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Die Spur der Scholls führt nach Backnang

Künstlerin Renate S. Deck zeigt in der Kapelle des Stadtfriedhofs die Verbindung Hans und Sophie Scholls zur Stadt auf

Flugblätter in zeitgemäßer Form schmücken die Kapelle, als Renate Deck an die Geschwister und Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl erinnert. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Flugblätter in zeitgemäßer Form schmücken die Kapelle, als Renate Deck an die Geschwister und Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl erinnert. Foto: A. Becher

Von Uta Rohrmann

BACKNANG. Die Friedhofsglocke wurde geläutet. Dann stimmte Rolf Schobert die Zuhörer mit digitalen, sphärischen Klängen am Synthesizer auf die Thematik ein. Anna-Maria Birkelberger und Jan Wendel trugen das „Lied der weißen Rose“ vor. Zu ihrem Vortrag hatte die Künstlerin Renate S. Deck auf dem Altarstein 21 in liebevoller Kleinarbeit selbst gehäkelte und zusammengenähte weiße Rosen ausgelegt. 21 ist das Alter, in dem Sophie Scholl sterben musste, weil sie ihrem Gewissen folgte und im Nationalsozialismus für Freiheit und Menschlichkeit eintrat. Und in Backnang fand die 21. Veranstaltung der Aktion „100 weiße Rosen. 100 DenkOrte“ statt. In Forchtenberg, dem Geburtsort von Sophie Scholl, sollen zu deren 100. Geburtstag dann 100 textile weiße Rosen an die bis dahin 100 „DenkOrte“ überreicht werden.

Bereits seit 30 Jahren folgt die Referentin den Spuren von Hans und Sophie Scholl – in erster Linie anhand originaler Zeugnisse sowie in Gesprächen mit Zeitzeugen. „Sich mit ihnen zu beschäftigen, ist Gewinn. Ihre Tagebücher und Briefe sind ein Füllhorn, ein Findbuch philosophischer Gedanken, Auseinandersetzung, Tiefe und Freude. Immer wieder ist man von Aussagen darin berührt angeregt, verwundert“, so Deck. „Liebe Lisa“ laute die Anrede immer wieder, darunter auch im letzten veröffentlichten Brief von Sophie Scholl. Wer war diese Lisa? „Die Spur führt nach Backnang“, verriet die Referentin, die zunächst aber auf die Familie von Hans und Sophie einging, aus der zuerst sie „ihre Kraft des Handelns“ geschöpft hätten.

Sowohl die Mutter, eine ehemalige Diakonisse, die sie liebevoll christlich erzogen habe, als auch der Vater, liberal politisch denkend und handelnd und von 1920 bis 1930 Stadtschultheiß von Forchtenberg, hätten eine Atmosphäre gefördert, in der die Kinder lernten, ihre Gedanken und Gefühle frei auszudrücken. Das Gespräch und das Ringen umeinander in der Familie sei auch nicht abgerissen, als die jugendliche Geschwisterschar sich für die Hitlerjugend begeisterte – was die Eltern sehr geschmerzt habe. Sophie habe sich sogar im braunen Hemd konfirmieren lassen. „Erst nach 1937 begann für die Scholls eine Art Wende, ausgelöst durch persönliche Erlebnisse und den damit einhergehenden Fragen nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit, denen sie sich stellten.“ Neben der Gesprächskultur habe auch das offene Haus der Scholls eine wichtige Rolle gespielt. Menschen waren willkommen „wie Otl Aicher, der Freund des Bruders Werner, der kein Abitur machen konnte, weil er nicht in die Hitlerjugend eintreten wollte“, berichtete Renate Deck.

Dann hätten sie erfahren, dass sogenanntes „lebensunwertes Leben“ in Grafeneck vergast wurde, bekamen mit, was mit jüdischen Menschen geschah und stellten sich dem. Kraft fanden Hans und Sophie auch durch eine „intensive Naturverbundenheit“, so Deck, sowie über Musik und Literatur. Nach Aufnahme ihres Studiums in München gehörten Hans und Sophie zu Lesekreisen, in denen sie sich mit Gleichgesinnten austauschten. Nach einer Lesung des von den Nazis verbotenen Philosophen Theodor Haecker im Sommer 1942 entstanden die vier ersten Flugblätter, die in 100 Exemplaren verschickt oder verteilt wurden, nach dem Fronteinsatz in Russland 1943 entstanden kurz hintereinander das 5. und 6. Flugblatt in jeweils 10000 Exemplaren. „Beim Verteilen des 6. Flugblatts in der Ludwig-Maximilian-Universität wurden Hans und Sophie erwischt, verhört, inhaftiert und vier Tage später, am 22. Februar 1943 zusammen mit ihrem Freund Christoph Probst, durch das Fallbeil im Minutentakt ermordet.“

Die biografische Spurensuche führte auch nach Backnang zu Lisa Remppis. Eine intensive Freundschaft habe Sophie und Lisa verbunden. Die Familie Remppis lebte im selben Haus von Tante „Leber“, der älteren Schwester von Sophies Mutter, die in Backnang ein Delikatessengeschäft führte. Lisa sei außerdem die erste Liebe von Hans gewesen. Auch die Erwachsenen beider Familien seien untereinander verbunden gewesen.

Berufsschüler gestalteten moderne Flugblätter

„Was die Scholls noch mit Backnang verbindet ist der Bruder der Mutter, Fritz Müller, der hier ein Baugeschäft leitete, ein wichtiges Unternehmen der Stadt.“ Familie Kübler aus Backnang habe ihr von diesen Beziehungen berichtet, auch davon, dass Fritz Müller drei kleine Töchter hinterließ, also Cousinen der Schollkinder, die sich gegenseitig in den Ferien besuchten, so die Referentin.

Im Rahmen des Vortrags las der Ehemann der Referentin historische Briefe und präsentierte die Flugblätter der Weißen Rose. Flugblätter in zeitgemäßer Form hatten rund 40 Schüler des Berufskollegs Grafikdesign an der Stuttgarter Johannes-Gutenberg-Schule gestaltet – Aufrufe, das Wahlrecht wahrzunehmen, für Freiheit und Demokratie einzutreten, wurden auf eindrucksvolle Weise in Text und Bild zusammengebracht, sprachlich inszeniert und auf eine Leinwand projiziert. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Lage müssten „wesentliche Punkte der freiheitlichen Grundordnung wieder ins Bewusstsein gerufen werden“, so Ernst Hövelborn vom Heimat- und Kunstverein, welcher mit dem Arbeitskreis „Erinnern und Gedenken“ zu der Veranstaltung in die Kapelle des Stadtfriedhofs eingeladen hatte.

Unter dem Motto „Erinnern und Gedenken“ nannten Frank Ehret und Willy Lachenmaier die Namen von 31 Backnanger Bürgern, die 1934 im KZ Kuhberg Ulm drei Monate lang in „vorbeugende Schutzhaft“ genommen wurden, darunter Hermann Lachenmaier, der Urgroßvater des jungen Backnangers.

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Erstellt:
1. Juli 2019, 11:30 Uhr

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