Die Primadonna und der russische Dichter

Starker Schlussapplaus und eine Zugabe nach literarisch-musikalischem Abend im Backnanger Bürgerhaus. Die ungarische Mezzosopranistin Györgyi Dombrádi, der Pianist Lambert Bumiller und der Schauspieler Siemen Rühaak als Sprecher begeisterten das Publikum.

Mezzosopranistin Györgyi Dombrádi aus Ungarn trat im Walter-Baumgärtner-Saal auf, begleitet vom Pianisten Lambert Bumiller. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Mezzosopranistin Györgyi Dombrádi aus Ungarn trat im Walter-Baumgärtner-Saal auf, begleitet vom Pianisten Lambert Bumiller. Foto: J. Fiedler

Von Miklós Vajna

Backnang. Man kann sich die im Konzert aufgeführten Liedkompositionen von Pauline Viardot-Garcia sehr gut in den musikalisch-künstlerischen Salons des 19. Jahrhunderts vorstellen. Es ist eine Musik, die in gekonnter Weise sowohl für Kenner wie auch Liebhaber funktioniert. Die Eigenarten der verschiedenen landestypischen Musikstile werden charakteristisch adaptiert und in immer neuen Abwandlungen zu schlüssigen und vielfältigen Kompositionen verbunden. Dabei ist Viardots große Erfahrung als eine der berühmtesten Konzert- und Opernsängerinnen des 19. Jahrhunderts bei der Melodieführung von großem Vorteil und hörbar.

Die Erzählung „Der Sänger“ aus den „Aufzeichnungen eines Jägers“ – ein Zyklus von mehr als 20 Skizzen und Erzählungen – von Iwan Turgenjew beschäftigt sich, neben ausgedehnten Beschreibungen des Orts und der darin agierenden Menschen, mit der Frage, welcher Künstlertyp der bessere sei: der extrovertierte Virtuose, der mit überraschenden Fähigkeiten und waghalsigen Kapriolen die Zuhörer verblüfft und mitreißt, oder der unsichere, in sich gekehrte Sensible, der, beim öffentlichen Vortrag getragen von seinen seelischen Vorgängen, die Herzen ebenjener Zuhörer berührt und verzaubert. Siemen Rühaak, der auch die verbindenden Texte sprach und viele Informationen über Pauline Viardot-Garcia, ihre Zeit und ihre Männer lieferte, trug diese Erzählung mit vollem Engagement, anrührend und unter Benutzung verschiedener Stimmen vor und fesselte die Aufmerksamkeit der Zuhörer bis zum letzten Wort. Großer Applaus.

Nach der schlaflos verbrachten Nacht die Erlösung durch Morgenglocken

Mit dunkel gefärbtem Timbre, ausdrucksstarker Gestik und Mimik brachte die Sängerin Györgyi Dombrádi dem Backnanger Publikum die Verschiedenartigkeit der einzelnen Lieder nahe. Lang ausgesungene Kantilenen wechselten mit rhythmischen Melodieteilen. Beeindruckend war ihre Interpretation des Lieds „ In der Frühe“ nach einem Gedicht von Eduard Mörike: nach der dunklen, schlaflos sich wälzend verbrachten Nacht endlich die Erlösung im hellen Klang der Morgenglocken.

In den Klavierbegleitungen zu den Liedern wurde deutlich, dass Pauline Viardot-Garcia auch eine sehr gute Pianistin war; immerhin war sie Schülerin von Franz Liszt, hat die besten Pianisten ihrer Zeit gehört, kannte viele Komponisten der Romantik persönlich und konnte alle Anregungen in den Klavierpart einfließen lassen. Diese Vielfältigkeit, Variabilität und präzise Charakteristik setzte der Pianist Lambert Bumiller in seiner Klavierbegleitung überzeugend und gefühlspräzise um und bot eine hervorragende, tragende und unentbehrliche musikalische Unterstützung. Als Dank für die dunkelroten, langstieligen Rosen, die Johannes Ellrott nach dem starken Schlussapplaus am Veranstaltungsabend, der unter dem Titel „Die Primadonna und der russische Dichter“ stattfand, überreichte, gab es noch eine Zugabe.

Blaues und goldenes Lichtvor einem breiten Zebramuster

Zu Beginn der Veranstaltung im Backnanger Bürgerhaus waren die Zuschauer nach den notwendigen peniblen Kontrollen des professionellen Securityteams im Eingangsbereich im Walter-Baumgärtner-Saal von einem interessanten Vorhanglicht empfangen worden: Blau und Gold vor einem breiten Zebramuster. Auch im weiteren Programmverlauf spielte das Licht immer wieder eine atmosphärisch unterstützende Rolle.

Wie Kulturamtsleiter Johannes Ellrott in seiner launig-lockeren Begrüßung ausführte, ermöglicht die konsequente Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen endlich wieder einen beglückenden Kulturbetrieb, und auch Siemen Rühaaks persönlicher Einschub nach der Pause ging in diese Richtung: Er könne es kaum erwarten, endlich wieder auf maskenfreien Gesichtern die vielfältigen Reaktionen als wertvollen Lohn seines künstlerischen Bemühens zu sehen.

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Erstellt:
3. November 2021, 06:00 Uhr

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