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Der gute Böse

Im Fernsehen jagt Wolfram Koch als „Tatort“-Kommissar Paul Brix Verbrecher – Im Theater spielt er lieber die Mörder

Bühne - Wolfram Koch, einer der interessantesten Schauspieler der Republik, gastiert am Samstag mit Beckett in Ludwigsburg. Bei einem Treffen in Zürich sagt er, was er am „Tatort“ schätzt, und er zitiert schwäbische Sätze seiner Oma.

Und was steht heute an? Ein Interview in München, dann geht’s mit dem Zug nach Zürich. Noch ein Interview am Nachmittag, abends dann die Vorstellung von „Tatort Totart“ von Herbert Fritsch. Am nächsten Tag geht es nach Frankfurt, wieder mit dem Zug. Um fünf Uhr in der Früh, um pünktlich dort zu sein, zur Probe für den kommenden „Tatort“, abends gibt’s noch eine Vorstellung im Staatstheater.

Das Programm ist schon dann anstrengend, wenn alles klappt wie am Schnürchen. Doch auch Wolfram Koch lebt nicht in einer perfekten Welt. Das Radio-Interview in München war noch ganz gut. Koch hat über das Thema Väter und Söhne gesprochen, gemeinsam mit seinem Sohn Max, der auch Schauspieler ist. Dann aber hat der Zug über eine Stunde Verspätung, und eine Schauspielerin in„Tatort Totart“ist krank geworden. Koch und seine Kollegen werden zum Teil ihren Part übernehmen müssen.

Ein bisschen abgespannt wirkt Wolfram Koch, Dreitagebart, kunstvoll verstrubbeltes Haar, Ringelshirt, dunkle Hose, als er ins Besprechungszimmer im Schauspielhaus eilt und sich mehrfach für die Verspätung entschuldigt. Er lässt sich aber rasch beruhigen, als ihm versichert wird, dass die Verschiebung immerhin einen Spaziergang am See bei schönstem Wetter ermöglicht hat.

Er sei stolz auf seinen Sohn Max, sagt Wolfram Koch. Was die Berufswahl des Sohnes betrifft – da mache er sich als jemand, der denselben Beruf hat und um die Schwierigkeiten weiß, schon ein bisschen mehr Sorgen. Interessant sei aber, dass heute junge Schauspieler andere Wege gingen. „Sie entscheiden sich viel schneller, frei zu arbeiten“, sagt Koch. Er selbst hält es ähnlich. „Zu Beginn mit einem Gehalt in Frankfurt lebend und mit einer Familie mit Kindern war die Freiheit der Wahl nicht da“, sagt Koch. „Jetzt merke ich immer, dass ich oft bessere Laune habe als die Leute im Ensemble“.

Mehrmals im Jahr sieht man ihn im Fernsehen als Frankfurter„Tatort“-Kommissar Paul Brix. Biografisch verbindet ihn mit Brix nur die Liebe zu Frankreich. Brix ist Halbfranzose. Und Koch wurde 1962 in Paris geboren, wuchs die ersten Jahre in Paris auf, sein Vater arbeitete als Anwalt für die Nato. „Ich habe nur die schönsten Erinnerungen: Segelschiffchen schwimmen lassen, Ausflüge in die Bretagne.“ Die Ferien verbrachte er oft auch in Süddeutschland, „bei der Oma in Haigerloch“. Er kann sogar ein paar Sätze auf Schwäbisch – für Fortgeschrittene. Koch konzentriert sich, macht eine kleine Kunstpause, dann kommt’s: „,ha noi, am Fridach wiad koi Fleisch gegessä’, sagte sie, nachdem ich nur Geld für Marshmallow-Speck haben wollte.“

Beim Fernsehen wird gut bezahlt, seine große Liebe gehört aber dem Theater. Neben dem „Tatort“ auf der Bühne stehen zu können, das habe er sich vertraglich zusichern lassen. „Heute ist vielen Schauspielern das Filmen wichtiger als das Theater“, sagt Koch. „Wenn man sich trifft, dann erzählt jeder, was er dreht. Früher hat man das lieber verheimlicht.“

Seine Engagements sucht er sich nach den Regisseuren aus. Neben neuen Produktionen spielt er weiterhin mitSamuel FinziBecketts „Warten auf Godot“. Koch und Finzi erhielten für ihr Spiel den Gertrud-Eysoldt-Ring. Die Berliner Volksbühnenproduktion„Murmel Murmel“aus dem Jahr 2012 ist inzwischen ans Bochumer Schauspielhaus gekommen. Die Produktionen haben einige Jahre hinter sich. Widerspricht das nicht dem Diktum, Theater sei eine Kunst, die keine Haltbarkeit habe? Wolfram Koch widerspricht. „Es ist ja immer jetzt, wenn wir spielen. Kein Abend gleicht dem anderen, wir müssen uns immer und immer wieder neu finden.“ Mit dem „Murmel“-Regisseur Herbert Fritsch arbeitet er bis heute gerne. Zurzeit widmen sie sich mit „Tatort Totart“ einem Genre: dem Krimi. Zehn Schauspieler schlüpfen in der rasant choreografierten Show – ohne Kriminalfall – in die Rollen von Mördern, Opfern, Kommissaren. Allerdings ist hier am Ende nicht die gute Ordnung wiederhergestellt, Ermittlungen laufen ins Leere, wenn stereotype Sätze aus Krimis wieder und wieder einfach nur wiederholt werden: „Er kann’s nicht gewesen sein“ oder „Wo waren Sie gestern abend?“

Es spricht für Wolfram Kochs Ironiefähigkeit und Bescheidenheit, als einer von zehn bestens aufgelegten Darstellern neunzig Minuten lang das Genre hopps gehen zu lassen. „Uns geht es bei ,Tatort Totart’ nicht ums Provozieren, sondern darum, zu zeigen, was das Theater alles kann: sich die Freiheit zu nehmen, verschiedene Spielformen zu zeigen, andere Ausdrucksmöglichkeiten als das realistische Spielen auszuprobieren.“ Dass er durch das „Tatort“-Engagement nicht das Talent verloren hat, fiese Gestalten zu verkörpern, zeigt er im Schauspiel Frankfurt, wo er eine der bösesten Figuren der Theaterliteratur, Shakespeares Richard III, spielt – die Vorstellungen sind stets ausverkauft, und er wurde dafür 2018 für den „Faust“-Darstellerpreis nominiert.

Koch versucht keine One-Man-Show daraus zu machen. Er schlendert über die Bühne, wirkt ganz nahbar, und kaum je sieht man ihn so diabolisch greinend, wie man Richard schon allzu oft erlebt hat. Dennoch schaut man der Intrigenlust dieses Kerls um einiges gebannter zu als dem oft nicht minder abstoßenden Getue der Figuren, die er gegeneinander ausspielt. Präsenz und Charisma lassen sich eben nicht auf den Nullpunkt herunterspielen.

So gut, lustig, fies und diszipliniert er in größeren Ensembleabenden spielt, das konzentrierte Spiel, auch mit starken Partnern liegt Wolfram Koch.Margarita Broichals Kommissarin Anna Janneke ist so interessant wie Kochs Kommissar, wobei sein Paul Brix eine bisweilen mediokre Geheimniskrämerei an den Tag legt, gern mal auch die abgründigen, unsympathischen Seiten eines Ermittlers zeigt. „Meine Kollegin ist super!“, sagt Wolfram Koch, „Lustig, chaotisch, sehr geerdet, immer hungrig und eine sehr gute Spielerin.“

Auch wie Wolfram Koch mitUlrich Matthesam Deutschen Theater Berlin Becketts „Endspiel“ interpretierte – eine beglückende Erfahrung für viele Kritiker und Zuschauer, damals inszeniert vom gebürtigen Stuttgarter Jan Bosse. Demnächst gibt es eine Neuauflage des Dreamteams. Bosse inszeniert Cervantes’ „Don Quijote“ mit Matthes und Koch. Die Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin feiert im Sommer bei den Bregenzer Festspielen Premiere.

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.fernsehkrimis-totart-tatort-das-theater-schlaegt-zurueck.710e430f-069f-4f52-bc8f-db0a72a69ad1.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.drei-fragen-an-wolfram-koch-lieber-theater-als-tatort.2957f129-7ecd-4158-86ea-44c79be1feca.htmlhttps://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.tatort-vorschau-der-turm-aus-frankfurt-main-die-polizei-wird-rausgeschmissen.6a839277-f0fd-4a6f-90f0-93c3dbb971b6.html

Heute ist vielen Schauspielern das Filmen wichtiger als das Theater. Früher hat man das verheimlicht.

Wolfram Koch Schauspieler

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Erstellt:
4. April 2019, 03:14 Uhr

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