Die Entdeckung verborgener Räume

Die Galerie der Stadt Backnang zeigt vom 26. September bis 15. November die Ausstellung „R.U.N.D.“ des Künstlers Vincent Tavenne. Der gebürtige Franzose aus Berlin macht den Besucher zum Mitspieler.

Vincent Tavenne im Chor der Galerie der Stadt Backnang. Rechts ist ein Teil einer begehbaren Stoffskulptur zu sehen. Foto: P. Wolf

Vincent Tavenne im Chor der Galerie der Stadt Backnang. Rechts ist ein Teil einer begehbaren Stoffskulptur zu sehen. Foto: P. Wolf

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Die Kunstwelt des Vincent Tavenne zu erobern, hat eine spielerische Dimension, genauso wie so mancher Arbeitsprozess des Künstlers. Der 1961 im französischen Montbéliard geborene Wahl-Berliner, der seit 1983 in Deutschland lebt, lässt uns die Galerieräume, insbesondere den Gotischen Chor, neu erleben. Die Architektur und die Kunstwerke scheinen Beziehungen miteinander eingegangen zu sein. Es hat den Anschein, als ob der Künstler vorhandene Formen des Gewölbes beziehungsweise Attribute des Ortes beispielsweise in der roten Kreisplastik an der Wand und dem mit Perspektiven und optischer Täuschung spielenden grauen Ring auf der gegenüberliegenden Seite aufnimmt. Auf Titel verzichtet Tavenne, den Betrachtenden werden alle Freiheiten der Interpretation gegeben.

Den Gotischen Chor setzt Tavenne faszinierend in Szene und gliedert ihn in neue Bereiche. Diese beziehen sich nicht nur auf den eigentlichen Raum, sondern zusätzlich auf neu hinzugekommene Räume innerhalb der begehbaren Zeltskulpturen. Neben dem Formalen steckt bei den textilen Arbeiten vor allem eines dahinter: „Es geht darum, dass man auch aneinander vorbeigehen kann, ohne sich zu sehen, aber man kann sich fühlen“, erklärt Tavenne bei einem Vorabrundgang. Betreten die Besucher die Skulpturen, werden diese zu Erlebnisräumen, die visuell und körperlich wahrnehmbar sind. Nicht die intellektuellen Zugänge zur Kunst sind zunächst gefragt, sondern sinnliche, elementare Erfahrungen von Körper und Raum. Das zunächst Verborgene gibt sein Geheimnis preis, wenn man sich in der Kulisse bewegt und sich auf den Weg macht nach von Künstlerhand geschaffenen Wirklichkeiten. Durch die Stoffbahnen wird „Architektur“ zum Beispiel beweglich.

Masken als Wandobjekte und ein kleines Welttheater.

Die an immer wieder neuen Orten funktionierenden, wie ein Zelt überall aufbaubaren architektonischen Raumkörper bilden einen Kontrast zu dem unverrückbaren Galeriegebäude. Von den beiden darüberliegenden Stockwerken aus werden kreisförmige Lichtöffnungen auf dem Dach einer der Skulpturen sichtbar. Die rote Farbe der Stoffbahnen im Innern hebt sich nun bei der Draufschau von den gebatikten, zerknitterten, weiß-blauen Bettlaken der Außenwände ab. Andererseits korrespondiert sie mit der Scheibe in Rot. Neben dem Kontrast zwischen Innen und Außen ist noch etwas augenfällig: Zwar sind die skulpturalen Konstruktionen hoch und ausladend, durch das textile Material kommen sie aber leicht daher.

Auch die Kugel aus Holz im Erdgeschoss der Galerie, die im übertragenen Sinn für ein Vehikel steht, ein Transportmittel, das einen in eine andere Welt bringt, hat ein Innenleben mit einer Hängematte, Büchern und einer kleinen Lampe, das es zu entdecken gilt.

Szenenwechsel: Im ersten Stock treffen wir auf eine Art Puppentheater inklusive begehbarem Backstage-Bereich. Den Bühnenvorhang schmückt ein blauer Kreis, der wie ein aus dem Weltall aufgenommenes Foto von der Erde daherkommt. An der Wand gegenüber hängen Masken – nicht nur in Form von Gesichtern, sondern auch in Form einer Pfeife, eines Pinsels oder einer Flasche. Hier spielt der Künstler mit wenig schmeichelhaften Bezeichnungen für Menschen wie Einfaltspinsel, Wurstgesicht oder eben Pfeife und Flasche. Dieses Welttheater der menschlichen Schwächen hat aber eher etwas Fröhliches denn etwas Sarkastisches an sich. Es wäre allerdings verwunderlich, hätte Tavenne hier nicht für ein Überraschungsmoment gesorgt. Schaut man sich die schwarze Rechteck-Maske näher an, blickt man dank eingebauten Spiegeln in die eigenen Augen. Es sieht so aus, als hätte die Maske diese eingesogen. Für eine kurze Zeit werden so die Augen des Betrachters Teil des Objekts. In das Spiel zwischen Wirklichkeit und Illusion wird der Besucher, ehe er sich’s versieht, direkt involviert.

Sowohl bei einer der Masken, als auch bei einer räumlich erfahrbaren Installation bezieht sich Tavenne augenzwinkernd auf ein französisches Klischee: Den Käse. Seine interaktive Käseskulptur aus gelbem Stoff, ergänzt durch ein Gehäuse, kommt dabei schon recht skurril daher. Legt man sich auf den weichen Skulpturenboden, eröffnen sich einem Durchblicke durch die „Käse“-Löcher. Vielleicht sieht man ja auch jemanden vorbeilaufen, den man am liebsten als Miststück, Blödmann oder Neidhammel bezeichnen möchte – das wäre wieder so eine Begegnung der nicht ganz ernst zu nehmenden Art – angestachelt durch des Künstlers Objekte gleich nebenan mit ebensolchen Worten.

Als Tavenne begonnen hatte, künstlerisch zu arbeiten, spielten durchaus die französischen Exportschlager Mode und Essen eine tragende Rolle. So fing der Franzose an, mit Stoff zu arbeiten, irgendwann kam dann der Käse dazu. Die Ideen, die seinen Arbeiten zugrundeliegen, sind genauso vielschichtig wie seine Techniken. Diese reichen bis hin zu Aquarellen, die während der Coronazeit entstanden sind, oder einem zwanzigteiligen Holzdruck mit Flammenmotiv, der japanischen Holzdrucken mit Höllen-Visionen nachempfunden ist.

Wer möchte, kann sogar für schmales Geld einen Druck mit nach Hause nehmen, der sich auf den Ausstellungstitel „R.U.N.D.“ bezieht. Neben dem Bild eines Objektes aus Kreisen finden sich dort Worte, die mit den Buchstaben R, U, N und D beginnen.

Kunstgespräche sind möglich

Eine Veranstaltung zur Eröffnung der Ausstellung, wie sonst in der städtischen Galerie üblich, wird es aufgrund der aktuellen Lage nicht geben. Der Künstler sowie Galerieleiter Martin Schick werden am ersten Öffnungstag, am Samstag, 26. September, spätestens ab 17 Uhr anwesend sein. Die Arbeiten sind schon ab 14 Uhr zu sehen. Zur Ausstellung gibt es einen Katalog.

Die regulären Öffnungszeiten der Galerie sind Dienstag bis Freitag von 17 bis 19 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 19 Uhr. Der Einlass zur Ausstellung ist nur mit Mund-Nasen-Schutz gestattet.

Am Samstag, 10. Oktober, 10 bis 13 Uhr, gibt es unter dem Titel „Rund oder eckig?“ eine Kunstaktion für Kinder von sechs bis zehn Jahren mit Barbara Kastin (maximal sechs Teilnehmer), Kosten 12 Euro, Anmeldung bis 7. Oktober unter der Telefonnummer 07191/ 894-477. Am Samstag, 7. November, von 10 bis 13 Uhr, heißt es „Außenhaut und Innenansicht“. Die Kunstaktion mit Barbara Kastin ist für Jugendliche von elf bis fünfzehn Jahren geeignet (sechs Teilnehmer), Kosten 12 Euro, Anmeldung bis 4. November unter 07191/ 894-477.

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Erstellt:
25. September 2020, 06:00 Uhr

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