Konzert in Stuttgart
DeWolff und Blues Pills nehmen Fans mit in die 70er Jahre
In Schweden und den Niederlanden leben musikalische Traditionen fort. Zwei Bands schickten ihr Publikum am Samstag energisch zurück in die 1970er Jahre.
© Satellite June
DeWolff waren am Samstag zu Gast im Wizemann in Stuttgart.
Von Thomas Morawitzky
Vergeblich, sie aufzählen zu wollen, all die Bands der frühen 1970er Jahre, die da ins Gedächtnis kommen. Der Zuhörer mag einen Augenblick an Led Zeppelin denken, im anderen an die Allman Brothers, an Deep Purple oder auch einmal an Iron Maiden. Aber er befindet sich auf einem Konzert, das die Blues Pills und DeWolff sich teilen, die einen aus Schweden, die anderen aus den Niederlanden: Dort scheint die Zeit still zu stehen oder sogar rückwärts zu laufen, dort kümmert man sich nicht um Trends, sondern pflegt Traditionen. „Bring back the Holy Land“ liest man auf dem T-Shirt einer Konzertbesucherin – und in diesem gelobten Land, da krachen die Bluesriffs wie vor Zeiten, toben die Trommeln, donnert der Bass und Autotune ist noch nicht erfunden. Die beiden Bands, die das gut gefüllte Wizemann auf Touren bringen, am Samstagabend, wissen, wo sie ihre Musik holen. Und eines fehlt ihnen gewiss nicht: Energie.
Band gekleidet im Vintage Country-Style
DeWolff, zuhause in Geleen, eine Kleinstadt bei Maastricht, kurz vor der deutschen Grenze, gründeten sich 2008, haben seither ein Dutzend Studio-Alben veröffentlicht. Sie bestehen aus den Brüdern Luka und Pablo van de Poel an Schlagzeug und Gitarre und dem Keyboarder Robin Piso. Die Band ist gekleidet in einem Vintage Country-Style, Robin Piso hängt mit rabenschwarzem Bart über seinen Tasten und spielt, tatsächlich, eine Hammond-Orgel, die mit ihrem satten, heulendem, süffigen Sound durch die Musik von DeWolff rast und alleine schon als schwergewichtige Zeitmaschine fungiert. Luka van de Poel derweil bearbeitet gleich zwei Stand-Toms, treibt an mit tiefer Wucht, während Pablo van de Poel den Gitarrenhelden alten Zuschnitts gibt, im Zusammenspiel mit seinen Begleitern die Songs des Abends in weit ausufernde Improvisationen zerlegt, kräftige Soli mit splitternden Kaskaden krönt, den Gesang in langen Schreien aus sich selbst herauszieht, Töne mit kehliger Stimme hält. Und er kickt, ganz locker aus dem Stand, in die Luft bis weit über seine Nasenlinie. Er ist 35 Jahre alt.
Im Mosaik der rockenden Stilzitate von DeWolff kann kein Hörer sich sicher sein, gerade keine Cover-Version aus alter Zeit zu erleben – zwei solche Versionen jedoch sind zumindest im Programm. Ende 2025 veröffentlichte die Band ihr Album „Fuego“, darauf eine Version von „The Fan“ – das Original findet sich auf Little Feats viertem Album. DeWolff konnten für ihre Aufnahme Joe Bonamassa gewinnen - Pablo van den Poel schielt in Richtung Bühnenaufgang, aber nein: der Blues-Star aus den USA ist nicht etwa zu schüchtern, er kommt einfach nicht ins Wizemann. Dafür spielen DeWolff mit Dr. Johns „I walk on guilded Splinters“ eine weiteres Cover-Stück von ihrem jüngsten Album – und entlocken allen Fans von Ozzy Osbourne in der Zugabe einen ekstatischen Aufschrei, mit ihrer Version von „War Pigs“.
Als Blues Pills 2014 ihr Debüt-Album beim Label Nuclear Blast veröffentlichten, setzten sie schon mit ihrem Cover ein deutliches Zeichen: Das zeigte „Love Life“ (1966), einen Druck von Marijke Koger, die mit dem dänischen Design-Kollektiv „The Fool“ nicht nur für die Beatles arbeitete. Bei den Blues Pills schlägt das Energie-Level einiges höher noch als bei DeWolff an – dank Elin Larsson, einer schmalen Frau im knappen Kleid und hohen Stiefeln, die auf der Bühne umherfliegt als eine nicht endende Explosion fliegender Haare und gellender Stimme. Zweites beständiges Mitglied der Blues Pills von Anfang an ist Zack Anderson mit seinem schneidenden Gitarrensound – er ist 2025 zudem das letzte verbliebene männliche Mitglied der Band und überlässt die Bühne ganz der weißglühenden Raserei der Lead-Sängerin, der Bassistin Agnes Roslund, die hinter einer Wand aus dunklen Haaren lächelnd schwere Noten vor sich herschiebt, und er Schlagzeugerin Lina Anderberg, die die Musik voranpeitscht.
Blues Pills-Frontfrau singt sich im Wizemann in Form
Larsson singt sich in ihrer atemlos grellen Stimme während des Konzertes enorm in Form, lässt sich manchmal, leider zu selten, in die Tiefen einer Blues-Ballade fallen, kickt mit dem Bein noch höher in die Luft als Pablo van de Poel. Sie feiert im November 2026 ihren 38. Geburtstag – im Wizemann sieht man große Publikumsanteile, die längst erwachsen waren, als diese Sängerin geboren wurde, ergraute Männer, deren Augenbrauen sich staunend heben, wenn Elin Larsson mit scharfer Stimme singt: „I’m a proud Woman and I’m not the only one“.
Im Gegensatz zu DeWolff, die bei allem Können mitunter hinter ihren Vorbildern zu verschwinden scheinen, besitzen Blues Pills einen unverkennbar eigenen Sound, ihre Songs sind knapper, schneller, wilder. Zuletzt sind beide Bands auf der Bühne, die Orgel schwärmt, die Gitarren greifen in der Zugabe bei den nun schon klassischen Blues-Pills-Songs „Little Sun“ und „Devil Man“.
