Filmfestival Cannes

Die unverhoffte Leichtigkeit des Kinos

Bei den 77. Filmfestspielen von Cannes geht die Goldene Palme an die Tragikomödie „Anora“ des US-Regisseurs Sean Baker – und damit an den Favoriten für die Preisverleihung. Doch es gibt einen anderen Film, der die Siegertrophäe noch mehr verdient hätte.

Der Hauptpreis ging mit Sean Bakers „Anora“  an einen Mann –  doch die Gewinnerfilme   in Cannes erzählen allesamt von starken Frauen.  Gleich vier Schauspielerinnen – Selena Gomez, Zoe Saldana, Karla Sofía Gascón und Adriana Paz (v. li.) – teilen sich den Preis als beste Darstellerinnen.

© Imago/Capital Pictures//Rick Gold/

Der Hauptpreis ging mit Sean Bakers „Anora“ an einen Mann – doch die Gewinnerfilme in Cannes erzählen allesamt von starken Frauen. Gleich vier Schauspielerinnen – Selena Gomez, Zoe Saldana, Karla Sofía Gascón und Adriana Paz (v. li.) – teilen sich den Preis als beste Darstellerinnen.

Von Patrick Heidmann

Die Goldene Palme der 77. Internationalen Filmfestspiele von Cannes, die am Samstagabend an den Regisseur Sean Baker verliehen wurde, ist die erste für einen US-amerikanischen Film seit Terrence Malicks „The Tree of Life“ 2011 – und durchaus eine interessante Entscheidung.

Von einer echten Überraschung kann man vielleicht nicht sprechen: Seit der Weltpremiere zur Festivalmitte gehörte „Anora“ zu den Favoriten für die Preisverleihung; wenige Filme hatten im diesjährigen Programm für derart einhellige Begeisterung gesorgt wie Bakers. Gerade durch die Tatsache, dass es in der Geschichte über die titelgebende Stripperin viel zu lachen gibt, stach „Anora“ aus den 22 Filmen im Wettbewerb heraus. Auch die Jury, zu der neben der Vorsitzenden Greta Gerwig auch Stars wie Eva Green, Lily Gladstone oder Omar Sy und Regisseure wie Nadine Labaki, Hirokazu Koreeeda und J.A. Bayona gehörten, schien Gefallen daran zu finden, inmitten etlicher tragischer Schicksale mit so viel unverhoffter Leichtigkeit konfrontiert zu werden.

Geschichten über Menschen am Rande der Gesellschaft

Für Baker, der sich in seiner Dankesrede vor seinen Kollegen Francis Ford Coppola und David Cronenberg verneigte und vor allem die Kinoleinwand als den Ort pries, an dem Filme ihre Zukunft haben, ist die Auszeichnung die Erfüllung eines seit 30 Jahren gehegten Traums, wie er zu Protokoll gab.

Die Goldene Palme ist aber auch die konsequente, vorläufige Krönung einer erstaunlichen Karriere. Seit 25 Jahren erzählt der Amerikaner mit minimalen Budgets und viel Authentizität Geschichten über Menschen am Rande der Gesellschaft, nicht selten aus unterschiedlichen Bereichen der Sexarbeit. „Tangerine L.A.“ etwa, der ihm 2015 größere Aufmerksamkeit in der Festivalszene einbrachte, drehte Baker komplett auf einem I-Phone. Zwei Jahre später feierte „The Florida Project“ in einer Nebenreihe in Cannes Premiere und bescherte Willem Dafoe eine Oscar-Nominierung, 2021 folgte mit „Red Rocket“ die erste Einladung in den Wettbewerb an der Croisette.

„Anora“ ist nun mit Blick auf seine Mischung aus Realismus und Pop-Ästhetik Bakers bislang versierteste Arbeit, und vom Spiel (nicht zuletzt der Hauptdarstellerin Mikey Madison) über die Bilder bis zum Soundtrack so gelungen, dass man an der Entscheidung der Jury kaum mäkeln mag. Zumal Baker auch in Cannes wieder bewies, dass es wenig sympathischere, bescheidenere Filmemacher gibt als ihn.

Dass es mit Mohammad Rassulofs „The Seed of the Sacred Fig“ einen Film gab, der die Goldene Palme noch mehr verdient hätte, muss dennoch erwähnt sein. Kein Werk war in diesem Jahr so packend, so dringlich und so zeitgemäß wie dieses Familiendrama vor dem Hintergrund der nicht zuletzt von jungen Frauen vorangetriebenen Proteste gegen das iranische Regime. Ganz übersehen hat die Jury das Meisterwerk des jüngst aus seiner Heimat geflohenen Regisseurs nicht – und verlieh ihm einen Spezialpreis.

Vier Kolleginnen teilen sich den Preis für die beste Darstellerin

Ansonsten gab es an den Entscheidungen rein gar nichts auszusetzen. Das berührende, auf unkitschige Weise poetische Drama „All We Imagine As Light“ der Regisseurin Payal Kapadia erhielt den Großen Preis der Jury, als erster indischer Film überhaupt. Und während der Portugiese Miguel Gomes für „Grand Tour“ nach langen Jahren als Kritikerliebling nun mit dem Regiepreis auch endlich mal auf großer Bühne geehrt wurde, erhielt Jacques Audiards wilde Mischung aus Kartell-Thriller, Trans-Selbstfindung und Musical sogar zwei Preise: „Emilia Pérez“ bescherte ihm den Jury-Preis und seinen Schauspielerinnen Zoe Saldaña, Selena Gomez, Adriana Paz und Karla Sofía Gascón gemeinsam den Preis für die beste Darstellerin. Letztere ist übrigens die erste trans Frau, die in Cannes mit einer Palme bedacht wurde. Als bester Darsteller wurde der Amerikaner Jesse Plemons für seine drei Rollen in „Kinds of Kindness“ von Giorgos Lanthimos geehrt. Der griechische Regisseur setzt damit eine eindrucksvolle Reihe fort: Seit 2009 wurde jeder seiner Filme entweder in Cannes oder Venedig mit einem Preis ausgezeichnet.

Anflüge von Nostalgie oder Verneigungen vor der Filmgeschichte schienen Gerwig und Co. derweil nicht umzutreiben. Demi Moore, die zu Recht gefeiert wurde für die Rolle als alternde Hollywood-Ikone in „The Substance“, konnte ihr Comeback nicht mit einem Preis krönen, wobei die Horrorsatire der Französin Coralie Fargeat zumindest für deren Drehbuch prämiert wurde. Komplett übergangen wurden „Megalopolis“, das nach langen Jahrzehnten endlich umgesetzte Traumprojekt von Altmeister Francis Ford Coppola, die neuen Werke von Ü-80-Regisseuren wie Paul Schrader oder David Cronenberg oder auch die Mastroianni-Hommage „Marcello Mio“.

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Erstellt:
26. Mai 2024, 15:48 Uhr
Aktualisiert:
27. Mai 2024, 10:16 Uhr

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