Dorfbewohner in Rietenau machen Kultur

Kultur in unterschiedlichen Ausprägungen bringt beim Kulturfeuer an fünf Orten in Aspach-Rietenau wieder einmal zahlreiche Menschen zusammen. Die Karten für die dritte Auflage der Veranstaltung waren schnell ausverkauft.

Die Heartbeats setzen das Thema des Abends in eindrucksvollen Tänzen um. Fotos: Dietmar van der Linden

© Dietmar van der Linden

Die Heartbeats setzen das Thema des Abends in eindrucksvollen Tänzen um. Fotos: Dietmar van der Linden

Von Simone Schneider-Seebeck

Aspach. Es ist Nacht in Rietenau. Die Straßen sind dunkel. Kaum ein Auto verirrt sich in den kleinen Ort. Von Menschen auf den Gehsteigen ganz zu schweigen, mal abgesehen von einsamen Gassigehern. Doch was ist das? Kräftiges Blau leuchtet da, ein Stück weiter die Straße runter glüht es grün. Und aus einem Hinterhof schimmert es lila hervor. Und auf einmal ziehen, wie aus dem Nichts hervorgekrochen, sich angeregt unterhaltende Menschengruppen durch die Straßen.

An diesem Abend ist es wieder einmal so weit. Nach mehrjähriger Pause findet an diesem Sonntagabend wieder das Rietenauer Kulturfeuer statt. Weniger Feuer, dem nasskalten Wetter geschuldet, doch dafür umso mehr Kultur in vielseitiger Form. Bereits die Veranstaltungen 2019 und 2020 waren ausgesprochen gut besucht. Und so ist es kein Wunder, dass für die dritte Auflage die Karten schnell vergriffen waren.

An fünf Veranstaltungsorten werden jeweils zur halben Stunde unterschiedliche Kunstformate angeboten. Da muss man sich gut überlegen, was man sich ansehen möchte, finden an diesem Abend die Events doch nur viermal statt. Ganz durch kommt man also nicht. Und dabei ist so vielerlei Unterschiedliches geboten.

„Brücken bauen“ ist das übergreifende Thema

Da wären einmal die Nodding Heads im Gemeindehaus. Kuschelige Wohnzimmeratmosphäre mit den drei Musikern und der Musikerin zum Greifen nahe. „Brücken bauen“ ist das übergreifende Thema dieses Rietenauer Kulturfeuers und so schlägt die Musikgruppe eine Verbindung zwischen Ost und West. Schwäbische Stücke, aber auch Musik aus dem Osten der Republik sind zu hören, auf Deutsch und auf Schwäbisch. Da wird etwa „Mein Osten“ von der Gruppe Silbermond aus Bautzen sehr emotional gespielt. Lässiger ist es mit Wolle Kriwaneks „Faul wie d’Sau“. Und auch kulinarisch wird ein völkerverständigendes Experiment gewagt mit „Soljanka und Spätzle“. Das scheint ganz gut anzukommen, so wie die Musik.

Nächste Station ist ein Fachwerkhaus, die grünen Strahler vor dem Haus signalisieren, dass auch hier den Kunstsinnigen etwas erwartet. Gewissermaßen sogar drei Dinge in einem. Schwarz-weiße Fotografien von Dietmar van der Linden schmücken das Foyer. Brücken sind hier zu sehen. „Ich habe eine eigene Technik entwickelt, um die Perspektive mehr herauszuarbeiten“, erklärt der Fotograf. Das funktioniert auch bei den farbig gehaltenen Darstellungen von U-Bahn-Stationen, die auf den ersten Blick als solche gar nicht zu erkennen sind. Doch auch diese schlagen Brücken. „Es sind alles Verbindungen“, wenn auch unterirdisch. Und so passen sie gut zum oberirdischen Gewölbekeller, in dem musikalisch untermalt Lyrik dargeboten wird.

Nachdenkliches und Humoristisches

„Wir sind die Speziellen“, sagt Lea Butsch und lacht. Sie interpretiert Zeilen von Rainer Maria Rilke, Thomas Brasch, Hilde Domin, Amanda Gorman und Rose Ausländer. Musikalisch begleitet wird ihr Vortrag dabei von Sonja Michler, die ihre Hände auf dem Piano ebenso kunstfertig wie auf dem Akkordeon einzusetzen weiß. „Verbundenheit ist heute wichtiger denn je“, so Lea Butsch, Mitbegründerin des Theaters Rietenau als eigene Abteilung innerhalb des Heimat- und Kulturkreises Rietenau. Die Verbindung zwischen Auge und Ohr ergänzt sich hier hervorragend, im Nachklang der Musik lässt sich über das Gehörte nachsinnen: „Vergesset nicht, es ist unsere gemeinsame Welt, die ungeteilte, ach die geteilte, die uns aufblühen lässt, die uns vernichtet (...), auf der wir gemeinsam reisen.“

Nicht gar so tiefsinnig und dennoch spricht das Gemeinsame in uns „Diener für Oine“ an – gemeinsames Lachen verbindet schließlich auch über gedachte Ländergrenzen und jedes Alter hinweg. Denn der britisch angehauchte Humor funktioniert auch wunderbar auf Schwäbisch. Kein Tigerkopf zur Hand? Egal. Da zwingt halt der vermaledeite Staubsauger, der in keinem ordentlichen schwäbischen Haushalt fehlen darf, den Butler (sehr überzeugend: Rolf Butsch) zur Vorsicht. Je mehr gebechert wird, desto tückischer natürlich. Da fliegt halt auch mal ein Brathühnchen durch die Luft – zum Glück kein echtes. Bärbel Hesser als Fräulein Marie wahrt dabei stets die Contenance.

Tanz mit den Heartbeats

Auf eine musikalische Reise in den Norden entführt Alfred Büchler. Mit „Peer Gynt“ von Edvard Grieg geht es nach Norwegen. „Ein Land, das ich sehr liebe“, wie der Künstler bekennt. Und so gelingt es ihm auch, die Bilder des Komponisten mit seinem Klavierspiel umzusetzen. Die „Morgenstimmung“ etwa beschwört einen klaren Tagesbeginn herauf. Sanfte, immer kräftiger anschwellende Töne lassen die Sonne aufgehen und Vögel zwitschern. Völlig egal, dass es draußen eher nass, ungemütlich und dunkel ist.

Brücken bauen, das liegt Tänzerinnen der Heartbeats am Herzen, die die direkte Verbindung zu ihrem Publikum suchen. „Alle anderen gibt es schon, ihr seid einzigartig“, geben sie den Zuhörern nach ihrer Performance mit auf den Weg, die sie zuvor bereits animiert haben, sich von der Musik mitreißen zu lassen.

Hier draußen findet man denn auch, was dieser Veranstaltung, die so vieles miteinander verknüpft, seinen Namen gegeben hat – ein Feuer, das in einer Schale knisternd vor sich hinbrennt. Heißt es nicht, dass durch das Lagerfeuer der Mensch seine Kultur entwickelt hat? Und so kehrt man schließlich wieder zu den Anfängen zurück.

Lea Butsch interpretiert Literarisches.

© Dietmar van der Linden

Lea Butsch interpretiert Literarisches.

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Erstellt:
7. Februar 2023, 06:00 Uhr

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