Stuttgarter Familie wohnt im Schwarzwald

Das sympathische Holzhaus am Hang

Eine Stuttgarter Familie sucht für sich einen Rückzugsort im Schwarzwald – und findet ein herausforderndes Grundstück in Menzenschwand. Nun steht dort ein außergewöhnliches Architektenhaus mit viel Holz, Licht und positiver Ausstrahlung. Ein Hausbesuch.

Ein sehr modern interpretiertes Schwarzwaldhaus in Menzenschwand, entworfen von den Stuttgarter Architekten Sonja Nagel und Jan Theissen.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Ein sehr modern interpretiertes Schwarzwaldhaus in Menzenschwand, entworfen von den Stuttgarter Architekten Sonja Nagel und Jan Theissen.

Von Tomo Pavlovic

Es soll ja Menschen geben, die nach dem ersten Kennenlernen langweilen, der äußere Eindruck verspricht viel mehr als sie später halten können. Bei Häusern ist das nicht anders: So umwerfend der Grundriss, die Fassadengestaltung und Lage eines Hauses auch sein mögen, in den Räumen wirkt nicht selten alles normiert und beliebig.

Das Haus mit der gelben Tür

Das Haus in Menzenschwand ist ganz anders, ein bisschen wie jemand, der äußerlich anziehend und auch viel später noch unterhaltsam, klug und witzig erscheint. Vielleicht will man deswegen gleich einziehen und den Rest seiner Tage in Menzenschwand verbringen, in diesem hellen Holzhaus mit der gelben Tür.

Hier im Hochschwarzwald, an einem Hang über einem weiten Tal würde man gern Urlaub vom stressigen Leben nehmen. „Die Idee zu einem eigenen Ferienhaus kam über unsere Urlaube“, sagt Kai Hollenbach, Bauherr und Besitzer des Architektenhauses. „Seitdem die Kinder da sind, haben wir für unsere Urlaube meist Ferienwohnungen und Ferienhäuser gebucht. Sehr selten haben wir das gefunden, was uns gefällt. Es gibt sehr viele Objekte, denen man anmerkt, dass die Renditeberechnung im Vordergrund steht, unabhängig vom Ausstattungsniveau.“

Sehnsucht nach einem Refugium

Tatsächlich machen viele Menschen dieselbe leidige Erfahrung, doch anders als Kai Hollenbach und seine Ehefrau gehen sie nicht auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück in der Urlaubsregion ihrer Wahl. Das Stuttgarter Paar aber sehnte sich nach einem passenden Ort für den Bau des eigenen Feriendomizils. Man fuhr einige Tage in den Schwarzwald, besichtigte freie Baugrundstücke und wurde schließlich in Menzenschwand fündig. Das war 2014.

Ausladende Dachflächen

Menzenschwand liegt tief im Süden Baden-Württembergs, rund 20 Kilometer vom Feldberg entfernt. St. Blasien ist nah, auch die Grenze zur Schweiz. Bei einem Spaziergang durch den kleinen Kurort fallen die vielen schönen und alten Schwarzwaldhäuser auf. Wer sich die traditionelle Bauweise dieser Häuser anschaut, entdeckt schnell die Zitate. Typisch für das Schwarzwaldhaus ist das weit herabgezogene Walmdach. Sonja Nagel und Jan Theissen vom Stuttgarter Architekturbüro Amunt haben sich davon inspirieren lassen und für das Haus der Hollenbachs mit großzügig bemessenen Dachüberständen gearbeitet.

„Uns fasziniert die Bauweise der traditionellen Schwarzwaldhäuser mit ihren ausladenden, markanten Dächern“, sagt Jan Theissen. Das Reizvolle an dem Gebäude, das im Dezember 2021 fertiggestellt wurde, ist allerdings, dass Sonja Nagel und Jan Theissen den Baukörper um 45 Grad zum Hang und Dach drehen und das Dach des Schwarzwaldhauses neu interpretieren und in seiner Bedeutung hervorheben.

Überraschende Perspektiven

Daraus ergeben sich überraschende Perspektiven. Das Dach wird seiner rein dienenden Schutzfunktion enthoben und wird selbst zur gestalterischen Marke. Durch die Fenster blickt man ins weite Tal und sieht viel Natur und Grün. So wird der Schwarzwald dank der Sichtschneisen als visuelles Erlebnis ins Haus geholt. Und wenn man auf der seitlichen Terrasse mit dem minimalistischen Mobiliar sitzt, fühlt man sich nicht so exponiert und genießt bei klarer Luft die Ruhe, was auch daran liegen mag, dass Menzenschwand ein Sackdorf ist und keine Durchgangsstraße besitzt, auf der etwa Motorradfahrer unterwegs sind.

Ort mit Achtsamkeit

„Eine Idee war von uns war es, diesen Ort mit Achtsamkeit gestalten und eine starke Verbindung zur unmittelbaren Umgebung zu schaffen“, erklärt die Architektin Sonja Nagel mit dem Verweis, dass etwa die Fassadenschalung aus heimischer Douglasie gefertigt wurde. Auch sonst achtete man auf den Einsatz lokaler Materialien. „Durch die Ausrichtung der Baukubatur wollten wir die Schönheit des Menzenschwandter Tals einfangen und ins Haus holen“, sagt Sonja Nagel.

Zahlreiche Bauvorgaben

Die gelbe Eingangstür des aufgeständerten zweigeschossigen Holzhauses mit seinen kompakt bemessenen 110 Quadratmetern Wohnfläche ist ebenfalls eine kluge Anleihe: wenn der Ahorn blüht, taucht er seine Umgebung in ein leuchtendes Gelb. Dass der Baumbestand erhalten blieb, war eine der zahlreichen Bauvorgaben. Mut zur Farbe bewiesen Sonja Nagel und Jan Theissen auch in den Innenräumen: es findet sich im offenen Küchenbereich und großen Wohnzimmer ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Lodengrün, das aber ebenfalls typisch für die Gegend ist.

Zum Beispiel lässt es sich noch heute bei den typischen Schwarzwaldhäusern im Südschwarzwald an den geschmackvoll gestrichenen Fensterläden entdecken. „Wir hatten das Glück, eine Bauherrschaft zu haben, die uns unterstützte und aufgeschlossen war“, sagt Sonja Nagel; schließlich können Architekten und Bauherren gerade beim Thema Farbe weit auseinander liegen.

Spannende Raumkonzeption

Die kraftvolle Farbgebung, aber auch die ungewöhnliche Raumkonzeption, die sich aus der Drehung des Baukörpers zum Dach ableitet, ergeben in diesem Fall eine wunderbare Dramaturgie. Im Wohnbereich viel Grün und Gelb, petrolfarbene Treppenkörper, in den Badezimmern auch Rosa: Neugierig wie ein Kind erkundet man dieses Ferienhaus, schaut immer wieder hinaus in die Natur und sucht sich neue Lieblingspositionen auf den Ebenen, fühlt das Holz.

In gut gestalteten Räumen fühlt man sich sofort wohl. „Ehrlich gesagt, ich fühle mich auch besser, wenn ich ein Haus mit guter Architektur betrete“, sagt Jan Theissen, der nach Fertigstellung das Haus in Menzenschwand für ein Wochenende mietete, einfach so, für einen Kurzurlaub, was im Übrigen kein exklusives Angebot war. Denn das Haus soll das ganze Jahr über bewohnt sein, und wenn nicht gerade die Hollenbachs mit den Kindern da sind, kann man die „Bleibe Menzenschwand“ für eine Auszeit buchen.

Architekten als Urlaubsgäste

Die bisherigen Interessenten, wen wundert’s, schätzen gute, mit viel Expertenlob und zahlreichen Preis-Nominierungen geadelte Architektur. Gerade ist das Haus in Menzenschwand noch auf der Shortlist des renommierten DAM-Preises 2023, der im Januar vom Deutschen Architekturmuseum verliehen wird. „Wir merken die Besonderheit des Hauses übrigens auch an den Reaktionen von den zahlreichen Mietern, darunter erstaunlich viele Architekten und Designer“, erzählt Kai Hollenbach. „Von sehr vielen erhalten wir schon kurz nach der Ankunft sehr positives Feedback.“

Verspielte Vernunft

Dass die unterschiedliche Auslastung des Hauses – mal kommen zwei Familien, mal ist es nur ein Paar und oft ist niemand da – auch eine gewisse Flexibilität nicht nur bei der intelligenten Raumaufteilung erforderlich machen würde, war schnell klar. Gerade im Winter stellt sich die Frage nach einer möglichst klimafreundlichen Heizung und Lüftung.

Nagel und Theissen entschieden sich für einen Mix: da wäre zunächst das gut gedämmte Holzhaus mit der Fensterfalzlüftung; zudem gibt es noch dezent arrangierte Infrarotheizplatten, die durch die großflächige Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach Wärme abgeben. Und im Wohnzimmer steht auch noch ein Kaminofen. Das Schöne ist aber, dass all das Vernünftige an diesem Haus so spielerisch und unprätentiös wirkt. Fast zu schade, wenn man nur für ein paar Urlaubstage hierherkommt.

Man kann das Haus in Menzenschwand ebenerdig von der oben liegenden Straße betreten, es wurde aber weder eine Garage noch ein Keller gebaut, um die Eingriffe auf dem Grundstück möglichst klein zu halten.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Man kann das Haus in Menzenschwand ebenerdig von der oben liegenden Straße betreten, es wurde aber weder eine Garage noch ein Keller gebaut, um die Eingriffe auf dem Grundstück möglichst klein zu halten.

Die Topografie des Grundstücks war eine Herausforderung für das Stuttgarter Architektenbüro Amunt. Die Dachneigung und die Traufhöhe waren  vorgegeben, der Erhalt des Baumbestands ebenso.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Die Topografie des Grundstücks war eine Herausforderung für das Stuttgarter Architektenbüro Amunt. Die Dachneigung und die Traufhöhe waren vorgegeben, der Erhalt des Baumbestands ebenso.

Das 110 Quadratmeter große Holzhaus wurde aufgeständert, um Lagermöglichkeiten unter dem Haus zu ermöglichen und es ebenerdig von der Straße her betreten zu können. Inzwischen hat man den Raum unter dem Haus in den heißen Sommermonaten auch als luftigen Aufenthaltsort schätzen gelernt.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Das 110 Quadratmeter große Holzhaus wurde aufgeständert, um Lagermöglichkeiten unter dem Haus zu ermöglichen und es ebenerdig von der Straße her betreten zu können. Inzwischen hat man den Raum unter dem Haus in den heißen Sommermonaten auch als luftigen Aufenthaltsort schätzen gelernt.

Die Außenwände sind ressourcenschonend als Holzrahmenkonstruktion und die Innenwände in Brettsperrholz ausgeführt. Alle Materialien wurden sorgfältig mit einem Fokus auf lokalen Materialien, Robustheit und Patinafähigkeit gewählt.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Die Außenwände sind ressourcenschonend als Holzrahmenkonstruktion und die Innenwände in Brettsperrholz ausgeführt. Alle Materialien wurden sorgfältig mit einem Fokus auf lokalen Materialien, Robustheit und Patinafähigkeit gewählt.

Die großen Fenster holen die Natur in die Wohnung, der Gegensatz von Außen und Innen ist aufgehoben. Und wenn im Herbst und Winter das Grün in der Natur verloren geht, hat man zum Trost noch viele Grünflächen im Innenraum.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Die großen Fenster holen die Natur in die Wohnung, der Gegensatz von Außen und Innen ist aufgehoben. Und wenn im Herbst und Winter das Grün in der Natur verloren geht, hat man zum Trost noch viele Grünflächen im Innenraum.

Die Farben aus der Umgebung werden aufgenommen und zitiert, selbst der Kaminofen im Wohnbereich folgt dieser Logik. Das ist streng und leicht zugleich.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Die Farben aus der Umgebung werden aufgenommen und zitiert, selbst der Kaminofen im Wohnbereich folgt dieser Logik. Das ist streng und leicht zugleich.

Das Haus wirkt größer als es ist, was auch an der Höhe liegt. Am Tisch mit der Bank und Stühlen im Wohnraum können locker acht Personen Platz nehmen.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Das Haus wirkt größer als es ist, was auch an der Höhe liegt. Am Tisch mit der Bank und Stühlen im Wohnraum können locker acht Personen Platz nehmen.

Keine Angst vor Schrägen. Die Holzböden und Keilstufen der Treppen sind aus Douglasie gefertigt, die im Schwarzwald beheimatet ist. Das Fenster geht zum Süden, so kann man viel Licht einfangen.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Keine Angst vor Schrägen. Die Holzböden und Keilstufen der Treppen sind aus Douglasie gefertigt, die im Schwarzwald beheimatet ist. Das Fenster geht zum Süden, so kann man viel Licht einfangen.

Der 45-Grad-Winkel, der schon bei der Drehung des gesamten Baukörpers zum Hang eine Rolle spielt, wird in den Innenräumen wieder aufgenommen. Die mutige Farbwahl – Petrol und Lodengrün – harmoniert sehr gut mit dem Gelb der Geländer und Fensterrahmen. Sehr dezent und alles andere als effekthascherisch fügt sich auch die Küchenzone ins Ensemble ein.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Der 45-Grad-Winkel, der schon bei der Drehung des gesamten Baukörpers zum Hang eine Rolle spielt, wird in den Innenräumen wieder aufgenommen. Die mutige Farbwahl – Petrol und Lodengrün – harmoniert sehr gut mit dem Gelb der Geländer und Fensterrahmen. Sehr dezent und alles andere als effekthascherisch fügt sich auch die Küchenzone ins Ensemble ein.

Blick aus der Küchenzone hinunter ins Tal. Die „gerahmten“ Schwarzwaldbilder sind besonders reizvoll, weil die Sichtachsen sorgfältig bedacht wurden.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Blick aus der Küchenzone hinunter ins Tal. Die „gerahmten“ Schwarzwaldbilder sind besonders reizvoll, weil die Sichtachsen sorgfältig bedacht wurden.

Ein schwieriges Themenfeld bei Architektenhäusern ist erfahrungsgemäß die Sache mit den Treppengeländern und Handläufen. Viele würden am liebsten aus ästhetischen Gründen auf alles verzichten, was aber auf Kosten der Sicherheit geht. Im Haus in Menzenschwand wird das Problem praktisch und dazu  optisch ansprechend gelöst. Hier könne auch ältere Menschen oder Kinder sicher Treppen steigen. Stauraum gibt’s auch, die gelbe Leiter ist ein Blickfang, genauso wie im Kinderzimmer.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Ein schwieriges Themenfeld bei Architektenhäusern ist erfahrungsgemäß die Sache mit den Treppengeländern und Handläufen. Viele würden am liebsten aus ästhetischen Gründen auf alles verzichten, was aber auf Kosten der Sicherheit geht. Im Haus in Menzenschwand wird das Problem praktisch und dazu optisch ansprechend gelöst. Hier könne auch ältere Menschen oder Kinder sicher Treppen steigen. Stauraum gibt’s auch, die gelbe Leiter ist ein Blickfang, genauso wie im Kinderzimmer.

Die Schlafräume sind abwechslungsreich eingerichtet. Im vermeintlichen Kinder- und Jugendzimmer steht ein Stockbett, ähnlich wie in Gebirgshütten. Hier fühlen sich aber sehr wahrscheinlich auch Erwachsene wohl. An der Decke angebracht: eine Infrarotheizplatte. Und an der Wand die leitmotivische Leiter im fröhlich machenden Gelb.

© Rasmus Norlander/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Die Schlafräume sind abwechslungsreich eingerichtet. Im vermeintlichen Kinder- und Jugendzimmer steht ein Stockbett, ähnlich wie in Gebirgshütten. Hier fühlen sich aber sehr wahrscheinlich auch Erwachsene wohl. An der Decke angebracht: eine Infrarotheizplatte. Und an der Wand die leitmotivische Leiter im fröhlich machenden Gelb.

Jan Theissen und Sonja Nagel vom Stuttgarter Architekturbüro Amunt. Das Team unterhält zwei unabhängige Standorte, in Stuttgart sind Nagel und Theissen zuhause, Partner und Kollege Björn Martenson, hier nicht im Bild, arbeitet von  Aachen aus.

© Privat/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Jan Theissen und Sonja Nagel vom Stuttgarter Architekturbüro Amunt. Das Team unterhält zwei unabhängige Standorte, in Stuttgart sind Nagel und Theissen zuhause, Partner und Kollege Björn Martenson, hier nicht im Bild, arbeitet von Aachen aus.

Zum Artikel

Erstellt:
11. Dezember 2022, 07:12 Uhr
Aktualisiert:
11. Dezember 2022, 09:49 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen