Gefeierter Start der Jazzreihe im Bürgerhaus

Eigentlich sollte Bob Reynolds am Samstag auftreten. Stattdessen bekam das Alexandra-Lehmler-Quartett begeisterten Applaus.

Das Quartett sorgt für einen Abend feiner akustischer Spezialitäten. Foto: J. Fiedler

© Alexander Becher

Das Quartett sorgt für einen Abend feiner akustischer Spezialitäten. Foto: J. Fiedler

Von Carmen Warstat

Backnang. „Jazz steht wie kein anderes Genre für die Improvisation, und wir mussten dieses Mal auch improvisieren.“ Kultur- und Sportamtsleiter Johannes Ellrott sagt’s und versichert, dass das angereiste Ensemble nicht einfach ein Ersatz für den ursprünglich gebuchten Künstler Bob Reynolds ist, sondern eine Klasse für sich. Reynolds konnte pandemiebedingt nicht aus dem Ausland anreisen. Für das Alexandra-Lehmler-Quartett eine glückliche Fügung. „Gerade weil heute mein Geburtstag ist, kommen wir“, habe die Saxofonistin Alexandra Lehmler gemeint, berichtet Ellrott, und schon ist die Saxofonistin mit ihren Kollegen auf der Bühne, findet „wahnsinnig gut, dass ich Sie hören kann“, und jemand ruft: „Happy Birthday!“

Hieß eine frühe Platte noch „No Blah Blah“, so folgte 2017 „Sans mots“ („Ohne Worte“), denn es geht um „Jazz, Baby“, und genau das kennzeichnet ihre Musik: eine lakonische Ehrlichkeit, der Verzicht auf Schmeichelei, Anbiederung, Schwindel, Prahlerei. Mit den Kollegen Frederico Casagrande (Gitarre), Matthias Debus (Bass) und Patrice Héral (Drums und Gesang) gleitet Alexandra Lehmler ruhig-tastend in den Konzertabend. „Paris“ heißt das Stück, und wie der folgende „Choral No. 2“ wirkt es elegisch, man kann sich hineinfallen lassen und darin verlieren.

Dann aber wendet sich das Blatt, und der Drummer überrascht neben seinem spaßbetont locker-gelenkigen Spiel mit komödiantischer Beatbox-Scat-Comic-Rap-Performance, die von gewitzten Lektionen über Groove bis hin zu Tierlauten, Operngesang und Unterwassergeräuschen reicht, und zwar genau so lange, bis er selbst lachen muss. So erheitert Patrice Héral das Publikum und redet über seine Tochter, der er diese Sounds einst widmete: „Damals war sie vier – kleines Problem. Jetzt ist sie 25 – großes Problem.“

Auch Alexandra Lehmler scherzt ein wenig über Verwandte und neugierige Nachbarn. „Voisins imaginaires“ wird gefolgt von der Südfrankreichreise auf der „Autoroute Du Soleil“ – das ist ebenfalls quicklebendig, vital, quirlig und wird mit ersten Bravorufen schon vor der Pause bedacht.

Ihr Ehemann steht am Kontrabass und reizt zupfend, schlagend, streichend dessen gesamtes Tonspektrum aus. Gern mit Obertönen und in schönster Interaktion mit dem Drummer übernimmt Debus die rhythmische und harmonische Leitrolle. Frederico Casagrande an der Gitarre erzeugt glasklare Klänge, spielt zugleich introvertiert und – in seiner Präsenz verträumt wirkend – extrem präzise. Wie auch die Saxofonistin: schön und virtuos, ohne Effekte oder Allüren zu benötigen.

Grandios in der Tonbildung auf ihren drei Saxofonen steht Alexandra Lehmler den ganz Großen der Szene nicht nach: Auf dem Sopransax wie eine Schlangenbeschwörerin wirkend, geht ihr Ton am Altsax besonders unter die Haut, während er sich am Baritonsax in den tieferen Lagen ein wenig verliert. Letzteres mag an der Raumakustik liegen und mindert die Schönheit ihres Spiels keineswegs. Unter anderem mit den Stücken „Fly away“, „Monument“ und „Sundance“ endet ein Abend feiner akustischer Spezialitäten und Denkanstöße, denn hier und da deutet Alexandra Lehmler die metaphorische Tiefe der Musik an, fast ohne Worte, wie gesagt. „Sans mots“ eben.

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Erstellt:
2. November 2021, 06:00 Uhr

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