Gegen Grenzen im Kopf

Mannheimer Stadtensemble eröffnet Amateurtheaterfestival des Bandhaus-Theaters im Oktober.

Die Stadt wird zur Bühne. Die Mimen aus Mannheim laden zum Stadtspaziergang ein. Foto: C. Kleiner

© Christian Kleiner

Die Stadt wird zur Bühne. Die Mimen aus Mannheim laden zum Stadtspaziergang ein. Foto: C. Kleiner

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Es gibt Stimmen, die möchten „es gut sein lassen“. Nach 30 Jahren überhaupt noch von Ost und West zu sprechen, sei nicht zeitgemäß. Angesichts der Situation im formal vereinten Deutschland sehen die Amateure und Profis vom Bandhaus-Theater das anders. Sie haben deshalb je zwei Bürgerbühnen aus Ost und West zu einem Festival eingeladen, das den vielleicht provozierenden Titel „Vereinigt Euch!“ trägt. Dem frechen Imperativ wohnt freilich eine Frage inne: Warum eigentlich dauert das so lange? Die Differenzen sind bis heute viel mehr als wirtschaftlicher Natur und bei Weitem nicht klar definiert. Sie gehen nicht selten mitten durch Familien hindurch, das gilt hüben wie drüben und ist kaum einfach an der Herkunft des Einzelnen festzumachen. Ohnehin hat die Abwanderung von Ost nach West neue Familienstrukturen hervorgebracht – eine erfreuliche Entwicklung der seit der „Wende“ vergangenen mehr als 30 Jahre. Vielleicht sind die Mauer und ihre Überreste vom (Süd-)Westen daher heute nicht mehr ganz so weit entfernt.

Und doch gibt es eine Ignoranz oder Verweigerungshaltung aus Desinteresse, vielleicht auch „nur“ aus Verunsicherung dem Thema gegenüber, der die Backnanger Bürgerbühne anlässlich des Jahrestags der Wiedervereinigung etwas entgegensetzen möchte. Amateurtheatergruppen aus Mannheim, Dresden, München und Weimar werden vom 1. bis 4. Oktober ihre Projekte zum Thema vorstellen. Es handelt sich um Produktionen, die die Familie in den Mittelpunkt stellen (Weimar: „Familienfest“) oder einen Jahrhundertbogen spannen (München: „Das achte Leben. Für Brilka.“), Biografien anhand von Räumen erkunden (Mannheim: „Drüben und drüben“) oder Zeitzeugen verschiedener Generationen und Herkünfte nach ihren Erinnerungen befragen (Dresden: „Fuge 89 – Entwendete Biografien“). Auch die Backnanger Bürgerbühne leistet einen Beitrag zum Diskurs und zeigt Szenen aus ihrem Roadmovie „Die letzte Sau“. In Workshops und Nachgesprächen werden die Ensembles die Gelegenheit nutzen, einander und das Publikum näher kennenzulernen, sich auszutauschen über die Inszenierungen, über das Leben, über Gott und die Welt, über Deutschland.

Federführend liegt die Organisation des Projekts „Vereinigt Euch!“ in den Händen der Theaterleiterinnen Jasmin Meindl und Juliane Putzmann sowie von Denise Kurmann. Die Aufführungen werden vorwiegend im Bürgerhaus stattfinden, wo „Abstand mit Anstand“ kein Problem ist. Backnang ist eingeladen, zu kommen und zu schauen, zu plaudern und in Nachgesprächen zu diskutieren.

Die Mannheimer: Stadtspaziergang als Spiel im öffentlichen Raum

Sie gehören verschiedenen Generationen an und sprechen mehrere Muttersprachen. Theaterprofis sind sie nicht, wohl aber „Profis des Lebens“, die „Menschen auch außerhalb der Theaterblase erreichen“ möchten. So steht es im Manifest, das das Mannheimer Stadtensemble sich gegeben hat. Ihre Kunst begreifen seine Mitglieder als politisch, und sie verstehen sich auch als Repräsentanten ihrer Stadt. „Wir spielen keine Theaterrollen“, heißt es, sondern „arbeiten mit den Mitteln und Formen des experimentellen Theaters“. Das Nationaltheater Mannheim? „Mögen wir! Dennoch gehen wir manchmal eigene Wege.“ Als „Stimme aus der Stadt“, wie die künstlerische Leiterin Beata-Anna Schmutz es formuliert, ist das Stadtensemble weit über seine Theaterarbeit hinaus in verschiedenen Gremien aktiv und fördert die kritische Auseinandersetzung. Es gehe um das „Weiterdenken von partizipativen Projekten“. Beata-Anna Schmutz weiß: „Im Südwesten ist die Mauer sehr weit weg.“ Dabei ist ihre Wahlheimatstadt Mannheim durch eine „Grenze im Kopf“ geprägt. Diese Grenze verläuft zwischen der Neckarstadt Ost und der Neckarstadt West, erstere akademisch-fein, die andere ein Brennpunktviertel – eine Metapher in ihrer Umkehrung, wenn man es auf die deutsch-deutsche Situation überträgt, und ein Setting, das nach theatraler Bespielung ruft. Der Roman „Drüben und drüben“ von Jochen Schmidt und David Wagner beschreibt Kindheiten in Ost und West anhand von Räumen – er bildet die ideale Vorlage für ein Inszenierungsprojekt, das auf beiden Seiten Gedächtnisbilder reproduzieren und sich dem Publikum hüben und drüben „Biografie fühlend“, so Beata-Anna Schmutz, nähern möchte. Es wird nicht einfach sein, diesen Stadtspaziergang auf die Backnanger Straßen zu übertragen. Die Stadt ist in ihrer Bevölkerungsstruktur homogener als Mannheim, durchaus vorhandene soziale Differenzen sind weniger offenkundig. Mitglieder des Mannheimer Stadtensembles waren bereits mehrfach vor Ort, um die Möglichkeiten auszuloten und ihr Inszenierungsprojekt konkret zu planen. Ohne Übertragungsverluste werde es wohl nicht gehen, aber das sei eben die typische Herausforderung des Spiels im öffentlichen Raum, so die künstlerische Leiterin. Umso spannender also wird der Stadtspaziergang „Drüben und drüben“ in Backnang sein.

Vom 1. bis 4. Oktober findet das Amateur- theaterfestival statt. Wir stellen alle beteiligten Bühnen und ihre Inszenierungen auf dieser und den nächsten Kulturseiten vor. Die öffentlichen Termine wird das Theater demnächst bekannt geben.

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Erstellt:
18. September 2020, 11:30 Uhr

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