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Farbflächen sind „100 Prozent Backnang“

Galerie der Stadt Backnang zeigt bis 6. September „Bewegungsmuster“ der Stuttgarter Künstlerin Anna Ingerfurth

Anna Ingerfurth zieht die Besucher der Galerie der Stadt Backnang mit ihren künstlichen Wirklichkeiten in ihren Bann. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Anna Ingerfurth zieht die Besucher der Galerie der Stadt Backnang mit ihren künstlichen Wirklichkeiten in ihren Bann. Fotos: A. Becher

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Treue Besucher der Galerie der Stadt Backnang haben schon einen Eindruck von Anna Ingerfurths Arbeiten bekommen. Bei der Ausstellung „Wagenhallen außer Haus“ in der Saison 2013/ 2014 stellte die Stuttgarterin zusammen mit rund 20 Künstlern in der Galerie und im Helferhaus aus. In den alten Wagenhallen im Stuttgarter Norden, wo lange Zeit die Lokomotiven der württembergischen Eisenbahn gewartet wurden, haben sich Kreative aus den unterschiedlichsten Sparten zusammengefunden. Zu den Wagenhallen-Künstlern gehört Anna Ingerfurth auch heute noch.

Es gibt viel zu sehen in der aktuellen Ausstellung in der Galerie der Stadt Backnang – und zwar in doppeltem Sinn. Zum einen werden viele vorwiegend kleinformatige Bilder gezeigt. Zum anderen schlagen die einzelnen Werke scheinbar zusammenhängende Kapitel einer großen Geschichte aus dem Kosmos der Kunst auf, die wir aber nicht auf den ersten Blick ergründen können.

Menschliche Gestalten in irritierenden Umgebungen

Gerade ob ihrer Brechungen und Rätselhaftigkeiten zieht es uns – wie die Figuren in den Arbeiten – hinein in Gefilde, die uns gleichzeitig vertraut und fremd vorkommen. Nicht nur wir, sondern auch die Figuren „versuchen sich im Bild zu orientieren“, wie Galerie- und Kulturamtsleiter Martin Schick bei einem Vorabrundgang durch die Ausstellung erklärt. Dies ist ein subtil daherkommender Kunstkniff, den wir vielleicht eher fühlen denn bewusst wahrnehmen. „Die Figuren müssen zurechtkommen“, kommentiert die Künstlerin mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und sie sagt: „Man selber könnte sich anschließen, wenn man sich traut.“ Wir schauen uns also einmal in den bis auf die Seiten ausgedehnten Tafelbilder-Räumen um, die vertraute Elemente aus ihrem üblichen Kontext herausnehmen und aus Versatzstücken aus der Architektur oder Natur konstruiert sind. Nur scheinen all die bekannten, von Menschenhand gebauten Stadtlandschaften und die landschaftlichen Elemente erst einmal in einen Topf geworfen und kräftig durchschüttelt worden zu sein, bevor sie wieder einen neuen, unüblichen Platz – oft unabhängig von Festlegungen wie innen und außen – zugewiesen bekamen. In anderen Bildern wiederum bilden Ornamente und Bänder ihre eigenen Räume. So entstehen neue, abstrakte Kunstlandschaften mit abstrakt-konstruktiven Farbflächen, Bändern, Mustern, Überlagerungen und phantastischen Ebenen, die nach den Worten von Galerieleiter Martin Schick nicht eins zu eins in logische Erklärungen übersetzbar sind. Vielmehr verbinde Anna Ingerfurth humorvoll gegenstandslose und figürliche Malereiauffassungen. „Auch die spontaneren und experimentelleren Collagen und Zeichnungen verfolgen diesen Ansatz und kommen durch die Verknüpfung verschiedenster Bildelemente zu stimmigen und originellen Bildfindungen.“ So werden Kunstrichtungen miteinander versöhnt und stehen plötzlich gleichberechtigt nebeneinander.

Gleichzeitig spielt Anna Ingerfurth mit den Betrachtern. Beim flüchtigen Blick auf ein Bild glaubt man, eine Rolltreppe zu sehen, die aber gar nicht da ist. Die Absicht der Künstlerin ist, dass man an vermeintlich bekannten Motiven hängen bleibt. Was für ein Trugschluss. So lockt Ingerfurth die Betrachter auf Kunstfährten jenseits der Realität.

Das bewahrt uns aber nicht davor, immer wieder ins Bodenlose zu fallen und uns dank eigener Assoziationen wieder ans Licht zu strampeln. Zum Beispiel, wenn wir uns sozusagen neben die wie immer eher weitgehend merkmalslosen, unauffällig gekleideten, temperamentlosen und wenig kontaktfreudigen Figuren stellen, die vor einem unwirklich anmutenden Loch stehen. Schick: „Man hat das Gefühl, die Landschaft hat ein Loch. Wo fällt man hin? In die Unterwelt?“

Einer der Serien Anna Ingerfurths liegt die Idee zugrunde, Stuttgarter Stadtteile als abstrakte Kompositionen mit Buntstift, Bleistift und Tusche auf Papier zu bringen. Die Serie wurde dann auf andere Städte ausgeweitet, auch Backnang ist darunter. Allein durch die natürlichen Grenzen hin zu anderen realen Gegebenheiten auf der Landkarte kommt eine interessante Grundform zustande, die sich dann aber auch verselbstständigt. Im Falle Backnangs geht es über Berg und Tal, und in der Mitte plätschert ein Fluss mäandernd dahin. Ob man tatsächlich Backnang darin sieht oder sich an der grafischen Komposition erfreut – erlaubt ist, was gefällt. Dasselbe gilt für die horizontal angeordneten Farbflächen, die zunächst einmal als stimmige Komposition wahrgenommen werden. Anna Ingerfurth aber sagt: „Das ist 100 Prozent Backnang.“ Die Farben und Flächen stehen für sie für Wald, Landwirtschaft, Freizeit, Wasser, überbaute Verkehrsflächen und Sonstiges, „so teilt sich das auf“. Schick dazu: „Man kann es auch als ganz normales Flächenpainting auffassen.“

Reizvoll sind überdies die Wochenzeichnungen, die sich in der Backnanger Galerie durch alle drei Stockwerke ziehen: Vier Jahre lang fing die Stuttgarter Künstlerin neben ihren anderen Arbeiten immer montags mit einem neuen Bild für diese Serie an. Ein winzig kleiner Ausschnitt von dem, was seither entstanden ist, wird den Galeriebesuchern gezeigt. Vor den Wochenzeichnungen gab es 17 Jahre lang Tageszeichnungen – gemessen daran ist die zeitliche Vorgabe der nachfolgenden Serie wahrer Luxus. In den Papierarbeiten reflektiert Anna Ingerfurth mithilfe verschiedener Techniken und Stilrichtungen die Dinge, die in der Woche zuvor bemerkenswert waren.

Ein sich über eine ganze Wand im dritten Stock der Galerie erstreckender Stammbaum ist Mittel zum Zweck, um Zeichnungen von Fantasietieren ins rechte Licht zu rücken. Insbesondere die Fellstrukturen zu zeichnen, hat Ingerfurth fasziniert. Humorvoll werden die Gäste mit Collagen verabschiedet, in denen die Stuttgarterin alte Fotografien so zusammensetzt, dass skurrile neue Stadtlandschaften entstehen. Der Charlottenplatz in Stuttgart präsentiert sich mit einem Seerosenteich, und fast überall in der Stadt tummeln sich Menschen in Pools. In Backnang wird die Murr zum Pool.

Figuren in einem Fantasieraum. Die Tafelbilder Ingerfurths sind auch als Objekte zu sehen.

© Alexander Becher

Figuren in einem Fantasieraum. Die Tafelbilder Ingerfurths sind auch als Objekte zu sehen.

Keine Vernissage, aber Katalog

Vom 19. Juni bis 6. September zeigt Anna Ingerfurth in der Galerie der Stadt Backnang Malereien, Collagen und Zeichnungen. Eine Veranstaltung zur Eröffnung der Ausstellung „Bewegungsmuster“ gibt es nicht.

Zu Beginn der Ausstellung wird ein druckfrischer Katalog mit einem Einführungstext von Galerieleiter Martin Schick zum Preis von 15 Euro angeboten.

Der Eintritt in die Ausstellung ist frei. Die regulären Öffnungszeiten der Galerie sind Dienstag bis Freitag von 17 bis 19 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 19 Uhr. Der Einlass zur Ausstellung ist nur mit Mund-Nase-Schutz gestattet und der Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen anwesenden Personen ist einzuhalten. Die maximal zulässige Anzahl der Personen im Haus ist begrenzt, weshalb unter Umständen mit Wartezeit gerechnet werden muss.

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Erstellt:
19. Juni 2020, 06:00 Uhr

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