Die Erforschung der Welt und des Bildraums

Die Galerie der Stadt Backnang zeigt von 24. September bis 28. November die Ausstellung „mind and matter“ von Simone Lucas. Die aus Neuss stammende Künstlerin entführt die Betrachter mit erzählerischem Gestus in eine Welt, in der auch die Malerei selbst reflektiert wird.

Simone Lucas vor dem Bild „Die Schläfer“ aus dem Jahr 2008. Mit der Figur, die man von hinten sieht, hat sie sich selbst ins Bild gebracht.

© Alexander Becher

Simone Lucas vor dem Bild „Die Schläfer“ aus dem Jahr 2008. Mit der Figur, die man von hinten sieht, hat sie sich selbst ins Bild gebracht.

Von Ingrid Knack

Backnang. Sven Kroner hat vor vier Jahren in der Galerie der Stadt Backnang großformatige Landschaften ausgestellt, nun wurde seine Ehefrau Simone Lucas nach Backnang eingeladen. Beide studierten an der Düsseldorfer Kunstakademie in der Klasse von Dieter Krieg, teilen sich ein Atelier, haben aber jeweils zu einem ganz eigenen gegenständlichen Stil gefunden.

„Anspielungsreich und spielerisch werfen die Bilder von Simone Lucas immer wieder überraschende Zusammenhänge auf“, so Galerieleiter Martin Schick. Und er nennt ein Beispiel: „Durch eins der Bilder läuft die berühmte Katze aus dem Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger.“ Von dessen Buch „Geist und Materie“ ist auch der Ausstellungstitel „mind and matter“ entlehnt worden. Die zeitlosen Figuren, die den Weltenraum erforschen, erkunden mit ihren Vermessungen gleichzeitig die Fläche, in der sie stehen, den Bildraum. So messen die Kinder an den immer wieder als Motiv auftauchenden Schultafeln mit Linealen nicht nur das Planetensystem aus, sondern auch die Fläche des Gemäldes. Damit reflektieren sie auf einer zweiten Ebene ihre eigene Entstehung, die Malerei, sagt die Künstlerin bei einem Vorabrundgang. „Ich benutze Geschichten als Einstieg, um die Malerei selber zu behandeln. Die Geschichte löst sich in Malerei auf.“

In „Die Schläfer“ von 2008 hat sich die Künstlerin selbst verewigt. Als Rückenfigur, die das auf die Tafel gezeichnete Bild mit den Händen berührt. In einer Präsentation im Zusammenhang mit einer Ausstellung 2021 in der Neuen Galerie Gladbeck sagte sie dazu: „Es sieht fast so aus, als wollte die Figur das Bild daran hindern, die Leinwand zu verlassen.“

Die Malerei an sich bezeichnet Simone Lucas auch als virtuellen Vorstellungsraum, in dem zusammenkommen kann, was normalerweise nicht nebeneinander steht. So entstanden nach den Schultafelbildern Gemälde, die ganze Klassenzimmer oder Ateliers zeigen, in denen selbst ganze Landschaften inklusive Wolken ihren Platz haben. Es kommt zu Verschmelzungen auf der Leinwand von Innen und Außen. Man kann auch sagen: Träume und die Kunst funktionieren hier gleich. Sie sind gekennzeichnet durch Überlagerungen. Neben dem Schultafel-Motiv, das perfekt in die Backnanger Galerie passt, die einmal ein Schulhaus war, tauchen zudem immer wieder Labyrinthe auf. Wie in „Kosmologhia“ von 2015. Dort läuft ein Junge mit einer Wünschelrute über ein auf den Boden gezeichnetes Labyrinth. Thematisiert wird damit die Suche nach dem Weg über die Bildfläche.

Zu sehen sind Arbeiten von 2008 bis heute. Während der Lockdowns holte sich Lucas einmal mehr die ganze Welt in die Bilder, ging mental auf Reisen. Nun sind die Farben nicht mehr verhalten, vielmehr eröffnet sich eine bunte, irreale Welt, in der ein Wal lächelt und ein Rotkehlchen einen schönen Farbtupfer liefert.

Das Bild „mind and matter“ zeigt eine Ateliersituation, bei der es um das Nachdenken über das Wesen der Malerei geht. Parallel dazu ist die Katze (Schrödingers) in verschiedenen Zuständen zu sehen: Als Tier, als Schatten, als gemaltes Bild, als Zeichnung. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Das Bild „mind and matter“ zeigt eine Ateliersituation, bei der es um das Nachdenken über das Wesen der Malerei geht. Parallel dazu ist die Katze (Schrödingers) in verschiedenen Zuständen zu sehen: Als Tier, als Schatten, als gemaltes Bild, als Zeichnung. Fotos: A. Becher

Heute ist Vernissage

Zur Eröffnung der Ausstellung „mind and matter“ von Simone Lucas am heutigen Freitag, 24. September, um 20 Uhr, in der Galerie der Stadt Backnang, Petrus-Jacobi-Weg 1, sind alle Interessierten eingeladen. Die Ausstellung ist bereits ab 17 Uhr geöffnet. Stadträtin Ute Ulfert, erste ehrenamtliche Stellvertreterin des Oberbürgermeisters, wird die Anwesenden begrüßen. Galerieleiter Martin Schick führt dann in die Ausstellung ein. Es gilt die 3-G-Regel. In der Galerie muss eine medizinische Maske getragen werden. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von 17 bis 19 sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 19 Uhr. Am Feiertag, 1. November, ist von 14 bis 19 Uhr offen.

Simone Lucas, geboren 1973 in Neuss, studierte von 1995 bis 2002 an der Kunstakademie Düsseldorf und war Meisterschülerin von Professor Dieter Krieg. 2020 erhielt sie ein Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds.

Begleitprogramm: Samstag, 2. Oktober, 10 bis 13 Uhr, „Malen mit Schrift“, Kunstaktion für Kinder von sechs bis elf Jahren, mit Barbara Kastin (maximal 7 Teilnehmende), Kosten 12 Euro, Anmeldung bis 30. September unter 07191/894477 oder galerie-der-stadt@backnang.de. Am Samstag, 23. Oktober, von 10 bis 13 Uhr, Kunstaktion für Jugendliche von 12 bis 17 Jahren, mit Barbara Kastin unter dem Titel „Die Vermessung der Welt“. Beide Workshops kosten je 12 Euro, bis 21. Oktober kann man sich für den zweiten Workshop anmelden.

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Erstellt:
24. September 2021, 06:00 Uhr

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