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„Diener für Oine“ als Brüller des Abends

Zweites Kulturfeuer Rietenau kommt bei den Zuschauern bestens an – Unterschiedliche Genres sind vertreten

Rietenau, genauer, das „Kulturdorf Rietenau“, noch genauer, der Heimat- und Kulturverein Rietenau, hatte eingeladen zum zweiten Rietenauer Kulturfeuer. Die Einladung wurde von vielen angenommen: Schon 14 Tage vor der Veranstaltung waren sämtliche verfügbaren Karten ausverkauft.

Tonja Krupinski nimmt sich beim Poetry-Slam das Thema Magersucht vor.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Tonja Krupinski nimmt sich beim Poetry-Slam das Thema Magersucht vor.Foto: A. Becher

Von Renate Schweizer

ASPACH. Der Witz am Rietenauer Kulturfeuer ist, dass man vier kurze Veranstaltungen zum Preis von einer kriegt. Dass man aus fünf ganz unterschiedlichen Formaten auswählen kann, welche man besuchen will. Dass das halbe Dorf bespielt wird und man zwischendurch schwätzend, kauend und Glühwein trinkend von einer „Bühne“ zur anderen zieht. Dass überall Feuerschalen brennen. Dass man immer eine halbe Stunde Zeit zwischen zwei Vorführungen hat, um das Drumrum zu genießen. Dass man zwischendurch Ausstellungen angucken kann. Und überhaupt.

Beim ersten Kulturfeuer 2019 waren so viele Menschen gekommen, dass an den unterschiedlichen Spielorten oft drangvolle Enge herrschte, und bei weitem nicht jeder überall einen Sitzplatz bekam. Daraus hatten die Veranstalter offenbar gelernt – oder vielleicht waren es auch feuerpolizeiliche Vorschriften? – jedenfalls wurden zur zweiten Auflage in diesem Jahr nur so viele Karten verkauft, wie Menschen halbwegs bequem und sitzend gleichzeitig unterzubringen waren. Das machte den Abend intimer und noch persönlicher – schad’ war’s bloß für die, die nicht dabei sein konnten, weil es keine Karten mehr gab. Und schade, weil dann die letzte Vorstellung des Abends zum Beispiel im Theater gar nicht mehr zustande kam, weil alle, die da waren, sie schon gesehen hatten.

Die Eröffnung mit Guggenmusik von XS-Excess auf dem kleinen Platz gegenüber dem Rathaus gab’s noch für alle, danach hatte man die Qual der Wahl: Mundart-Theater in der Theaterscheuer, eine Erzählung übers „Mann sein!“ in der Kirche, Chansons und andere Liebesmusiken in der Alten Schmiede, eine Zeitreise nach Woodstock mit Rebecca Hart & den Nodding Heads oder doch lieber Poetry-Slam mit Tonia Krupinski?

Der Brüller des Abends war das Theater mit Rolf Butsch und Barbara Hesser. Unter der Regie von Lea Butsch hatten sie sich den guten alten Sketchklassiker „Dinner for one“ vorgenommen und in ihren bewährten Rollen als Jakob und Marie in „Diener für Oine“ umgewandelt. Drei Mal umtorkelte Jakob als James sein „Freila Sophie“, beide in köstlichem Schwenglisch radebrechend – drei Mal lachten die Zuschauer sich beinah um Kopf und Kragen, und beim vierten Mal – binggg! – war keiner mehr da.

Zeitgleich konnte man im Gemeindehaus mit Rebecca Hart & Nodding Heads auf eine kleine Zeitreise in die Woodstock-Ära gehen – die Rockröhre und ihre Mannen in Schlaghosen und psychedelisch gemusterten Hemden zauberten ihren Zuhörern ein seliges Lächeln ins Gesicht und zuckende Beine unter die Stühle. Gut dran war, wer hier als letztes vorbeischaute – da konnte man nämlich zwei Zugaben abgreifen, die es früher am Abend natürlich nicht geben konnte.

Ein bisschen schwerer hatten es die ernsteren Formate des Abends. Tonia Krupinski zählte beim Poetry-Slam die Kilos einer Magersüchtigen bis an die Schwelle des Todes herunter. Ihre Zuhörer – die, vorsichtig ausgedrückt, vermutlich altersmäßig nicht ganz der üblichen Zielgruppe der rasanten Wortkünstlerin entsprachen – waren durchaus beeindruckt, auch froh, so was mal gehört zu haben, aber schallendes Gelächter war hier nun wirklich nicht am Platz. Ebenso bei Dieter Knoll und seinen Gedanken zum „Mann sein!“ Der Psychotherapeut las erst eine Viertelstunde lang eine Erzählung von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1899 vor und schloss daran in freier Form seine Gedanken zum Mannsein an. Da kamen die Lacher fast ausschließlich von den Frauen.

„Es war einmal ein Musikus, der spielte im Café“

„Und? Was sag’sch jetzt?“, fragte da eine den ihren auf dem Weg ins Freie. Der Angesprochene grunzte unartikuliert, man weiß nicht, ob das nun subtile Selbstironie war oder einfach nur die Bestätigung des Klischees, das da eben entfaltet wurde... Umso einhelliger die Begeisterung bei den „Chansons und anderen Liebesmusiken“, die Simone Alex-Kummer zusammen mit Cindy Velz an der Klarinette und Gerhard Kleesattel am Klavier in der Alten Schmiede darbot. Die Damen wechselten sich meistens ab, mal sang die eine (etwa Titel von Hildegard Knef/Edith Piaf/Max Raabe), mal spielte die andere ein Instrumental auf der Klarinette. Wer immer mit von der Partie war, war der Mann am Klavier, der viermal im Lauf des Abends eine reife Leistung ablieferte. Zur Belohnung bekam er vier Mal die Raabe’sche Hommage an Barpianisten aller Länder und Zeiten ins Ohr gesäuselt: „Es war einmal ein Musikus, der spielte im Café. Er spielte sieben Stunden lang von Liebeslust und –weh“ – zum Dahinschmelzen!

Pünktlich um 21.35 Uhr begann es zu regnen. Die Kulturfeuer in ihren schönen Eisenschalen hielten dem Niesel noch ein bisschen Stand und beleuchteten schwach die Szenerie im hübschen Dorf und die Aufräumarbeiten der (vielen) Helfer, aber die Zuschauer verkrümelten sich von einer Minute zur nächsten. Februar halt. Passt alles.

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Erstellt:
4. Februar 2020, 06:00 Uhr

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