Ein Pflichtmensch durch und durch

Die Kreissparkasse zeigt in ihren Räumen in Backnang eine Ausstellung über den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt. Der Hanseat, Staatsmann und Weltbürger repräsentiert ein Stück deutsche Geschichte.

Ines Dietze, Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse, und Staatssekretär Christian Lange in der Ausstellung über Helmut Schmidt. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Ines Dietze, Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse, und Staatssekretär Christian Lange in der Ausstellung über Helmut Schmidt. Foto: J. Fiedler

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Helmut Schmidt – man braucht nur den Namen zu hören und sieht ihn sofort: Hanseatenmütze auf dem Kopf und Zigarette (Menthol, aber das sieht man nicht) in der Hand. In der Kreissparkasse Backnang gibt es jetzt eine Ausstellung über ihn: Fotos, Zitate, Zusammenhänge und – auf jeden Fall für alle über 50 – Erinnerungen. Es waren aufregende Zeiten, als Hans-Martin Schleyer von der RAF ermordet wurde, als die GSG-9 das entführte Flugzeug in Mogadischu stürmte, als Tausende gegen den Nato-Doppelbeschluss zur Nachrüstung auf die Straße gingen. Helmut Schmidt ist deutsche Geschichte.

Bei der Vernissage war jeder Stuhl besetzt, Kunststück, weil ja nur angemeldete Gäste dabei sein durften – alle bedauerten, dass das nur so wenige sein konnten, aber immerhin war endlich mal wieder eine Ausstellung möglich, „denn Kunst, Kultur und Gesellschaft bleiben uns ein Anliegen“, so Ines Dietze, Vorständin der Kreissparkasse Waiblingen.

Zu den Öffnungszeiten der Bank kann die Ausstellung besichtigt werden, und sie ist wirklich sehenswert: Helmut Schmidt als Politiker, Bundeskanzler, Staatsmann und Weltbürger, das war zu erwarten, aber eben auch als Jugendlicher, Ehemann, Soldat im Zweiten Weltkrieg, Vater, Kunstliebhaber, Workaholic, Leser, Redner und Mitherausgeber der „Zeit“ – alles geordnet nach Chronologie und Thema und unterlegt mit ausführlichen Zitaten, die allermeisten von ihm selbst und krachtrocken, einige wenige auch über ihn, und die wiederum stammen von seiner Frau Loki.

Überhaupt Loki, sie taucht schon auf dem allerersten Plakat auf, und zwar auf einem Foto von Helmuts elftem Geburtstag – als Schulfreundin war sie zum Kindergeburtstag eingeladen. Wer hätte das gedacht?

„Pflicht“, das Wort taucht häufig auf in diesen Zitaten (allerdings nicht beim Kindergeburtstag). Helmut Schmidt war Pflichtmensch durch und durch, aber ohne jedes Pathos. „Es bereitet mir Genugtuung, meine Pflicht erfüllt zu haben, und wenn man sagt, ich habe sie gut erfüllt, bin ich froh.“ So klingt sein Lebensrückblick auf dem letzten Plakat. Geliebt werden wollte er nicht für das, was er tat, „das halte ich in der Politik für eine unangemessene Emotion“. Trotzdem wurde er in einer Umfrage des Stern zum beliebtesten Kanzler Deutschlands gewählt, vor Adenauer, Brandt, Kohl und Merkel – aber das war viel später, als er längst nicht mehr Bundeskanzler war.

Christian Lange, parlamentarischer Staatssekretär und Mitglied des Bundestags (SPD), hat die Ausstellung nach Backnang geholt. Er kann spannende Geschichten über Helmut Schmidt erzählen, schließlich hat er ihn tatsächlich gekannt, nicht nur aus dem Fernsehen. Ja, er hatte eine etwas schroffe Art, das Genossen-Du war ihm ein Gräuel, und Menschen, „an denen er kein großes Interesse hatte, bekamen das zu spüren“, so erzählt Lange, der 1982 in die SPD eingetreten ist und 1983 in der Menschenkette von Stuttgart nach Ulm stand und gegen den Doppelbeschluss protestierte. „Für mich war das kein Widerspruch. Ich konnte damals Willy Brandt und Helmut Schmidt glühend verehren.“ Und Widerspruch habe Helmut Schmidt sowieso immer gut ausgehalten, „mehr noch: Er respektierte Gesprächspartner erst, wenn sie ihm auch widersprachen.“ Lange hat in seinem Redemanuskript an dieser Stelle drei Ausrufezeichen neben den Text gemalt.

Dass Helmut Schmidts Urururururgroßvater aus Backnang stammen soll – was ihn ja eigentlich definitiv zum Backnanger macht –, erwähnte übrigens nicht nur Lange, sondern auch Siegfried Janocha, der Erste Bürgermeister der Stadt, verschmitzt in seinem Grußwort. Es sei nicht so ganz richtig bewiesen, das räumten beide wohl ein, und Helmut Schmidt hat sich ja selbst offenbar immer ganz und gar als Hamburger gefühlt. Aber im Grunde liegt es doch auf der Hand: Pflichtmensch, blitzgescheit, hochgebildet, zuweilen ein bisschen schroff und immer graderaus – der Mann muss einfach aus Backnang stammen.

Die Ausstellung ist bis 23. Oktober im Foyer der Kreissparkasse Backnang zu sehen.

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Erstellt:
24. September 2020, 11:30 Uhr

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