„Eine Woche lang richtig auspowern“

Bei den Rietenauer Holzkunsttagen entstehen Skulpturen aus Baumstämmen, die aus den Wäldern der Umgebung stammen. Zehn Bildhauer vom Anfänger bis zum Routinier arbeiten unter der Anleitung von Miklós Vajna mit kreativer Energie und viel Muskelschmalz an ihren Objekten.

Kursleiter Miklós Vajna überlässt den Teilnehmern wir hier Harald Ott die Bühne, wer aber Anleitung braucht, bekommt jede mögliche Hilfestellung. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Kursleiter Miklós Vajna überlässt den Teilnehmern wir hier Harald Ott die Bühne, wer aber Anleitung braucht, bekommt jede mögliche Hilfestellung. Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

Aspach. Herbert Vobornik bearbeitet geschickt mit der heulenden Motorsäge seine Skulptur, die eine lebensgroße menschliche Figur darstellt. Er ist bestens ausgestattet, trägt eine Schnittschutzhose, stabile Schuhe und einen Gehörschutz. Und er hat einen Motorsägenkurs absolviert, sicherheitshalber. „Das würde ich jedem empfehlen; das ist ein gefährliches Gerät“, sagt der pensionierte Polizeibeamte.

Ursprünglich dachte er dabei gar nicht an eine künstlerische Tätigkeit, seine Motorsäge brauchte er zunächst nur für das Aufarbeiten von Brennholz. Aber das Material Holz reizte ihn, darüber hinaus etwas auszuprobieren. Auf eigene Faust machte er anfangs einige kleinere Objekte. „Seit zwei Jahren bin ich bei den Holzkunsttagen dabei und habe mich auch an größere Sachen gewagt“, erzählt er. Er ist fasziniert von dem Naturprodukt Holz, von dessen Schönheit und Lebendigkeit, von der Maserung, die nach dem Schleifen besonders gut zum Vorschein kommt. „Man muss bedenken, wie lange ein Baum braucht, bis er so groß ist“, meint er voller Ehrfurcht. „Man kann wieder was draus machen, das Holz ist nicht verloren. Und wenn man sich versägt, kann man es immer noch verheizen.“

Harald Ott dagegen betreibt die Holzbildhauerei quasi professionell, wenn auch im Nebenerwerb. Sein Objekt: eine Meeresschnecke aus Akazienholz, fast mannshoch, elegant geschwungen, mit einem langen Stiel. „Es gibt diese Schnecke wirklich“, erklärt Ott, „mit dem Stiel steckt sie im Meeresboden.“ Er arbeitet seit zehn Jahren mit Holz und verkauft seine Werke auch. Außer der Schnecke hat er in dieser Woche schon zwei massive Sitzhocker gestaltet, eine Auftragsarbeit für einen Bekannten. Im Hauptberuf ist Ott Ingenieur; die harte körperliche Arbeit an den Skulpturen ist für ihn ein guter Ausgleich zur Bürotätigkeit, betont er, „da kann ich mich eine Woche lang richtig auspowern“. Die ungewohnte schwere Arbeit spüren auch die anderen Teilnehmer am Abend in allen Knochen. „Wir sind beide abends todmüde“, berichtet Charly Kutasi, der mit seiner Frau zum zweiten Mal dabei ist. „Aber es verbindet unheimlich, wenn man so etwas miteinander macht.“ Ihr Kater Nova stand ihm Modell für seine Skulptur. Die Oberfläche will er nicht glatt schleifen, sondern nur grob mit der Flex bearbeiten, sodass eine fellartige Struktur entsteht. Auch seine Frau Ines hat ein Faible für Tierfiguren; im vergangenen Jahr hat sie ein Kunstwildschwein für den Garten gemacht, in diesem Jahr wird sich ein Elefantenkopf dazugesellen.

Die Teilnehmer lassen sich von den Gegebenheiten des Holzes leiten

Die Teilnehmerin Andrea Blum kann auf eine lange Erfahrung im gestalterischen Arbeiten zurückgreifen. Sie ist Malerin, Bildhauerin und Dozentin an der Volkshochschule Backnang. Ihre bisherigen plastischen Arbeiten waren aus Stein, Bronze, Glas oder Ton, die Holzkunsttage nutzt sie, um auch Erfahrungen mit dem Material Holz zu sammeln. Bei der Ausarbeitung der Form lässt sie sich auch von den natürlichen Gegebenheiten im Holz leiten. Ihr Objekt, eine Meerjungfrau aus Eichenholz, ist noch im Anfangsstadium. Vorsichtig bearbeitet Blum die zierliche Gestalt mit der Motorsäge. Wo diese später ihren Platz finden wird? „Im besten Fall wird sie verkauft“, gibt Blum Auskunft.

Die Arbeiten, die bei den Rietenauer Holzkunsttagen entstehen, sollen am Tag des Schwäbischen Waldes am 19. September ausgestellt werden. Es sind die fünften Holzkunsttage, die im sogenannten Pfarrgärtle nördlich von Rietenau stattfinden. Und es sind auch die letzten an diesem Standort. Der Pächter des Grundstücks, der Obst- und Gartenbauverein Rietenau, stellt den Bildhauern die Wiese im kommenden Jahr nicht mehr zur Verfügung. Deshalb ist Miklós Vajna auf der Suche nach einem neuen Platz in der Umgebung von Rietenau. Grundstücksbesitzer können sich unter 0162/8471162 melden.

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Erstellt:
27. August 2021, 06:00 Uhr

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