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„Egal, wo du sitzt, du hörst bombe“

Das Interview: Ingo Appelt plaudert aus dem Nähkästchen, wie es sich als Künstler anfühlt, in einem Autokinoambiente live aufzutreten

Ingo Appelt präsentiert heute in Auenwald Open-Air-Comedy. „Staats-Trainer!“ heißt sein Programm. Wir sprachen mit ihm über seine bisherigen Erfahrungen mit Auftritten im Autokinostyle, über den Umgang mit der Coronakrise und die Situation von Veranstaltern und Künstlern.

Ingo Appelt hat schon zu Beginn der Krise Ausschau nach coronaschutztauglichen Angeboten gehalten.  Foto: Felix Rachor

Ingo Appelt hat schon zu Beginn der Krise Ausschau nach coronaschutztauglichen Angeboten gehalten. Foto: Felix Rachor

Von Ingrid Knack

Sie gehören zu den ersten Künstlern, die jetzt auf Autokinobühnen auftreten. Wo und wann begann Ihre Autokinotour?

Das war letzte Woche in Eschweiler bei Aachen. Der zweite Auftritt war in Kaarst in der Nähe von Düsseldorf. Die hatten es relativ groß aufgezogen: Da standen 300 Autos auf einem sehr sehr großen Platz mit einer sehr großen Bühne und zwei großen Bildschirmen. Das wirkte schon unglaublich groß. Wie ein Open-Air-Konzert mit 5000 Leuten. So ein Gefühl hatte man da irgendwie. Ich hatte eine Vorgruppe. Die Band war auch happy, dass sie mal wieder spielen konnte.

Dass das gute alte Autokino jetzt wieder up to date ist und sogar mit Comedy aufgepeppt wird, ist eine pfiffige Idee ...

Es ist wirklich eine sehr urige Geschichte, weil es allein technisch interessant ist. Die Leute kriegen den Ton über eine UKW-Welle. Das heißt, sie sitzen im Auto, schalten ihr Radio an, stellen eine bestimmte Frequenz ein, haben den Ton von der Bühne eins zu eins direkt im Auto, der besser ist als in jedem Saal oder auch in jeder Halle. Das können Sie nirgendwo so herstellen. Meine Frau hat sich das angeguckt und gesagt: Das ist besser als Radio selbst. Das ist sehr dicht und gut gemacht. Du hast keine Nebengeräusche. Man hat keinen Hall, man hat keine Verzerrungen. Egal, wo du sitzt, du hörst bombe. Du kannst dabei Kaffee trinken, du kannst schlürfen, du kannst pupsen, du kannst rülpsen. Du kannst dich mit deiner Frau unterhalten. Du musst nicht schick angezogen sein. Das hat schon einen sehr hohen Bequemlichkeitsfaktor. Ich hoffe, dass sich die Leute da nicht dran gewöhnen. Denn wir wollen alle wieder in die Gruschtelkammer. Aber das ist dann das Letzte, was sie wieder aufmachen.

Wer kam auf die Idee? Ihre Agentur? Oder sind Sie angefragt worden?

Ich bin angefragt worden. Lustigerweise hatten wir vor drei oder vier Wochen die Idee: Wir fragen die bestehenden Autokinos an. Doch das selbst zu organisieren, ist sehr aufwendig und teuer. Deswegen bin ich froh, dass es jetzt Veranstalter übernehmen. Die meisten, die das machen, haben bisher kein Autokino betrieben. Da ist aber ein Parkplatz, und Technik wird zur Verfügung gestellt. Das Ganze läuft sehr isoliert ab. Das kann man machen. Die Leute haben total Spaß. Alles, was ich bis jetzt erlebt habe, ist für mich als Künstler zwar auch befremdlich, für die Zuschauer natürlich ebenso, aber unterm Strich ist es eine super Aktion.

Was genau ist befremdlich?

Du hast einfach kein Feedback. Du kannst nicht mit Leuten reden. Ich bin nicht so der Industriekomiker. Viele andere spielen ja in 10000er-Hallen. Das ist überhaupt nicht mein Ding. Weil ich da eine viel zu anonyme Ansprache habe. Die Besucher klatschen zwar, aber das ist mir alles zu weit weg. Ich pick mir ja gerne Leute raus. Oder lasse mich gerne mal ansprechen. Ich mag es, wenn du aus der letzten Reihe noch mit dem Ingo reden kannst. Damit ich das Gefühl habe, ich bin da. Und die Leute haben das Gefühl, der Ingo ist da. Ich bin jemand, der von Interaktion lebt. Deswegen ist es schon ein bisschen schwierig im Autokino. Dort hupen die Zuschauer halt, machen Blinker an und die Scheibenwischer an und aus. Das ist schon ganz lustig.

„Hupen als Ersatz für Applaus ist nicht erlaubt“ habe ich im Zusammenhang mit einer Autokinoveranstaltung gelesen. Das war bei Ihren Auftritten nicht der Fall?

Bei der ersten Veranstaltung in Eschweiler war Hupen nicht erlaubt. Wegen Ruhestörung. Das klingt natürlich alles nach türkischer Hochzeit. Hupen ist ein Warnsignal. Wenn du angehupt wirst, erschreckst du dich eigentlich erst einmal und denkst: Huch, was habe ich falsch gemacht? Es ist meist eine Zurechtweisung. Im Autokino ist es etwas Positives. Ich fand es beim Auftritt in Kaarst sehr witzig. Die Leute haben auch eine gewisse Aggression, weil man nicht so raus kann wie sonst, weil man sich nicht treffen kann, weil alles so beschränkt ist. Deswegen hatten sie Spaß daran, einmal anderthalb Stunden so ein bisschen rumzuhupen. Da habe ich auch gesagt: „Lassen wir doch mal den Frust raus: Alles Scheiße, alles Kacke, so ein Mist. Dann ist der Frust erst einmal weg. Dann machen wir lustige Sachen.“ Das hat schon etwas Positives. Wenn es nicht übertrieben wird, ist alles gut.

Ist Ihnen etwas über Beschwerden von Anwohnern zu Ohren gekommen?

Wir hatten das in Kaarst. Wenn nach 22 Uhr noch einer hupt, wird die Polizei gerufen. Solche Leute gibt es immer. Aber ich finde, gerade in solchen Zeiten sollte man den Leuten ein bisschen Spaß gönnen, ein bisschen toleranter sein. Wenn wir uns schon isolieren, wenn wir uns mit Masken herumschlagen müssen, kann man auch mal hupen. Meine Güte. In Eschweiler war das verboten, weil nebendran ein Friedhof ist. Das hätte die natürlich gestört.

Wie ist das Gefühl, wenn es keinen hörbaren Beifall gibt?

Das ist auch gut. Das ist ein bisschen wie Radio. Wir sind es natürlich auch gewohnt, Radio zu machen, dort hat man kein direktes Publikum. Da muss man sich den Applaus dazudenken. Im Autokino ist die Arbeitsweise anders. Man muss davon ausgehen, dass die Leute sich da unten freuen. Du siehst auch: Die meisten winken. Und Blinklicht geht an. Überhaupt: Für irgendeine Form der Reaktion bin ich schon dankbar.

Haben Sie Ihren „Staats-Trainer!“ modifiziert und Coronathemen mit eingearbeitet oder wollen Sie den Menschen für ein, zwei Stunden eine coronafreie Zone bieten?

Corona wird angesprochen. Du versuchst auch, die Leute zu beruhigen: Es ist Gott sei Dank nur eine Pandemie und kein Atomkrieg. Auch Flüchtlinge überrennen uns nicht. Alle Horrorszenarien der letzten Jahre sind nicht eingetreten. Stattdessen gibt es ein Virus. Damit haben wir am wenigsten gerechnet. Und man sagt: Das können wir überstehen. Ich bin heilfroh, dass unser Gesundheitssystem so einigermaßen funktioniert. Es gibt da auch so einige Lücken. Aber es zeigt sich, dass wir Gott sei Dank ganz gute Organisationen haben wie Arbeiterwohlfahrt, Ärzteverbände und Gewerkschaften, die dafür gesorgt haben, dass die Privatisierungswelle im Krankenwesen nicht so stattgefunden hat, wie sich das so mancher Neoliberalist gewünscht hätte. Das hat uns letztendlich den Hintern gerettet. Dankeschön, Dankeschön, Dankeschön.

Da spricht der SPDler?

Ich mag ganz gerne sich selbst organisierende Systeme. Für die Löhne ist eigentlich nicht der Staat zuständig, sondern die Gewerkschaften. Die haben es aber im Moment sehr schwer. Es ist aber alles rückläufig. Die Leute organisieren sich nicht. Die einzige Organisation, die stark zunimmt, ist der ADAC – und da sind wir natürlich mit dem Autokino ganz weit vorne.

Was sagt der SPD-Mann ganz privat zum Handling der Krise seitens des Staates?

Erst einmal bin ich grundsätzlich positiv überrascht von der Bevölkerung. Die 30 Prozent, die sagen: „Wenn es die Merkel sagt, machen wir es erst recht nicht“, gibt es immer – das sind die Leichtsinnigen und die Verschwörungstheoretiker. So sind die Menschen nun mal. Man muss wissen, dass wir davon auch leben. Wenn irgendeiner etwas sagt, muss es immer eine Alternative, immer eine Gegenthese geben. Ich finde, dass die Politiker eigentlich einen guten Job machen. Oder sagen wir mal so: Ich möchte die Verantwortung für die Entscheidungen in der Situation nicht tragen müssen. Ich habe vor einem Jahr noch sehr viele Witze nach dem Motto gemacht: Wozu braucht man die Politiker überhaupt noch, das ist eine Larifariveranstaltung, das ist eine Hängepartie, da passiert überhaupt nix. Mittlerweile sind die Politiker uns dann doch irgendwie wichtig. Lustigerweise gilt ein Markus Söder, der zu den Harten gehört, als einer der beliebtesten Politiker Deutschlands. Da sieht man schon eine sehr große Zerrissenheit. Die einen sagen: Lockerungen. Die anderen: Ich habe Angst, mach mal was, Staat. Das ist schon interessant.

Was würde der „Bundesarschtreter“ jetzt gerne sagen?

Den Leuten: Ruhe bewahren, wir wissen’s alle nicht. Habt nicht so eine große Fresse. Wir haben 154000 Hobbyvirologen, die es alle besser wissen. Die wissen: Die verarschen uns, das hat ja alles keinen Sinn. Ja, es gibt natürlich Unstimmigkeiten. Warum Fußball und kein Handball? Warum bis 800 Quadratmeter und nicht größer? Es gibt unheimlich viele Dinge, die sind widersprüchlich. Und vielleicht auch unsinnig, nicht unbedingt rational erklärbar. Trotzdem: Ruhe bewahren, weil alle, die wir da sitzen, machen dieses zum allerersten Mal. Und wissen nicht, was am Ende herauskommt. Wenn sich herausstellt, das war alles Quatsch, war es trotzdem gut gemacht. Wir sehen weiter.

Wie gehen Sie mit den weggebrochenen oder zum Beispiel in den Herbst verlegten Veranstaltungen um, bei denen es aber auch nicht sicher ist, ob sie stattfinden können?

Ich gehe fast davon aus, dass das alles noch ein bisschen dauert. Wir sind alle sehr kreativ. Man macht sich Gedanken darüber, wie man ein Theater bespielen kann, dass es mit den Regeln konform ist. Da sind wir mit den Theaterbetreibern im Gespräch. Das sind gerade diejenigen, denen am stärksten die Muffe geht. Wenn die noch drei Monate geschlossen halten müssen, gehen sie den Bach runter. Das ist dann für alle Künstler, für die ganze Kunstszene, ein riesengroßes Problem. Auch da gibt es wieder einen riesengroßen Unterschied zwischen den privaten Betrieben und den staatlich geförderten wie hier in Berlin die „Wühlmäuse“. Die mieten ihre Räumlichkeiten vom Senat, und der verzichtet momentan auf die Miete. Das ist eine Form der Kulturförderung, die ich sehr gut finde. Auch in Kaarst war der Veranstalter die Stadt selbst. Das würde sich nie privat rechnen. Da sieht man halt wieder, wie wichtig Kulturförderung ist. Dass man einen Staat braucht, dass nicht alles privat zu regeln ist. Ich weiß noch, was für ein Aufschrei kam, als Kevin Kühnert von Vergesellschaftung und Verstaatlichung gesprochen hat. Und jetzt überlegt Peter Altmaier, die Lufthansa zu verstaatlichen, um sie vor dem kompletten Ruin zu retten. So ändern sich die Zeiten.

Frisuren sind zurzeit ein heikles Thema. Wie sieht „die richtige männliche Arschfrisur“ in Coronazeiten aus?

Ich war am Montagnachmittag schon beim Friseur. Ich seh wieder ganz gut aus. Ich war auch auf dem Weg hin zum Vokuhila. Ich hab mir auch mit der Nagelschere den Pony geschnitten. Auch das wird jetzt wieder besser.

Info

Einlass auf dem Parkplatz hinter der Auenwaldhalle in Unterbrüden an der Beaurepairestraße am heutigen Freitag, 8. Mai, ist um 18 Uhr, die Vorstellung beginnt um 19 Uhr. Pro Fahrzeug sind 50 Euro zu bezahlen (maximale Fahrzeughöhe 1,80 Meter). Das Fahrzeug darf mit höchstens zwei Erwachsenen und den Kindern derselben besetzt sein. Bei weiteren erwachsenen Mitfahrern werden 15 Euro vor Ort in bar fällig. Weitere Informationen und Online-Ticketbuchung unter www.auenwald-veranstaltungen.de/termine/info-zum-besuch.

Während der kompletten Veranstaltung ist das Verlassen des Fahrzeugs aus Sicherheitsgründen nicht gestattet. Getränke und Snacks können vor Ort via SMS und WhatsApp bestellt werden.

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Erstellt:
8. Mai 2020, 06:00 Uhr

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