„Fork Rock“ mit Mistgabel und Latzhose

Bands von hier Mit seidenen Fransenhemden wollen Them Muddy Brothers nichts zu tun haben. Die Band aus Backnang hat Countrymusik neu definiert. Das Ergebnis – rau, derb, ironisch – nennen die vier Männer „Dirtgrass“. Zusammengefunden haben sie auf dem Straßenfest.

Horst Mudd am Bass gibt auch stimmlich den Ton an. Foto: Thrashboy Originall

Horst Mudd am Bass gibt auch stimmlich den Ton an. Foto: Thrashboy Originall

Von Marina Heidrich

Backnang. Ein Widderschädel mit zwei gekreuzten Mistgabeln. Bärtige Männer in Latzhosen, schwarzen T-Shirts und Karohemden. Mit Sensen und dunklen Hunden stehen sie vor einer heruntergekommenen Scheune. Die Szenerie erinnert an den Film „Deliverance – beim Sterben ist jeder der Erste“ mit Burt Reynolds von 1972, den Film mit der berühmten Gitarre-Banjo-Duellszene. Zeigt das sepiafarbene Foto etwa eine Gruppe Rednecks aus dem sumpfigen Süden der USA?

Nein, Them Muddy Brothers (TMB) sind alles andere als das. Die vier Backnanger Musiker präsentieren sich auf dem Cover ihrer selbst produzierten Debüt-CD „Welcome to the Mudd“ aus dem Jahr 2018 mit feiner Selbstironie als Familie Mudd, Familie Matsch. Die Band zieht ihr Konzept von der Musik über den Schriftzug und das Logo bis zum Outfit konsequent durch – daher werden in diesem Bericht ausschließlich die fiktiven Namen der vier Bandmitglieder benutzt: Horst Mudd am Bass gibt auch stimmlich den Ton an, Bob Mudd schrubbelt die Gitarre. Cousin Mudd trommelt sich die Seele aus dem Leib und Grampah Mudd ist der Saitenhexer am Banjo und an der Mandoline.

Die Bandmitglieder kennen sich bereits seit den frühen 90ern

Obwohl die Band erst seit knapp drei Jahren in dieser Formation offiziell existiert, kann jedes einzelne Mitglied der mittlerweile Mitt- bis Endvierziger auf viele Jahre in Bands zurückblicken, die nicht nur in der Backnanger Punk- und Independent-Szene für Furore gesorgt haben.

Im Dunstkreis der Musikerinitiative Backnang und des Jugendzentrums lief man sich bereits in den frühen 90ern immer wieder über den Weg. Grampah Mudds Kontrabassartistik wurde bei den Tony Montanas bewundert, wo er als Tall Tony mit eigenwilligem Punkabilly die Bühne rockte. Cousin Mudd spielte unter anderem bei einer der am meisten geschätzten Bands der Stadt, bei Trigger 45.

Bob Mudd hatte bis zum Jahr 2008 eine gewisse Vorliebe für laubfroschgrüne Trainingsanzüge und ging dieser bei der Funkrockdiscopop-Formation Flymoe nach. Horst Mudd gehörte zu der zwar immer als Geheimtipp gehandelten, aber mit mehr als 100000 verkauften Tonträgern nicht nur in Backnang, sondern bundesweit respektierten Hardcore-Legende Totenmond, die 1997 und 1999 sogar auf dem Wacken-Open-Air auftraten.

Doch wie kam es denn nun zur Gründung von Them Muddy Brothers? Horst und Bob hatten einfach mal Lust, miteinander zu jammen. Das funktionierte so gut, dass ruckzuck ein Konzert des Duos in der Backnanger Kneipe Wohnzimmer anstand.

Und wo laufen sich die meisten Backnanger Musiker üblicherweise über den Weg? Selbstverständlich auf dem Straßenfest. In der dortigen Feierlaune sind schon einige Formationen gegründet worden. 2014 erkannten die Gebrüder Horst und Bob Mudd dort an einem Bierstand zufällig Grampah Mudd und bereits im Folgejahr suchten sich die drei auf dem nächsten Straßenfest ein ruhiges Plätzchen, um die eigene Musik zu zelebrieren. Als Letzter stieß Cousin Mudd zu Them Muddy Brothers. Somit war die „Familie“ vereint.

Wie definiert die Band ihre Musik? „Wir wollten keinen dogmatischen Bluegrass oder Country spielen“, erläutert Horst Mudd. „Es soll rau, derb und ironisch klingen, mit seidenen Fransenhemden haben wir absolut nichts am Hut. Aber vor allem soll es Spaß machen“, wirft Bob Mudd ein. „Wobei...“, Horst Mudd lächelt, „wir haben es mittlerweile sogar geschafft, dass einige traditionell orientierte Countryfans gerne auf unsere Konzerte kommen.“

Für ihre ganz eigene Form der im weitesten Sinne Countrymusik haben die vier Männer den Begriff „Dirtgrass“ geprägt. „Fork Rock!“, sagt Horst Mudd und lacht. Nicht zu verleugnen sind aber auch die Punkelemente in ihrer Musik, auch weil Cousin Mudd sein Schlagzeug in typischer Punkmanier spielt. In kurzer Zeit hat sich Them Muddy Brothers eine treue, überregionale Fangemeinde erspielt.

Them Muddy Brothers machen einfach Laune. Horst Mudd hat tierisch Spaß an der Interaktion mit seinen Zuhörern, er definiert sich nicht nur als Musiker, sondern zusätzlich als Entertainer. „Ich brauche den direkten Kontakt zum Publikum“, meint er. Die schlammige Bruderschaft ist ein absolutes Liveevent. „Es ist schwer, die Stimmung bei unseren Konzerten auf CD zu bannen“, erklärt Bob Mudd. Daher soll die nächste CD wesentlich rauer und ungeschliffener werden.

Man muss das Quartett unbedingt ein-mal auf der Bühne gesehen und vor allem erlebt haben. Tanzbare Musik, ein Rhythmus, bei dem niemand mehr still stehen kann, inklusive der Ansagen und Sprüche von Sänger Horst Mudd – bei Them Muddy Brothers ist das Gesamtpaket wichtig. Dass alle vier bei allem Spaßfaktor auch noch wirklich verdammt gute, ernst zu nehmende Musiker sind, erschließt sich bei genauem Hinhören.

Und bei allem Spaß – eine Botschaft ist den Sumpfbrüdern wichtig und ernst: „Wir wollen uns zwar nicht in eine bestimmte Schublade stecken lassen, aber wir legen auf eins Wert: Wir sind keine Rassisten und haben auch mit Faschisten absolut nichts am Hut.“

Bei dieser Aussage verschwindet auch das breite Grinsen auf Horst Mudds Gesicht. Das raue, grobe Redneck-Image täuscht nicht darüber hinweg, dass es sich bei Them Muddy Brothers privat um nachdenkliche, intelligente Musiker mit einem klaren Standpunkt handelt.

„Fork Rock“ mit Mistgabel und Latzhose
Das Cover der Debüt-CD „Welcome to the Mudd“ zeigt die Familie Mudd. Foto: TMB

Das Cover der Debüt-CD „Welcome to the Mudd“ zeigt die Familie Mudd. Foto: TMB

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Erstellt:
7. Januar 2022, 06:00 Uhr

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