Furioser Auftakt der neuen Spielzeit

Trotz der durch die Hygieneverordnungen erschwerten Bedingungen ist das erste Konzert nach sechs Monaten Pause im Backnanger Bürgerhaus ein Erfolg geworden. Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn begeisterte das Publikum.

Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn überzeugte mit mitreißend lebensfrohen Interpretationen. Fotos:T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn überzeugte mit mitreißend lebensfrohen Interpretationen. Fotos:T. Sellmaier

Von Miklós Vajna

BACKNANG. Nach mehr als sechs Monaten endlich wieder eine Aufführung im Backnanger Bürgerhaus! Zwar mit deutlich weniger Zuschauern und einigen einschränkenden Veränderungen, aber mit einem sehr lebendigen Konzert, das dem freudigen Anlass der Spielzeiteröffnung durch seine prächtige Qualität mehr als gerecht wurde. Das zu Recht hoch gelobte Württembergische Kammerorchester Heilbronn mit seinem Dirigenten Case Scaglione brachte das Niveau, den Spaß und die passenden Werke zum Wiederbeginn mit.

Die Einführung in das Programm machte Jasmin Bachmann. Sie trug energiegeladen und impulsiv eine geballte Vielzahl an gründlich recherchierten Informationen zum Saxofon und dem bewegten, unfall- und ideenreichen Leben des Erfinders Adolphe Sax sowie zu Werken des Abends und deren Komponisten vor, illustriert mit Klangbeispielen.

Das Orchester begann mit einigen kurzen Stücken aus den Liebeslieder-Walzern Opus 52 von Johannes Brahms. Gleich bei den ersten Tönen war der Klangeindruck überwältigend: perfekt in der Abstimmung, großer, intensiver und breiter Klangfarbenreichtum in vielschichtigen Ebenen und im Vortrag sowohl variabel wie auch sehr präzise. Diese hohe Qualität lässt auf fähige Musiker und eine gute Vorbereitung schließen.

Und direkt nach dem ersten Satz des nächsten Werks, Scaramouche von Darius Milhaud in einer Bearbeitung für Saxofon und Orchester, ließ sich das schon jetzt begeisterte Publikum wegen der mitreißend lebens- und farbenfrohen Interpretation zu einem Szenenapplaus hinreißen. Dirigent Scaglione führt sein hellwaches Orchester perfekt und humorvoll, jugendlich dynamisch, mit sparsamen, aber sehr effektiven ausdrucksstarken Gesten und einer klar verständlichen federnden Körpersprache.

Daniel Gauthier, der Solist des Abends, stellte gekonnt die Möglichkeiten des Saxofons als klassisches Instrument heraus: mit viel Weichheit und Wohlklang, ohne die aus dem Jazz bekannten rauen Töne und experimentellen Soundeffekte; es klang eher wie ein sehr bewegliches, wohllautendes Horn mit Violin- und Trompetenanteilen. Die Abstimmung des Solisten mit Dirigenten und Orchester war wie aus einem Guss.

Aus dem hoch konzentriert zuhörenden Publikum kamen immer wieder Bravorufe und begeisterte Juchzer, und regelmäßig lang anhaltender Applaus. Als Zugabe erklang ein russisches Lied namens Bolero von Michail Iwanowitsch Glinka, bearbeitet für Saxofon und Orchester.

Deutlich dünner bestuhlt zeigten sich die Publikumsreihen im Bürgerhaus.

© Tobias Sellmaier

Deutlich dünner bestuhlt zeigten sich die Publikumsreihen im Bürgerhaus.

Bei den Gästen zeigt sich Dankbarkeit

Die Hygieneverordnungen in Coronazeiten haben einiges im Backnanger Bürgerhaus verändert. Man sollte auf jeden Fall mehr Zeit zum Check-in einplanen: Die Schlange vor dem Kartenschalter bewegt sich langsamer, das Hinterlassen der persönlichen Daten dauert seine Zeit. Ordnungskräfte achten freundlich, aber penibel auf die Einhaltung der Regeln. Der große Saal ist ungewohnt dünn bestuhlt, und die geänderte Beschriftung der Reihen und Plätze macht doch einige Schwierigkeiten beim Suchen und Finden. Auch neigt der Saal durch die entstandenen Stuhlreihenlücken zur Überakustik. Trotz dieser leichten Widrigkeiten sind alle sehr froh, dass es nach gut sechs Monaten wieder losgeht. Janina Sülzle, die Interimsleiterin des Amts für Kultur und Sport: „Es ist sehr schön, dass wir wieder Publikum im Bürgerhaus begrüßen dürfen.“ Die Anzahl der Abonnenten habe leicht zugenommen, andererseits herrschte noch Vorsicht beim gegenwärtigen Kartenvorverkauf: Die Nachfrage überstieg nicht das Angebot.

Sabine Stober und Cornelius Kittel aus Backnang als regelmäßige Konzertgänger sind „sehr glücklich, dass es wieder losgeht mit den Konzerten. Dies heute Abend war ein grandioses Konzert, das die hohe Qualität der Aufführungen der letzten Jahre adäquat weitergeführt hat und einen weiteren Höhepunkt bildet.“ Gisela und Ernst Skarpil aus Backnang finden: „ Das Herz hat wieder aufgeatmet nach sechs Monaten Dürrezeit. Endlich wieder ein echtes Orchester live auf der Bühne.“ Man habe am Auftrittsapplaus gemerkt, dass alle dankbar sind für die Wiederaufnahme der Konzerte. Und die Hygienevorschriften seien vorbildlich.

Zum Artikel

Erstellt:
28. September 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Kultur im Kreis

Vier Pädagoginnen spielen Beethoven

Auf Einladung der Jugendmusik- und -kunstschule Backnang gibt das Ludwigsburger Streichquartett ein Lehrerkonzert im Walter-Baumgärtner-Saal des Backnanger Bürgerhauses. Die Lehrerinnen präsentieren dabei ihre künstlerischen Aktivitäten.

Kultur im Kreis

Ein Lied auch für Ballermann-Sampler

Naim Sabani, der Backnanger Friseur und Comedian, arbeitet weiter an seiner Entertainerkarriere. Eine Comedy-App soll den Bekanntheitsgrad erhöhen.

Kultur im Kreis

„Es geht darum, dass alle profitieren“

Das Interview: Erik Flügge spricht über seine jüngste Veröffentlichung „Egoismus – Wie wir dem Zwang entkommen, anderen zu schaden“. Das Buch landete schon in der ersten Woche auf Platz 55 der Hardcover-Bestsellerliste.