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Garantiert minimale Distanz zwischen Künstlern und Publikum

Konzertprogramm in der alten Schmiede feiert Zehnjähriges – Abendliederkonzert webt einen vertrauten Zauberteppich aus Musik und Worten

Enge Bühne, große Leistung: Cindy Velz (Klarinette), Gerhard Kleesattel (Klavier), Simone Alex-Kummer (Alt) und Editha Konwitschny (Violine) begeistern ihr Publikum in der alten Schmiede Rietenau mit viel Gefühl und fast vergessenen Klängen aus Kindertagen. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Enge Bühne, große Leistung: Cindy Velz (Klarinette), Gerhard Kleesattel (Klavier), Simone Alex-Kummer (Alt) und Editha Konwitschny (Violine) begeistern ihr Publikum in der alten Schmiede Rietenau mit viel Gefühl und fast vergessenen Klängen aus Kindertagen. Foto: A. Becher

Von Renate Schweizer

ASPACH. 10 Jahre kleines, feines Konzertprogramm in der Alten Schmiede Rietenau: Fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Eröffnungskonzert am 9. November 2009 verzauberte Simone Alex-Kummer und ihre Co-Musikanten ihr Publikum mit „Liedern zur Nacht“.

Klassische Musik auf dem Land in einer alten Schmiede – kein Mensch konnte wissen, ob das funktionieren würde. Vor dem Konzert erzählt Hans Kummer gut gelaunt und herrlich schwäbisch von den Anfängen: Das Ehepaar Hans Kummer und Simone Alex-Kummer hatten seine väterliche Schmiede mit darüberliegender Wohnung geerbt. „Do könnet’r d’Poscht neimacha wenn i nemme leb‘“ hatte der Vater vorgeschlagen, nur dass eben landauf, landab Postfilialen schlossen statt eröffneten, das hatte er wohl nicht vorausgesehen. Was also tun mit dem ererbten Haus mitten in Rietenau? Simone Alex hatte in Detmold und Hamburg Gesang studiert. Nach Bühnenengagements in Münster, Lüneburg und Hamburg entschloss sie sich, sich ganz dem Konzertgesang zu widmen und war jahrelang festes Mitglied des Rias-Kammerchors Berlin. Und nun also… Rietenau?! „Ein bisschen blauäugig war das schon“, erzählt Hans Kummer. „Zwei Privatleute in der Provinz“, die nicht einsehen wollten, „dass klassische Musik ein Privileg städtischer Kultur“ sein soll. 50 Menschen, eng geschichtet, passen in die liebevoll renovierte ehemalige Wohnstube der Schmiede, ein Flügel (der an diesem speziellen Abend gar nicht zum Einsatz kommt) und garantiert minimale Distanz zwischen Künstlern und Publikum – so ähnlich muss es gewesen sein in den Salons des 19. Jahrhunderts, als die Nächte noch dunkel waren und alle Musik live und zuhause. Nur, dass in diesem Fall eben Vollprofis musizieren. Vollprofis, die Freude an dieser ganz besonderen Atmosphäre haben und „dafür sogar das Risiko eingehen, kaum die Fahrtkosten einzuspielen, wenn der Abend nicht ausverkauft ist“, so erzählt Kummer.

Das Abendliederkonzert ist definitiv ausverkauft. Es ist eng. Es ist warm. Frische Luft gibt’s nur für die zwei vorderen Stuhlreihen und die Musizierenden. Die Lektüre des Programms – fast 40 Lieder, Musikstücke und Texte zur Nacht, das heißt auch jede Menge Wiegenlieder – weckt leise Befürchtungen, man könnte vielleicht auf halbem Wege einschlafen oder sonstwie das Bewusstsein verlieren. Aber das alles, alles ist vergessen, kaum dass die ersten Töne der Musik erklingen. Simone Alex‘ warmer klarer Alt, Editha Konwitschnys träumerische, ganz selten auch wilde Geige, Gerhard Kleesattels verlässlich-perlendes Klavierspiel und nicht zuletzt die wunderbar hingehaucht singende Klarinette von Cindy Velz – all das wird immer neu und immer anders kombiniert, darf auch mal solo erklingen, wird unterbrochen durch Gedichte zur Nacht, verbindet sich wieder, klingt ganz vertraut und fast vergessen, weht herüber aus Kindertagen, erzählt süße Träume, Nachtgedanken, Einsamkeit, Vertrauen, Heiterkeit und manchmal puren Übermut, webt einen Zauberteppich aus Musik und Worten. Viel Schumann ist da zu hören (auch, übrigens, „An den Mond“ von Clara Schumann, aber mehr noch von Robert), immer wieder Brahms, Spohr, aber auch Schubert, Humperdinck und sogar Stravinsky (sehr schön das Stück für Klarinette solo) – und bei manchem findet sich gar keine Angabe hinter dem Titel: Wer wohl hat „Muh, Kälbchen, muh“ komponiert? Das passende Gedicht zu jeder Farbe und Stimmung im Zauberteppich: Mörike, Hesse, Rilke natürlich, Kaléko, Morgenstern und andere. Fast zwei Stunden, unterbrochen von einer Pause, geht das so – keine Sekunde zu lang, kein Augenblick überflüssig und wäre da Platz, würde man sich in irgendeiner Ecke zusammenrollen und stundenlang weiterlauschen wollen.

Ein wunderbares Konzert in einer neblig-kalten Novembernacht

Fein, dass sich die Kummers getraut haben, damals vor 10 Jahren, blauäugig hin oder her, das Kulturprojekt Alte Schmiede in Rietenau zu beginnen. Feiner, dass es sich herumgesprochen hat und so wunderbar „funktioniert“. Und am Allerfeinsten, dort gewesen zu sein, beim wunderbaren Abendliederkonzert in einer neblig-kalten, dunklen Novembernacht über der alten Schmiede.

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Erstellt:
11. November 2019, 11:30 Uhr

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