Die älteste Boygroup im Land

Bands von hier In den 1960er-Jahren waren The Rollics erfolgreich, etwa als Vorband der Rattles. Doch dann trennte sich die Band. 2007 fanden die Musiker wieder zusammen – und starteten eine zweite Karriere.

The Rollics: Hans Bodo Hartmann, Rolf Stiegler, Wolfgang Eppler und Rainer Gluska (von links) treten wieder auf. Fotos: privat

© JPS JogiPics Jogi Ritter

The Rollics: Hans Bodo Hartmann, Rolf Stiegler, Wolfgang Eppler und Rainer Gluska (von links) treten wieder auf. Fotos: privat

Von Marina Heidrich

Burgstetten. Die wilden 60er. Die Haare der Jungs werden länger und die Röcke der Mädels immer kürzer. Die Musik verändert sich, in den 50ern entstand bereits die rebellische Grundlage einer Jugendkultur, die sich vor allem aus dem Blues entwickelt hatte: der Rock’n’Roll. Nun wuchsen auf dieser Basis immer neue musikalische Varianten, die Ära der Bands begann und hatte einen ersten weltweiten Höhepunkt mit den Beatles. In Deutschland dominieren zu dieser Zeit unter anderem die Lords und die Rattles, die sogar schon Anfang 1963 in England mit den Rolling Stones getourt haben, als diese dort noch relativ unbekannt waren. Auf einer Baden-Württemberg-Tour der Rattles spielt eine Vorband namens The Rollics. Mittendrin ein junger Mann mit Bassgitarre, modisch karierten Hosen und einem unschuldigen Kindergesicht – Rainer Gluska aus Erbstetten.

Dezember 2021. Lächelnd betrachtet der mittlerweile 75-jährige Gluska ein Schwarz-Weiß-Foto seiner damaligen Band. Kommen da bei dem Unternehmer aus Burgstetten nostalgische Gefühle auf? Nein – denn die Rollics sind noch immer aktuell und treten auf. Genauer gesagt: wieder. Nach einer erfolgreichen Zeit in den 60ern trennte sich die Band zunächst. Familie und Beruf, räumliche Abstände durch Umzüge der Mitglieder – all dies ließ keine Zeit mehr fürs Musikmachen.

So sahen die Rollics im Jahr 1967 aus. Heute noch dabei sind Hans Bodo Hartmann (Mitte links) und Wolfgang Eppler (daneben), rechts unten Rainer Gluska.

© The Rollics

So sahen die Rollics im Jahr 1967 aus. Heute noch dabei sind Hans Bodo Hartmann (Mitte links) und Wolfgang Eppler (daneben), rechts unten Rainer Gluska.

Rainer Gluska baut seine Firma auf, macht zwar nebenbei noch Tanzmusik, aber so ganz glücklich ist er damit nicht. Er hat nach wie vor den Blues und den Rock’n’ Roll im Herzen. Fast 40 Jahre nach ihrer Trennung treffen sich die ehemaligen Rollics 2007 auf der Geburtstagsfeier von Gluskas Ehefrau Anne wieder. Man beschließt, ein wenig herumzujammen. Die Instrumente werden eingestöpselt. Und sofort ist er wieder da, der alte Zauber. Das Gefühl, dass mit einem einzigen Akkord mal eben vier Jahrzehnte ausgelöscht sind. Die Rollics sind auferstanden. Und werden sofort aktiv. Nach einem Auftritt bei „Kaffee oder Tee“ im Fernsehstudio des SWR folgt eine CD.

Die zweite Karriere der Rollics startet. Auftritte beim Straßenfest in Backnang, dem Gaildorfer Bluesfest, mehrmals auf der Hauptbühne bei der Langen Schwenninger Kulturnacht sind nur einige Höhepunkte der vergangenen Jahre. Rainer Gluska kann es fast nicht fassen, dass bei den Auftritten der Rollics mehrere Generationen vor der Bühne tanzen. Es läuft wieder für Sänger Hans Bodo Hartmann aus Freiburg, Keyboarder Wolfgang Eppler aus Villingen-Schwenningen und Gluska.

Aber nicht immer war und ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Jedes Mitglied der Rollics hat schon schwere Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs hinter sich. Dann verstirbt auch noch überraschend ihr Drummer, was der Band menschlich sehr nahe ging. Musikalisch fand man hier mit Rolf Stiegler mehr als nur Ersatz. Stiegler ist in allen Genres der Musik zu Hause und hat nicht nur in der Backnanger Szene einen ausgezeichneten Ruf als herausragender Schlagzeuger. „Rolf spielt mit einer fast magischen Leichtigkeit und bringt sich voll ein. Obwohl er mit seinen 60 Jahren ja noch geradezu ein Küken ist“, lacht Rainer Gluska. Sänger Hans und Keyboarder Wolfgang sind mittlerweile 77, Gluska selbst hat dieses Jahr seinen 75. Geburtstag gefeiert.

Von ihren Fans werden die rockenden Senioren liebevoll als die „älteste Boygroup im Land“ bezeichnet, wie Gluska schmunzelnd erzählt. Dann wird er einen Augenblick sehr nachdenklich. „Irgendwie verlangsamt Musik den Alterungsprozess. Natürlich sind auch wir nicht unsterblich und ich bin mir sehr bewusst, dass unser letztes Lebensdrittel angebrochen ist. Und irgendwann fällt auch für mich der letzte Vorhang auf der Bühne des Lebens.“ Doch bis dahin hält sich Rainer Gluska an einen Spruch des großen Louis Armstrong: „Musiker gehen nicht in Rente. Sie hören auf, wenn sie keine Musik mehr in sich haben.“

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Erstellt:
27. Dezember 2021, 11:30 Uhr

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