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Das halbierte Theater-Fluchtauto

Der Unterweissacher Bildhauer Peter Haußmann arbeitet immer wieder mit Projektpartnern, die sich sozialer Themen annehmen

Das, was die Roadshow in den Seelen der Zuschauer hinterlässt, wird lange bleiben. Die Gefühle der Flüchtlinge von Enge, von Angst und auch Hoffnung auf ein besseres Leben werden für die Zuschauer wenigstens ein Stück weit nachvollziehbar gemacht. Deshalb steht da bei Aufführungen wie unlängst in Murrhardt auch ein Fluchtauto, das der Unterweissacher Künstler Peter Haußmann roadshowtauglich gemacht hat.

In einen Autokofferraum eingepfercht: Szene bei einer Roadshow im Murrhardter Jugendzentrum. Fotos: J. Fiedler, I. Knack, privat

© Jörg Fiedler

In einen Autokofferraum eingepfercht: Szene bei einer Roadshow im Murrhardter Jugendzentrum. Fotos: J. Fiedler, I. Knack, privat

Von Ingrid Knack

WEISSACH IM TAL/MURRHARDT. Peter Haußmann war beim Roadshowprojekt des Vereins Kubus von Anfang an dabei. Schauspieler des Theaters Lokstoff, die mit dem Verein kooperieren, waren auf ihn aufmerksam geworden und hatten zunächst telefonisch mit dem Weissacher Bildhauer Kontakt aufgenommen. Nach mehreren Gesprächen dieser Art in größeren Abständen saß Haußmann dann eines Tages vor fünf Theaterleuten in Stuttgart: „Wir haben drei Minuten geredet und dann war klar: Ich mach das.“

„Das“ war die Konzeption für einen Schiffscontainer, den es so auszubauen galt, dass im Zusammenhang mit einer multimedialen Ausstellung Fluchtsituationen darin nachgestellt, nachempfunden werden konnten. Auch ein kleines Modell entstand im Vorfeld. Gemeinsam mit Jugendlichen aus Deutschland, Syrien, Afghanistan, Gambia, Nigeria und der Elfenbeinküste realisierte Haußmann ab Dezember 2016 die projektgerechte Ausgestaltung des Schiffscontainers. Dieser bekam beispielsweise einen so engen Eingang verpasst, dass man sich regelrecht hineinquetschen musste, um in die erschreckend lebensnahe Fluchtwelt einzutauchen. Auch eine Gefängniszelle und ein langer, schmaler, mit Vorhängen abgehängter, bedrohlich wirkender Gang gehörten zum Innenleben des Containers.

Schauspieler vom Stuttgarter Theater Lokstoff erarbeiteten parallel dazu mit Jugendlichen Fluchtszenen. In dem Schlauchboot neben dem Container konnten die Besucher erahnen, wie es ist, in einem überfüllten Boot auf instabilem Untergrund zu sitzen (wir berichteten). Viele Schüler in Backnang und anderswo konnten das ab Frühjahr 2017 erleben. Wenn der Schiffscontainer an andere Orte in Baden-Württemberg gefahren werden sollte, musste jedes Mal ein Tieflader gebucht werden, so Haußmann. Der Aufwand war also riesengroß. Die interaktive Lesung „Roadshow – Flucht erlebbar machen“ wurde weiterentwickelt. Statt des Containers sollte fortan in einem Kofferraum eines Autos die fast unerträgliche Enge in einem Schleuserfahrzeug nachgefühlt werden.

Auch diese Geschichte fing genau so an, wie Haußmann es liebt. „Wilhelm Schneck vom Theater Lokstoff in Stuttgart und Jochen Schneider vom Verein Kubus haben mich gefragt, ob ich ihnen einen Kofferraum bauen würde, um Fluchtsituationen nacherlebbar machen zu können. Ich hätte – wie immer – freie Hand. Ich sagte zu, ohne die geringste Ahnung zu haben, wie und was ich machen würde.“ Eine Option wäre eine Kiste mit Blechdeckel oder einem echtem Autokofferraumdeckel gewesen. „Aber irgendwann war klar, es muss ein echter Kofferraum her.“ Die Suche nach einem geeigneten Fahrzeug begann. Haußmann: „Telefonieren hin und her, mit Autowerkstätten, Schrotthändlern, Freunden – Fahrzeuge mit Schrägheck gibt’s ja jede Menge, aber es sollte ja ein richtig klassischer Kofferraum sein. Kurz und gut, irgendwann fand ich einen Schrotthändler, der mein Anliegen verstand. Er hatte einen komplett fahrbereiten Opel Omega im Hof stehen. Den würde er opfern.“ Tank, Hinterachse, Motor und Getriebe baute der Schrotthändler aus. „An einem der kältesten Samstage im Januar stand ich mit dickem Kittel, Lederschurz, Schutzbrille und meinem größten Winkelschleifer im Hof“, erinnert sich der Bildhauer. Zunächst musste er die Schnitte festlegen. Zuerst führte er diese hinterm Rückfenster aus, dann zum Radkasten hin, schließlich am Unterboden. Die anschließende Arbeit beschreibt Haußmann so: „Das Auto mit dem Stapler auf diese Seite legen, dann auf jene Seite legen, aufpassen dass es nicht aufs Dach fällt, im Lärm und im Funkenregen stehen und möglichst nicht stolpern oder die Maschine verkanten.“ Das solchermaßen Bearbeiten des alten Wagens lockte trotz des ernsten Hintergrunds bei den beiden Herren situativen Humor hervor. „Wir, sowohl der Schrotthändler als auch ich, fanden dann beide, der Opel Omega sähe jetzt, ohne seinen hinteren Teil, eigentlich erst so richtig gut und sogar sportlich aus.“

Später galt es für Haußmann, in seinem Atelier den Kofferraum an der Rückbankseite wieder zuzuschweißen und Kanten im Innenraum so zu bearbeiten, dass sich niemand verletzten kann. „Danach ging’s ans Ausprobieren: Wie viele Menschen passen rein, welche Gefühle entstehen bei Dunkelheit, bei den gedämpften Stimmen und Geräuschen von außen...“ Am Ende resümiert Haußmann: „Zu einem Projekt wie der Roadshow meinen Teil beizutragen, empfinde ich als absolute Bereicherung – und dies sowohl was die Arbeit mit den geflüchteten jungen Leuten aus den Kriegsgebieten als auch die absolut professionelle Zusammenarbeit mit den Theaterleuten und den Sozialpädagogen betrifft.“

Peter Haußmann

© Ingrid Knack

Peter Haußmann

Das halbierte Auto in Peter Haußmanns Backnanger Atelier in der alten Spinnerei.

Das halbierte Auto in Peter Haußmanns Backnanger Atelier in der alten Spinnerei.

Info
Kunstaktionen an Schulen, Ausbildungseinrichtungen und Fortbildungsinstituten

Der 1952 in Calw geborene und in Weissach im Tal lebende Bildhauer Peter Haußmann engagiert sich immer wieder für soziale Kunstprojekte beispielsweise an Schulen, Ausbildungseinrichtungen, Fortbildungsinstituten oder in Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Organisationen.

Zu seinen Aktivitäten auf diesem Gebiet zählen unter anderem das Kunstprojekt „Skulpturen fürs Freie“ an der Grundschule Allmersbach im Tal, eine Projektwoche mit einer Abschlussklasse der Realschule am Bildungszentrum Weissacher Tal – Gestaltung eines Innenhofs mit Skulpturen, die Projekte „Labyrinth“ und „Lehmhaus“ mit Kindern aus Ostfildern und Denkendorf. „Regensucher oder wider die Angst, einen Platz zu betreten“ war ein Skulpturenprojekt mit Jugendlichen am Berufsbildungswerk Waiblingen. Ferner gab er einen Workshop in Luino, Lago Maggiore, unter dem Titel „Skulpturen im Freien fürs Freie“, dabei drehte es sich um ein Fortbildungsangebot für Mitarbeiter aus sozialen Arbeitsfeldern.

Öffentlichkeitswirksam waren etwa die „1. Backnanger Feuernachtsklänge“ im früheren Atelier in der einstigen Lederfabrik Fritz Häuser und die „2. Backnanger Feuernachtsklänge“ im Elisenpark sowie das Projekt „Backnanger Bahnhofsulme, eine Skulptur der Erinnerung und Transformation“.

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Erstellt:
26. April 2019, 06:00 Uhr

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