Die skurrile Welt der Posenden

Bronzeskulpturen des Korber Bildhauers Guido Messer sind vor dem Steinhauermuseum Mühlbach zu sehen.

„Maskiert“. Die Herren mit den Fliegen hatten 1982/1983 ihren ersten Geburtstag. Fotos: I. Knack

„Maskiert“. Die Herren mit den Fliegen hatten 1982/1983 ihren ersten Geburtstag. Fotos: I. Knack

Von Ingrid Knack

KORB/EPPINGEN. Die Verwandten der vor dem Backnanger Rathaus beheimateten Claqueure sind viel herumgekommen. Reisen gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, bevor sie dann doch an einem besonderen Ort sesshaft werden. Noch ist es nicht so weit für die Figuren, die auf dem Platz vor dem Steinhauermuseum in Mühlbach, einem Stadtteil von Eppingen im Landkreis Heilbronn, zu sehen sind.

Das Steinhauermuseum im ehemaligen Mühlbacher Rathaus ist eigentlich, wie der Name schon sagt, ein kleines Museum zur Geschichte des Steinhauerhandwerks. Wenn Kunstwerke in das Haus einzogen, dann waren diese meist aus Sandstein. Doch Abwechslung macht das Leben süß. Warum also nicht mal einen Bronzekünstler einladen, hatte sich Manfred Holz, Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins (HVV), gedacht, der sich schließlich mit Guido Messer in Verbindung setzte. Mit dem Erfolg, dass nun vor dem Museum sowie in der Galerie eine Schau mit Plastiken des Korber Künstlers präsentiert wird, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert. Im Museum konzentriert man sich auf das kleine und mittlere Format. Wenn die Coronainzidenzen eine Museumsbesichtigung zulassen, ändert sich auch das einsame Leben dieser Mächtigen, Schönen, Blasierten oder der Zweite-Reihe-Klone der Chefs.

Begegnung mit alten Bekannten.

Im stets zugänglichen Außenbereich stehen einige Arbeiten, die treue Besucher der „Köpfe am Korber Kopf“ schon kennen. Zum Beispiel die blasierten „I Grandi“ in Rot, zwischen denen trotz ihrer Konformität ein (Höhen-)Unterschied besteht. Der Nachfolger muss noch warten. Doch er hat sich schon mal angepasst und seine Individualität im Uniformladen abgegeben. Oder auch „Die Großen“, die auf einem solch hohen Podest thronen, dass sie ganz klein erscheinen. Die Poser, die Bestimmer, die Angepassten bekommen den Spiegel vorgehalten.

Guido Messer spielt das Spiel mit der Ironie so geschickt, dass er einem das Nachdenken über gesellschaftliche Aspekte leicht macht. Denn zunächst einmal faszinieren die Figuren ob ihrer Schrägheit, der karikaturhaften Züge und der (Handwerks-)Kunst. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Messer gesellschaftliche Themen kritisch kommentiert und nicht Individuen, sondern Typen ins Rampenlicht stellt, denen man in den unterschiedlichsten Lebensbereichen begegnet. Selbst das vordergründig so lieblich und entspannt daherkommende Gesicht „La faccia“ ist keine Kreatur aus einer Wohlfühloase. Messer hat auch Menschen in ihren Zwängen im Blick. Menschen, die den Versprechen der Werbung ausgesetzt sind – zum Beispiel in der Schönheitsindustrie. Für sie steht das Gesicht „La faccia“. Die Arbeit war übrigens sowohl bei den neunten als auch bei den zehnten Korber Köpfen zu sehen. Bürger hatten aus den Messer-Werken der ersten neun Korber-Köpfe-Ausgaben zur Jubiläumsrunde 2016/2017 diese Arbeit ausgewählt.

Die ursprünglich für 2020 geplante und wegen Corona verschobene Skulpturenschau von Guido Messer in Mühlbach wird noch bis 31. Oktober zugänglich sein. In der Reihe „Skulpturen-Spaziergang“ können Interessierte mit Guido Messer und Peter Riek, Leiter der Eppinger Museen, am 7. Juli um 18 Uhr in Mühlbach in die Welt der „messerscharfen“ Kunst eintauchen.

Auch im nächsten Jahr wird Guido Messer in Eppingen vertreten sein. Dann mit Exponaten auf dem Gartenschaugelände. Dazu zählt das „Blaue Nashorn“, das schon in Weissach im Tal zu bewundern war. Weitere Leihgaben Messers für die wegen der Pandemie ins Jahr 2022 verschobene Gartenschau sind die Skulpturen „Auf Rollen“, „Kipp-Loren“ und „Kröte auf Kissen“. Diese befinden sich nach Aussagen von Vanessa Heitz, Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Gartenschau Eppingen, im eingezäunten Geländeabschnitt „Bachwegle“ (westlicher Geländeteil). Das schon für die Gartenschau hergerichtete Gelände ist aber eingezäunt. Dies ist zum einen aus steuerrechtlichen Gründen notwendig. Zum anderen soll das Areal vor Vandalismus und Vermüllung geschützt werden. Ein schönes Kunsterlebnis im Hauptort Eppingen bieten aber schon jetzt die Skulpturen von Gunther Stilling im Stadtraum und die Werke von Rüdiger Seidt im Museum „Alte Universität“.

„Blaumann“ aus dem Jahr 1995. Bronze, Stahl, Lackfarbe.

„Blaumann“ aus dem Jahr 1995. Bronze, Stahl, Lackfarbe.

„I Grandi“ von 2007.

„I Grandi“ von 2007.

„La faccia – Das Gesicht“ von 2014/2015.

„La faccia – Das Gesicht“ von 2014/2015.

„Mit Schal“ von 2007. Die Idee eines Abdrucks, den ein Mensch hinterlässt, schwingt hier mit.

„Mit Schal“ von 2007. Die Idee eines Abdrucks, den ein Mensch hinterlässt, schwingt hier mit.

Kurator der Korber Köpfe

Guido Messer wurde 1941 in Buenos Aires geboren. Zwischen 1958 und 1966 absolvierte er eine Goldschmiedelehre und besuchte die Kunst- und Werkschule Pforzheim. Von 1966 bis 1971 studierte er Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und machte auch eine Lehre als Kunstgießer.

Von 1970 bis 1982 arbeitete er neben seiner Bildhauerei zudem als Werklehrer. Im Jahr 1982 erhielt er ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. 1982/83 folgte ein Stipendium des Landes Baden-Württemberg an der Cité Internationale des Arts, Paris.

Guido Messer arbeitet seit 1982 als freier Bildhauer. Im Jahr 2000 startete sein Projekt Skulpturenpark „arte e sapori“ in Sassetta/Italien. Seit 2006 ist Messer ehrenamtlich Kurator des Skulpturenrundwegs „Köpfe am Korber Kopf“ mit jährlich wechselnden Exponaten. 2007/2008 führte ein Spaziergang rund um den Korber Kopf erstmals auch zur Kunst. Nur im ersten Coronajahr 2020 durften die Arbeiten aus der Vorgängerrunde noch ein weiteres Jahr stehen bleiben. Messer lebt und arbeitet in Korb und in Sassetta.

Im Steinhauermuseum in Eppingen-Mühlbach stellt Messer 16 Skulpturen aus 45 Schaffensjahren aus. Geöffnet ist, so es die Coronazahlen erlauben, sonntags von 14 bis 16 Uhr oder auf Anfrage. Für den Skulpturenrundgang am 7. Juli um 18 Uhr kann man sich unter der Telefonnummer 07262/920-1118 anmelden.

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Erstellt:
28. Mai 2021, 06:00 Uhr

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