenweise“, sagt die Regisseurin.

Die Bühne der Technischen Universität Dresden indes inszeniert die „Fuge 89“. Die Produktion heißt im Untertitel „Entwendete Biografien“ und verarbeitet ein Konvolut von neun Interviews à zwei Stunden, die 80 Seiten transkribierten Text füllten, welcher wiederum auf 25 Seiten verdichtet wurde. In Dresden und in der etwa 100000 Einwohner zählenden und wenige Kilometer entfernten, ebenfalls an der Elbe gelegenen tschechischen Partnerstadt Ústí nad Labem haben die Studenten Zeitzeugen zu ihren Erinnerungen an „die Wende“ befragt. Dabei ging es ihnen nicht um ein schematisches Abarbeiten bestimmter Punkte, sondern darum, nach zwei bis drei „Initiationsfragen“ ins Gespräch zu kommen. Verschiedenste biografische Aspekte wurden behandelt und dabei nicht nur die Unterschiede zwischen Ost und West, sondern auch die zwischen Ost (damalige Tschechoslowakei) und Ost (damalige DDR) deutlich. Der Weg der Tschechen in die neoliberale Gesellschaft sei ein ganz eigener gewesen, resümiert Regisseur Matthias Spaniel und ergänzt, was viele für sich bestätigen können: „Ich weiß auch wenig über mein Nachbarland.“ Einhelliger Tenor in den Interviews war allerdings, „die Wende“ sei „nicht glücklich verlaufen“. Diese Erfahrung „schimmert immer wieder durch“, und Matthias Spaniel versucht, den Ursachen mit seinem Ensemble auf den Grund zu gehen.

Ein Casting im üblichen Sinne habe es nicht gegeben, ausschlaggebend für die Besetzung war die Frage: „Wer hat Interesse?“ Außerdem legte der Regisseur Wert auf ein junges Team, es war ihm wichtig, dass alle Darsteller erst nach der „Wende“ geboren wurden, mit einer Ausnahme: „Ein alter Ossi ist dabei“, sagt Spaniel ohne abwertenden Unterton, eher lachend. Er selbst stammt ja aus Dresden; als die Mauer fiel, war er neun. An der Arbeit mit der jungen Generation reizt den Regisseur deren Perspektive auf einen Staat, den sie nicht kannten und dem sie sich daher über Gespräche mit Älteren nähern müssen. Die Interviews hat Matthias Spaniel anonymisieren lassen, um Freiräume zu schaffen und zu vermeiden, „dass die reale Person nachgespielt wird“.

Naheliegend war es, die Inszenierung zweisprachig (mit Übertiteln) zu gestalten und auch Aufführungen in Ústí nad Labem zu planen. Dem Ensemble gehört eine tschechische Darstellerin an, die nicht zum Festival kommen kann. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird der Aspekt der Zweisprachigkeit in Backnang vernachlässigt werden.

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Erstellt:
25. September 2020, 06:00 Uhr

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