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Fenster in vergangene Zeiten

Lesung und Musik mit Udo Wachtveitl und zwei Gitarrenkünstlern in der Gruschtelkammer

Wer beim Programm „Eine Geschichte der Welt in neun Gitarren“ in der wie meist ausverkauften Gruschtelkammer saß, bekam mitreißendes Gitarrenvergnügen auf höchstem Niveau und eine fesselnde und lehrreiche Traumreise um die Welt geboten. Zu Gast: Der Schauspieler Udo Wachtveitl und die Musiker Christian Gruber und Peter Maklar.

„Eine Geschichte der Welt in neun Gitarren“: Udo Wachtveitl (links) mit seinen musikalischen Begleitern in der Gruschtelkammer. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

„Eine Geschichte der Welt in neun Gitarren“: Udo Wachtveitl (links) mit seinen musikalischen Begleitern in der Gruschtelkammer. Foto: J. Fiedler

Von Heidrun Gehrke

AUENWALD. Der Bühnenscheinwerfer ist lediglich suboptimal, draußen schüttet es wie aus Eimern, und auf der engen, niederen Bühne der Gruschtelkammer treten drei „Weltstars“ im gemütlichen Schummerlicht auf. „Heute treffen Sie hier in Oberbrüden auf den Nabel der Welt, insofern sind Sie ab sofort wirklich Weltstars“, ulkt Hausherr Charley Graf, freilich wissend, dass er ein namhaftes Trio anzukündigen hat, das auf vielen Spielstätten weltweit auftritt: den als Tatort-Kommissar bekannten Schauspieler Udo Wachtveitl, der aus der „Geschichte der Welt in neun Gitarren“ liest, sowie zwei Gitarren-Persönlichkeiten, die ihre verschiedenen Instrumente virtuos in der Weltgeschichte herumspazieren lassen.

Die wunderschöne Rahmenerzählung des französischen Schriftstellers Érik Orsenna öffnet Fenster in vergangene Epochen, in der Musik und Text miteinander in Dialog treten und Gitarren immer eine Rolle spielen. Man folgt einem träumenden Gitarrenschüler in die Wüste von Ägypten und ins Sklavenlager Gorée, eine Insel mit dunkler Vergangenheit. In jedem Traum begegnet er einem Gitarristen und seinem Instrument, von Fernando Sor, Andrés Segovia, Django Reinhardt bis zu Jimi Hendrix. Es geht unter anderem um die spanische Eroberung Perus und um die Pestepidemie in Spanien – Letztere erzählt aus Sicht eines Arztes, der sich beim Gitarrenspiel zum ersten Mal nach monatelanger Tortur entspannen kann, über das „anschmiegsame“ Instrument zur „Schwingung und Seele der Stadt“ zurückfindet.

Die Gitarre öffnet Türen zur ganzen Welt. Alles in der Welt ist Gitarre: Schon immer vermag sie Menschen in ihren Bann zu ziehen, ob Pharaonen oder König Louis-quatorze, ob Inkas oder Sklaven. Udo Wachtveitl lenkt mit variantenreichen Tönungen seiner Stimme die Aufmerksamkeit auf Sätze, die unter die Haut gehen: „Die Gitarre lungerte in den Sümpfen des Mississippi-Deltas, schlich sich in Träume, weinte über Albträume, lernte die Seelen der Schwarzen kennen und machte Blues zu ihrer Musik.“ Im schleppend schwermütigen Blues-Groove formt eine Dobro-Resonatorgitarre aus Metall, die mit einem Bottleneck gespielt wird, erdige, ölig ursprüngliche Klangfarben. „Die Gitarre war ihr Schiff, ihre gemeinsame Reise war der Blues“, illustriert die Stimme Wachtveitls das Geschehen, das von der weltumspannenden Gitarrendramaturgie der beiden Profimusiker getragen wird. Christian Gruber und Peter Maklar übersetzen im perfekt harmonischen Zusammenspiel stickige Lagerräume unter Deck der Sklavenschiffe in flehende, jammernde, verträumte Akkorde, lassen Unterdrückte im „Gestrüpp der Saiten“ Hoffnung schöpfen, drücken im zurückhaltenden Fingerpicking Traurigkeit und Heimweh aus, zeigen die leidenschaftliche Beziehung zwischen flinken Fingern und Gitarrensaiten im „Minor Swing“ von Django Reinhardt und im Jimi-Hendrix-Song „Angel“. Weltpolitisches Geschehen in Bezug auf die Musik

Weltpolitische Ereignisse werden aus Sicht von Individuen erzählt, die in irgendeiner Weise mit einer Gitarre in Berührung kommen und sich von ihrer Klangschönheit berühren lassen: Das Publikum erfährt etwas über den Leidensweg des Gitarristen Django Reinhardt, der mit einer verbrannten linken Hand und einem gelähmten Bein zum Vorreiter des europäischen Jazz wurde. Kuba erklingt als die „Arche Noah“ der multikulturellen Rhythmen und Melodien. „Tanzende Finger machen Musik. In der Musik spielt die Hautfarbe keine Rolle mehr“, heißt es dazu in der Geschichte. Durch den sprudelnden und virtuosen Wechsel von insgesamt zehn eingesetzten Rhythmus- und Melodiegitarren zeigen die Musiker ihr immenses Können. Atemberaubend, wie oft sie Färbungen variieren, Spielart und Rhythmen anpassen an die Stilrichtungen. Dabei springen sie zwischen schnell und langsam, zurückhaltend und ungestüm, schwungvoll und melancholisch, laut und lautmalerisch: Man sieht das quirlige Treiben auf den Prachtstraßen in Barcelona und spürt aufwirbelnden Wüstensand, als sie die Gitarren zu einem flächigen flirrenden Sound verweben und in orientalische Figuren eintauchen. Im ersten Teil erklingen klassische Gitarren, eine Oktavgitarre als Ersatz für die „Tiergitarre“ Charango sowie eine Quintbassgitarre, die eine Quinte tiefer klingt als die normale Gitarre und über eine siebte Saite verfügt. Im zweiten Teil sind präparierte Gitarren im Einsatz, die klingen wie ein afrikanisches Saiteninstrument, sowie verschiedene Westerngitarren mit Stahlsaiten, jeweils mit eigenem Klang für eine bestimmte Epoche, bedingt durch die unterschiedlichen Bauweisen.

Richtig fett wird es im Finale. Der ewig wandelnde Geist der Gitarre macht einen Halt in Woodstock: Zum Auftritt von Jimi Hendrix lässt Peter Maklar die Fender Stratocaster winseln und zerquetscht die ersten Takte der US-Hymne so lange, „bis sie gesteht – die Bomben auf Vietnam, das Napalm...“

Regen prasselt auch nach drei Stunden noch aufs Hallendach am „Nabel der Welt“, darunter prasselt kräftiger Applaus. Dem Gast mit der weitesten Anreise wird ein Akkord spendiert, lässt Wachtveitl in seiner nonchalanten Art wissen. Ein Mann erhebt sich: Er sei aus Schalke und ruft – offenbar just for fun – „Stairway to Heaven“ in Richtung Bühne. Die Musiker ziehen ein letztes Mal die Gitarren an ihre Oberkörper und liefern die unverkennbaren Akkorde der Hymne als Zugabe. Das Publikum ist hellauf begeistert und verabschiedet das weltgewandte Trio mit stehenden Ovationen.

Info
Die Tiergitarre Charango

Die im Buch erwähnte Tiergitarre Charango wurde nach Auskunft von Gitarrist Peter Maklar ursprünglich aus dem Panzer eines Gürteltieres hergestellt. „Deshalb haben wir eine Oktavgitarre verwendet, sie ist ähnlich von der Tonhöhe, erzeugt einen speziellen Klang durch eine andere Stimmung beim Charango.“

Der erwähnte Verfasser des ersten Gitarren-Lehrbuchs heißt Joan Amat.

Udo Wachtveitl ist einer der bekanntesten und beliebtesten deutschen Schauspieler, Synchron- und Rundfunksprecher. Als Hauptkommissar Franz Leitmayr ist er seit Beginn der 1990er eine Hälfte des Münchener Ermittlerduos Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr in der ARD-Krimireihe „Tatort“.

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Erstellt:
10. Oktober 2019, 11:30 Uhr

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